Tod der Heilgen
Repeat: Estella
Ich sehe mit einem Keuchen auf meine Schuhe hinab, die bei jedem Schritt für einen kurzen Moment unter meinem Rock zum Vorschein kommen. Nach Tagen des Marschierens sind sie so durchgelaufen, dass ich den Boden durch die Sohlen hindurch spüren kann und trotz Hilenas regelmäßiger Heilungen schmerzen mir die Füße, dass ich mich am liebsten weigern würde, einen weiteren Schritt zu machen. Sogar Annie, auf die ein Auge zu haben Mikail mich gebeten hat, geht lieber mit Dalton, der ihr im Gegensatz zu mir eine Stütze sein kann.
Es ist so weit gekommen, dass ich Mikails Vorschlag, mich von ihm tragen zu lassen, ohne zu zögern annehmen würde, sollte er es noch einmal anbieten. Selbst auf Kosten meines Stolzes, den hinunterzuschlucken ich noch nie so bereit war.
Nur ist es Mikail momentan unmöglich, mir irgendetwas anzubieten, da er nicht an meiner Seite ist. Seit die Heilige Blut gehustet hat, lässt er sie nicht mehr aus den Augen und obwohl ich seine Sorge durchaus nachvollziehen kann, beunruhigt mich etwas daran. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es um mehr als die Gesundheit Ihrer Heiligkeit geht.
Unweigerlich wandern meine Gedanken zum gestrigen Tag zurück und zu Mikails Verhalten, nachdem er mit der Heiligen aus dem Wald zurückgekehrt ist. Zu der Art, wie er Eden angesehen hat, wie er mit ihm gesprochen und ihm befohlen hat, mit ihm zum Fluss zu kommen. Mikail war schon immer ein sanftmütiger Mensch. Selbst wenn er mit Leuten spricht, die er nicht mag, ist er respektvoll und höflich. Aber gestern war er wütend. So wütend, dass er nah dran war, die Beherrschung zu verlieren.
Und dann war da das Lächeln auf den Lippen Ihrer Heiligkeit. Ein zufriedenes, fast schon höhnisches Lächeln, das sehr viel echter war, als jedes Lächeln, dass ich bisher von ihr gesehen habe. Und ich weiß nicht, ob ihr Hohn Eden galt, weil er Mikail nichts entgegensetzen konnte, oder Mikail, weil er genau das tat, was sie wollte. Oder ob es nicht doch meine Eifersucht ist, die sich diesen Hohn eingebildet hat, und sie nur gelächelt hat, weil sie Mikail dankbar war.
Ich seufze tief und versuche, meinen Mund zu entspannen. Es ist eine unfeine Angewohnheit, auf der Lippe zu kauen, insbesondere dann, wenn die Lippen ohnehin schon trocken und rissig sind.
»Alles in Ordnung?«, fragt Hilena, die neben mir geht, und sie ergreift meine Hand, woraufhin sich automatisch eine angenehme Wärme in meinem Körper ausbreitet, die meine Schmerzen lindert.
Ich schenke ihr ein Lächeln. »Ja, vielen Dank.«
»Es ist ermüdend«, sagt Hilena mit einem erschöpften Lächeln. »Aber laut Ihrer Heiligkeit sollten wir das erste Dorf bald erreichen.«
Ich nicke und versuche ebenfalls an die Zukunft zu denken. Wenn wir den Wald verlassen haben, müssen wir nur noch einen Weg finden, Alba eine Nachricht zukommen zu lassen. Dann wird er uns holen kommen und diese schreckliche Situation wird enden.
»Ich hoffe nur, Ihre Heiligkeit verausgaben sich nicht zu -« Hilenas Stimme, die leiser geworden ist, als sie über die Schulter gesehen hat, bricht abrupt ab.
Ich runzle die Stirn und sehe ebenfalls nach hinten. Ich weiß, dass Mikail und Ihre Heiligkeit ganz hinten laufen und aufgrund der Verfassung Ihrer Heiligkeit, befürchte ich schon, dass wir sie versehentlich abgehängt haben. Aber das haben wir nicht.
Mein Rock gleitet mir aus den Fingern.
Mikail steht nur einige Meter hinter uns und in seinen Armen trägt er die Heilige. Ihr braunes Haar, das selbst nach Tagen im Wald nur leicht zerzaust aussieht, fällt geschmeidig über ihren Rücken und seinen Arm, der ihre Taille hält. Der Stoff ihres schneeweißen Gewands fließt elegant bis kurz über den Boden, als wäre die Länge auf Mikails Größe abgestimmt worden. Und dann sind da ihre Blicke. Das Lächeln auf dem Gesicht Ihrer Heiligkeit ist nicht nur echt, es ist so strahlend, dass es jeden bezaubern könnte. Und Mikail, der bisher jede noch so schöne Frau mit höflicher Distanziertheit behandelt hat, zeigt einen Ausdruck von Verlegenheit, mit geröteten Wangen und einem nervösen Blick, als würde die Nähe der Heiligen ihm sämtliche Selbstkontrolle rauben.
Das beklemmende Gefühl in meiner Brust, das ich bekämpft und ignoriert habe, so gut es geht, schnürt mir nun die Luft ab.
»I-Ihre Heiligkeit müssen sehr müde sein«, stammelt Hilena, denn offenbar ist es mir vom Gesicht abzulesen, was ich denke. »Und wir müssen so schnell wie möglich vorankommen.«
Ich schmecke Blut im Mund, doch ich kann mich nicht einmal ermahnen, meine Lippe von meinen Zähnen zu befreien. Alles, was ich tun kann, ist Mikail anzustarren, der nun wieder zu uns aufschließt, nach wie vor einen Ausdruck auf dem Gesicht, der seinen Gemütszustand zu deutlich verrät.
Sein Blick trifft meinen und jede Faser meines Körpers spannt sich an, in Erwartung seiner Reaktion. Aber er nickt mir nur kurz zu, bevor er wieder wegsieht.
Kälte kriecht meine Fingerspitzen hinauf. Was war das? Sollte mir das etwas sagen? Aber Mikails Blick war kurz und ich habe weder Schuldgefühle noch Unbehagen darin gesehen. Es war mehr ein Nicken, das mich daran erinnern sollte, dass er mich nicht vergessen hat. Aber macht es das besser?! Er trägt vor meinen Augen, vor den Augen seiner Verlobten, eine andere Frau in seinen Armen!
»Mikail!« Edens wuterfüllte Stimme ist laut genug, um sogar meine wirbelnden Gedanken zu durchbrechen. »Was soll das?! Nimm sofort deine Hände von ihr!«
»Beruhigt Euch, Euer Hoheit. Ich erinnere mich, dass Ihr Ihre Heiligkeit dazu überreden wolltet, sich helfen zu lassen, damit wir schneller vorankommen«, sagt Mikail, aber seine Stimme klingt nicht höflich und ruhig wie sonst. Er hat nicht einmal den Anstand stehenzubleiben.
»Aber nicht von dir! Du bist ein verlobter Mann!«, beharrt Eden und meine Brust fühlt sich noch enger an, als er genau die Worte sagt, die auch mir auf der Zunge liegen. Zugleich weiß ich nicht, ob ich Mikails Antwort darauf hören möchte.
»Stellt Ihr meine Absichten infrage?«
Ich zucke zusammen, obwohl sich seine Worte nicht an mich richten. Er klingt wütend und mit einem Mal schäme ich mich so sehr, dass ich ihn kaum noch ansehen kann. Denn ich habe seine Absichten ebenso infrage gestellt. Obwohl ich Mikail besser als jeder andere kennen sollte, obwohl ich als seine Verlobte an seiner Seite stehen und ihm vertrauen sollte. Er trägt die Heilige nicht, weil er es gerne möchte, sondern weil sie krank ist und seine Hilfe braucht. Er tut es, weil er ein anständiger Mann ist. Wie kann ich ihm das vorwerfen?
»Ich habe ihm meine Erlaubnis gegeben«, sagt nun auch die Heilige mit ruhiger Stimme.
Meine Zähne graben sich erneut in meine Lippe. Ich kann nicht anders, als mich zu fragen, wieso sie sich ausgerechnet Mikail ausgesucht hat. Sie weiß, dass er verlobt ist, als einziger Mann in unserer Gruppe. Wieso hat gerade er ihre Erlaubnis bekommen?
»Ich verstehe, dass du unerfahren in diesen Dingen bist, Lorelai, aber das ist höchst unangebracht! Eine unverheiratete Frau sollte niemals in den Armen eines Mannes liegen, der mit einer anderen verlobt ist!«
»Eine unverheiratete Frau, Euer Hoheit? Ihr sprecht doch nicht von mir, oder?« Es schwingt Empörung in ihrer Stimme mit, als ob sie tatsächlich glauben würde, dass es einen Unterschied machen würde, dass sie die Heilige ist. Mein Onkel ist das beste Beispiel dafür, dass dem nicht so ist!
»Natürlich spreche ich von dir, von wem sonst? Es führt nur zu Missverständnissen, wenn du weiter so unbedacht handelst.«
»Das Missverständnis liegt bei Euch, Euer Hoheit«, erwidert die Heilige kühl. »Ich bin keine ‚unverheiratete Frau‘, ich bin die Heilige. Familienstand hat für mich keinerlei Bedeutung und ich habe keinerlei Bedeutung für den Familienstand eines Mannes, ganz gleich wer er ist.«
»Du bist so schrecklich naiv, Lorelai. Ich dachte, ich habe dir oft genug erklärt, dass jeder Mann eine Gefahr für dich ist, egal wie harmlos er sich gibt.«
Darauf hat die Heilige keine Antwort, stattdessen antwortet Mikail. »Ihr solltet aus dem Weg gehen, Euer Hoheit.« Da ist ein Beben in seiner Stimme, als könne er kaum an sich halten, aber ich wage nicht den Blick zu heben. Ich will nicht sehen, dass ich mich nicht verhört habe. Ich will mich nicht fragen müssen, weshalb Mikail so wütend ist, wenn es ihm doch nur darum geht, Ihrer Heiligkeit zu helfen.
»M-Mikail kann überraschend gedankenlos sein«, sagt Hilena plötzlich mit hoher, angespannter Stimme. »Es muss für ihn wahrlich bedeutungslos sein, Ihre Heiligkeit zu tragen.« Sie versucht, mich zu besänftigen. Aber die Tatsache allein, dass sie die Notwendigkeit dafür sieht, sagt mir, dass auch sie Mikails Verhalten hinterfragt.
Ich zwinge ein Lächeln auf mein Gesicht, was mir noch nie so schwergefallen ist. »Natürlich ist es das«, sage ich so beherrscht wie möglich. »Er hat mir selbst gesagt, dass er Ihre Heiligkeit nicht als Frau betrachtet. Du weißt ja, wie er ist. Frauen beißen sich an ihm die Zähne aus.« Ich habe selbst keine Ahnung, wie ich es schaffe, dass diese Worte meinen Mund verlassen. Oder wie ich die Schamlosigkeit besitze, hämisch zu klingen, obwohl auch ich eine dieser Frauen bin. Aber es passiert irgendwie.
Hilena lächelt erleichtert. »Du hast recht. Mikail ist ein guter Mann.«
Und so gehen wir weiter. Mikail läuft nun mit der Heiligen an der Spitze und ich drossle mein Tempo, sodass ich ganz hinten laufe. Hilena bleibt bei mir und versucht mehrmals, ein Gespräch in Gang zu bringen. Aber alles, was sie sagt, kommt mir so belanglos vor, dass ich mich nicht recht darauf einlassen kann. Und schließlich sagt sie, sie wolle etwas mit Jake besprechen und lässt mich allein.
Ich bin dankbar dafür, denn das erspart es mir, weiter Gelassenheit vorzutäuschen. Aber dann tritt Eden neben mich. Fast so, als hätte er nur darauf gewartet, dass Hilena mich allein lässt.
»Du solltest aufpassen, Stella«, sagt er mit eindringlicher Stimme, den Blick geradeaus gerichtet, als wollte er ein Loch in Mikails Rücken bohren.
Ich sehe kategorisch woandershin. Ich weiß, was er sagen will und ich will es nicht hören.
»Mikail spielt den ehrenhaften Goldjungen sehr gut, aber er ist und bleibt ein Mann.«
»So wie Ihr, Onkel?«, frage ich scharf, um ihn daran zu erinnern, dass ich weiß, weshalb er so aufgebracht ist.
»Schlimmer als ich. Ich stehe zu dem, was ich bin, und enttäusche keine Verlobte.«
Gegen meinen Willen verzieht sich mein Gesicht. »Wer sagt, dass ich enttäuscht bin?«
»Wie könntest du das nicht, wenn du deinem perfekten Mikail dabei zusehen musst, wie er Lorelai umschwärmt wie eine Schmeißfliege.«
»Er hilft ihr nur, weil ihre Gesundheit ihr zu schaffen macht.«
»Und dazu ist es nötig, mir zu drohen, damit ich mich von ihr fernhalte?«
Ich erstarre. »Wovon sprecht Ihr?«
Ein Grinsen umspielt seine Lippen, aber die Wut in seinem Blick ist unverkennbar. »Überrascht dich das? Dachtest du, Mikail wäre nicht fähig dazu?« Er senkt die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Deine Verlobung mit ihm verfolgt ein politisches Ziel und natürlich ist ihm daran gelegen, dich bei Laune zu halten. Aber was denkst du, was er hinter deinem Rücken alles tut?«
»Das ist doch Unsinn!«, fauche ich, obwohl es stimmt, dass unsere Verlobung eine Vereinbarung zwischen unseren Familien ist und besprochen wurde, noch bevor ich Mikail kannte. Aber ich weiß, was für ein Mann er ist. Er verabscheut aufgesetztes Verhalten, Lügen und Hinterhältigkeit.
»Und warum wird er so wütend, wann immer es um Lorelai geht? Du hast ihn gesehen. Er will sie für sich beanspruchen und ich komme ihm in die Quere.«
Ich schlucke schwer. »Mikail ist nicht so«, sage ich, aber meine Stimme klingt nicht halb so überzeugt, wie sie sollte.
»Wie du meinst. Wenn du lieber still dabei zusehen willst, wie er Lorelai verfällt.« Er schnaubt spöttisch. »Oder vielleicht bereitest du dich nur auf deine Zukunft vor. Wenn er dir jetzt schon eine andere Frau vorzieht, wie wird es dann erst sein, wenn ihr verheiratet seid?«
»Ihr nehmt Euch zu viel heraus!«, fauche ich, aber auch diesmal fehlt es meiner Stimme an Kraft.
»Ich gebe dir nur einen Rat, meine liebe Nichte. Denn wenn er so ein ehrenhafter Mann wäre, wieso ist er nicht bei dir? Deine Füße schmerzen, das sehe sogar ich, aber er beharrt darauf, Lorelai zu tragen, und das, obwohl sie ihn abgewiesen hat. Wer weiß, wie lange er auf sie eingeredet hat, damit sie ihm nachgibt.«
Ich presse die Lippen aufeinander. Ich will das nicht hören! Ich will ihm sagen, dass er still sein soll. Aber ich weiß, dass meine Stimme noch schwächer klingen würde, würde ich jetzt den Mund aufmachen. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mir fest auf die Lippe zu beißen, den Blick auf meine Füße gerichtet, und einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Wir laufen für zwei Stunden und Mikail setzt Ihre Heiligkeit nicht einmal ab. Ich frage mich, wie lange er sie getragen hätte, wenn wir nicht vom Regen gezwungen worden wären, eine Pause zu machen. Den Regen, den die Heilige vorhergesehen hat. Denn auch dieses Mal hat sie einen Weg gefunden, hilflos und hilfreich zugleich zu sein.
Und so, obwohl meine Füße trotz Hilenas Heilung taub sind und ich nichts lieber will, als mich auszuruhen, gehe ich zu Mikail, sobald er Ihre Heiligkeit abgesetzt hat. Ich weiß, dass er sich nicht ausruhen wird, und das werde ich auch nicht tun. Ich sorge dafür, dass er auch mich ansieht!
»Ich helfe dir«, sage ich, während ich vor Mikail trete, der mit zügigen Schritten Richtung Fluss gegangen ist.
Er macht ein überraschtes Gesicht, als käme es völlig unerwartet für ihn, dass ich ihn anspreche. »Wobei?«
Ich lächle und ignoriere die Verwirrung in seiner Stimme, als könne er sich nicht vorstellen, wobei ich ihm helfen wollen würde. »Du wolltest gerade nach etwas zu essen suchen.«
Mikail blinzelt, als wäre er ein weiteres Mal überrascht. Aber dann breitet sich ein warmes Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Es ist in Ordnung, Stella. Du solltest dich ausruhen«, sagt er und bei seinem sanften Tonfall wird mir warm ums Herz. Ich spüre, wie die Wut, die ich trotz aller Bemühungen gegen ihn verspürt habe, dahinschmilzt. Das Bild von ihm und Ihrer Heiligkeit in seinen Armen stört mich noch immer, aber wie könnte ich ihm weiter böse sein, wenn ich in seine warmen grünen Augen sehe, die meinen Blick mit solcher Unschuld erwidern. Eine Unschuld, die mir sagt, dass er nicht die leiseste Ahnung hat, dass ich wütend auf ihn war. Und so frustrierend diese Erkenntnis ist, so sagt sie mir doch, dass er tatsächlich keine anderen Gedanken hatte, als Ihrer Heiligkeit zu helfen.
»Das solltest du auch«, sage ich mit einem Gefühl von Leichtigkeit in der Brust, als könnte ich nach langem endlich wieder atmen. »Du hast Ihre Heiligkeit getragen.«
»Ihr solltet Euch beide ausruhen.« Jake tritt neben Mikail und macht eine Geste, als wolle er uns auffordern, uns unter den Bäumen niederzulassen. Dabei wirft er mir einen Blick zu. »Dalton und ich können gehen.«
»Es geht schneller, wenn ich helfe«, sagt Mikail sofort, als hätte er diesen Vorschlag nicht einmal in Erwägung gezogen.
Ich bedenke Jake mit einem kurzen Blick. Er ist die Art von Person, die rücksichtslos und unaufmerksam erscheint, es aber nicht ist und ich bin mir sicher, dass er weiß, weshalb ich gerade meine Hilfe anbiete. »Dann sollte ich auch helfen!«
Mikail sieht mich an, ein Ausdruck von Ratlosigkeit auf dem Gesicht. »Du siehst müde aus, Stella. Ich will nicht, dass du dich überanstrengst.«
Ich nicke. »Dasselbe gilt für mich in Bezug auf dich.«
»Mir geht es gut.«
»Ihr solltet euch beide ausruhen«, sagt Jake und legt Mikail eine Hand auf die Schulter, während er ihn eindringlich ansieht. Für mich ist es offensichtlich, dass er Mikail signalisieren will, dass er nachgeben soll, auch wenn er nicht müde ist. Aber Mikail sieht verwirrt aus.
»Ihr könntet einfach alle hierbleiben«, sagt eine leise, melodische Stimme und ich versteife mich unwillkürlich. Alles in mir wünschte, ich könnte sie einfach ignorieren, aber ich drehe den Kopf in die Richtung, wo die Heilige sitzt.
Sie hält eine schwarze Beere in den Fingern, die sie offenbar von dem Busch vor sich gepflückt hat. Einem Busch, der vorhin noch kahl gewesen ist, doch jetzt Blätter und große schwarze Beeren trägt. Sie schenkt Annie, die bei ihr sitzt, ein aufforderndes Lächeln, woraufhin sie sich ebenfalls an den Beeren bedient.
Ich werfe Mikail einen Blick zu.
Er hat ein Lächeln auf dem Gesicht, voller Erleichterung und Zuneigung. Und ich kann nicht sagen, wem es gilt.
Ich beiße mir auf die Lippe.
Sie hat mal so eben einen Busch erblühen lassen, aber warum sollte ich mich davon einschüchtern lassen? Ich gehe zu ihr und betrachte den Busch. »Das reicht nicht für uns alle!«, bemerke ich, entschlossen, mich nicht einschüchtern zu lassen. Wir sind zu acht und können nicht alle nur von diesem mickrigen Busch essen. Zumal Beeren allein auch nicht sehr nahrhaft sind.
Die Heilige sieht zu mir auf, eine Stirnrunzel auf dem Puppengesicht. Aber dann schnippt sie mit den Fingern und mit einem leisen Rascheln erblühen auch die restlichen Büsche um uns herum. Es ist, wie mit dem Pfirsichbaum, als würde Gottes Atem über sie streichen und ihnen Leben einhauchen. Da die Heilige ihre Macht von Gott bekommt, ist das auch nah an der Wahrheit. Und sie benutzt seine Macht so leichtfertig und verschwenderisch, denn jetzt sind es so viele Büsche, dass wir gar nicht alle Beeren essen können.
»Wir können nicht ausschließlich Beeren essen«, sage ich, während ich die Büsche betrachte, die zudem noch sehr auffällig zwischen den kahlen Bäumen hervorstechen. »Und habt Ihr schon einmal daran gedacht, dass es gefährlich sein könnte, wenn Ihr Büsche mit Eurer Magie blühen lasst? Was, wenn die Soldaten das entdecken?«
Als ich wieder zu Ihrer Heiligkeit sehe, starrt sie mich noch immer ausdruckslos an, als hätte sie keine Ahnung, wovon ich rede. Und jetzt, wo ich darüber nachdenke, gibt es einige Gerüchte darüber, dass die Heilige nicht den klügsten Kopf auf den Schultern trägt. Wenn ich mir den Blick in ihren Augen ansehe, scheint da etwas dran zu sein.
»Wieso sagst du das, Stella?«
Ich zucke zusammen und sehe Mikail an. Er ist neben mich getreten und mustert mich mit gerunzelter Stirn und einem Blick, der mir sagt, dass er mir nicht zustimmt. Mehr noch, dass er verärgert ist.
»Ihre Heiligkeit versuchen zu helfen.«
Ich starre ihn an und Kälte breitet sich in meiner Brust aus, als ich begreife, dass er mir in den Rücken fällt. Aber warum? Ich habe nichts Falsches gesagt. Und selbst wenn, ich bin seine Verlobte! Wie kann er sich auf die Seite einer anderen Frau stellen?!
»Ihre Hoheit hat aber recht damit, dass es auffallen wird, wenn in einem praktisch kahlen Wald ein paar Büsche grün sind und Früchte tragen«, sagt Jake, aber anstatt dankbar für seine Unterstützung zu sein, fühle ich nur Scham darüber, dass er genug Mitleid mit mir empfindet, um sich genötigt zu sehen, sich auf meine Seite zu stellen.
»V-Vielleicht können wir die Blätter von den Büschen abreißen, damit sie wieder kahl sind«, sagt auch Hilena, aber auch das ändert nichts.
Mikail seufzt und als ich ihm einen Blick zuwerfe, ist seine Miene weicher. »Wir können uns etwas überlegen, nachdem wir gegessen haben.« Er geht neben einem der Büsche in die Knie und beginnt einige Beeren zu pflücken. »Ich werde schauen, ob ich noch etwas anderes finden kann.« Bei den letzten Worten wirft er mir einen Blick zu und ein schwaches Lächeln umspielt seine Lippen. Er steht auf und ich verstehe, dass er nur wegen meiner Worte losgehen wird, anstatt sich auszuruhen.
»Nein, Mikail.« Ich packe seinen Arm. »So habe ich es nicht gemeint. Bleib hier.« Ich habe mich hinreißen lassen. Wir machen nur eine Pause. Die Beeren sind nicht unser Essen für den Tag und sollten reichen, um etwas Energie aufzustocken. Ich hätte nichts sagen sollen. Alles, was ich getan habe, war unhöflich zu Ihrer Heiligkeit zu sein, natürlich hat das Mikail verärgert.
»Die Beeren sind wirklich lecker, Eure Heiligkeit!«, sagt Annie, als wäre ihr entgangen wie angespannt die Situation ist. Sie lächelt die Heilige fröhlich an. Aber offensichtlich haben die Beeren einen unschönen Nebeneffekt, denn ihre Lippen und Zähne sind schwarz.
Die Heilige lacht. »Das freut mich. Ihr könnt Euch ruhig bedienen.«
Ich hatte den Eindruck, dass sie und Annie gut miteinander auskommen. Aber sie weist Annie nicht auf ihre unvorteilhafte Lippenfarbe hin. Ich räuspere mich. »Annie, du hast schwarze Lippen«, sage ich, denn solche Hinweise gibt man am besten so direkt und eindeutig wie möglich, damit die betroffene Person sofort versteht, worum es geht und sich darum kümmern kann, um nicht in Verlegenheit zu geraten.
»Oh.« Annie hebt hastig ihre Hand, um ihren Mund zu verbergen. »T-Tut mir leid.«
Ich will mein Taschentuch hervorziehen, um es ihr anzubieten.
»Wieso?«, fragt die Heilige und ich halte inne.
Sie steckt sich eine Beere in den Mund, als würde sie sich keine Sorgen darum machen, ob ihre Lippen davon schwarz werden. »Ihr habt gesagt, es schmeckt Euch. Und die Farbe steht Euch.« Sie zwinkert Annie zu, deren beschämter Gesichtsausdruck daraufhin wieder von einem Lächeln ersetzt wird.
Ich beiße mir auf die Lippen. Ich habe Annie nicht auf ihre schwarzen Lippen hingewiesen, um ihr einen Vorwurf zu machen. Aber ich sage nichts mehr. Es scheint, dass ich momentan nur Dinge sagen kann, die mich unfreundlich erscheinen lassen.
Ich setze mich so weit es geht von Ihrer Heiligkeit entfernt auf den Boden und ziehe meine Schuhe aus, um meine Füße zu massieren. So habe ich eine Beschäftigung und eine Ausrede keine Beeren zu essen.
»Es tut mir leid, dass ich nicht mehr tun kann.« Hilena setzt sich neben mich und an ihrem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass sie das nicht nur wegen meiner Füße tut.
»Wofür entschuldigst du dich? Deine Füße schmerzen bestimmt nicht weniger. Und du kannst nichts dafür.« Ich kenne mich mit Heilmagie nicht aus, aber nachdem die Heilige wegen einer Überbelastung Blut gehustet hat, verstehe ich weshalb Hilena mich nur sporadisch heilt.
»Stella!«
Ich beiße mir auf die Lippe. Nach allem, was gewesen ist, weiß ich nicht, wie ich ihm gegenübertreten soll und doch richte ich erwartungsvoll meinen Blick auf ihn, als hätte ich keine Kontrolle darüber. Und ich verberge meine Füße hastig unter meinem Rock.
Mikail geht vor mir in die Hocke und mustert mich besorgt. »Ist alles in Ordnung? Du siehst blass aus. Tun dir die Füße weh?«
Natürlich ist ihm aufgefallen, dass etwas nicht stimmt. Auch wenn er offensichtlich die Feinfühligkeit eines Steins besitzt, wenn es darum geht, wie er andere Frauen behandeln sollte. »Es ist nichts«, sage ich und meine Stimme klingt sehr viel schnippischer als beabsichtigt.
Etwas, das Mikail nicht entgeht, denn er runzelt leicht die Stirn. »Du solltest etwas essen«, sagt er dann und hält mir seine Hand hin, in der er einige Beeren gesammelt hat. »Sie sind süß und saftig. Aber wenn du noch etwas Wasser -«
»Nein, danke.« Ich verschränke die Arme vor der Brust und drehe den Kopf zur Seite.
Was tue ich? Ich wollte ihn nicht unterbrechen oder den Eindruck erwecken, ich wäre wütend auf ihn.
»Wenn etwas nicht stimmt, sag es mir, damit -«
»Es ist alles in Ordnung!«, unterbreche ich ihn ein zweites Mal. Auch diesmal war es nicht meine Absicht, einen so kühlen Tonfall anzuschlagen. Aber wie könnte ich ihm sagen, dass es mich stört, dass er der Heiligen hilft? Es würde den Anschein erwecken, dass ich ihm nicht vertraue. Noch dazu haben wir momentan größere Probleme als meine lächerlichen Gefühle.
»Wenn es um Ihre Heiligkeit geht, dann -«
Ich zucke zusammen. »Ich habe gesagt, es ist alles in Ordnung!«, fauche ich ihn an, nur um mir dann auf die Zunge zu beißen. »Tut mir leid«, murmle ich und wage nicht, ihm in die Augen zu sehen. »Ich bin erschöpft, aber ich brauche keine Hilfe.«
Mikail antwortet nicht sofort und ich weiß, dass er mich mustert und sich wahrscheinlich fragt, weshalb ich mich benehme wie ein Kind mit einem Trotzanfall. »In Ordnung«, sagt er dann mit ruhiger Stimme. »Wenn du etwas brauchst, sag es mir. Du auch, Hilena.« Ich höre, wie er lächelt und sehe aus dem Augenwinkel, wie er Hilena die Beeren gibt. Dann steht er auf.
Ich will ihm sagen, dass er bleiben soll und sich auch ausruhen soll. Aber wie könnte ich das, nachdem ich so unfreundlich war. Ich beiße mir auf die Lippe und sehe zu, wie er sich von mir entfernt. Und meine Lippe beginnt zu schmerzen, als ich beobachte, wie er ausgerechnet zu Ihrer Heiligkeit geht.
Ich schließe die Augen. Er geht nur zu ihr, um etwas mit ihr zu besprechen. Es gibt keinen Grund, sich darüber aufzuregen. Es hat wahrscheinlich mit unserer Reise zu tun. Ich muss aufhören, mich so kindisch zu benehmen!
Hilena räuspert sich. »Was denkst du, wie lange es dauern wird, bis wir wieder zu Hause sind?«, fragt sie und ich nehme an, dass sie versucht mich abzulenken.
Ich seufze. »Ich weiß es nicht. Das kommt darauf an, wie schnell wir eine Nachricht nach Libera schicken können. Ich bezweifle, dass das von einem kleinen Dorf in Sotton aus möglich ist.«
»Ja, das denke ich auch.« Sie nickt. »Jake hat gesagt, in Sotton benutzen sie Portalsteine, sodass wir schnell in die Hauptstadt reisen können. Aber dazu müssen wir erst eine Stadt finden, in der sich ein Portalstein befindet.«
Ich sehe auf ihre Hand hinab, in der sie die Beeren hält, die Mikail ihr gegeben hat. Sie hat sie nicht angerührt und hält sie nun recht unbeholfen, als wisse sie nicht, was sie damit tun soll.
Ich nehme eine Beere und stecke sie mir in den Mund. Sie sind süß und saftig, so wie Mikail gesagt hat. »So einfach ist es nicht. Sotton benutzt Portalsteine, aber sie kontrollieren auch, wer hindurchgeht.«
Hilena starrt mich an, als hätte ich etwas Seltsames getan.
»Aber ich denke, es wird ähnlich schwierig, eine Nachricht zu schicken, wenn sie das Land verlassen soll. Und den ganzen Weg laufen können wir auch nicht.« Ich esse noch eine Beere, während ich darüber nachdenke. Tatsächlich war ich bisher so mit anderen Gedanken beschäftigt, dass ich nicht daran gedacht habe, dass diese Reise wahrscheinlich sehr viel länger wird, als ich gehofft hatte.
Theoretisch gibt es einige Möglichkeiten schnell nach Libera zu kommen, aber es könnte zu einem diplomatischen Problem werden, wenn Sotton erfährt, dass wir hier sind. Immerhin haben wir uns deshalb vor den Soldaten versteckt.
»Das hat Jake auch gesagt. Er dachte, es wäre gut, wenn wir einen Adligen finden, der uns wohlgesonnen ist.«
Es stimmt, dass es mehrere Adlige in Sotton geben sollte, die bereit sind, uns zu helfen. Seit der Verlobung meines Bruders mit Prinzessin Tanari von Sotton gibt es einige Familien in beiden Königreichen, die Hoffnungen in unser Bündnis setzen. Aber ich frage mich, ob Jake das wirklich gemeint hat, als er ‚uns‘ gesagt hat.
Doch was wir auch tun werden, sicher ist, dass ich mehr tun können werde, als in diesem schrecklichen Wald! Mehr als die Heilige, die sich seit Jahren aus der Politik heraushält und nicht nur keine persönlichen Beziehungen pflegt, sondern auch wenig Erfahrung haben dürfte.
Dazu kommt, dass wir Transportmittel in Anspruch nehmen werden können, sodass die Heilige sich nicht mehr so verausgaben muss.
»Gah!«
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als Mikail plötzlich einen Schrei von sich gibt. Ich hebe abrupt den Kopf, um zu erfahren, was los ist, und sehe wie Mikail sich krümmt, als hätte er Schmerzen. Und neben ihm sitzt die Heilige und lacht.
Noch bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann, bin ich aufgestanden und meine Füße tragen mich von ganz allein zu den beiden hinüber. »Was tut Ihr?!«, frage ich Ihre Heiligkeit in scharfem Tonfall. Denn wie könnte ich meine Wut zurückhalten? Er hat sie für ganze zwei Stunden getragen und anstatt dankbar zu sein, lacht sie ihn aus, während er Schmerzen hat.
»Schon in Ordnung, Stella. Ihre Heiligkeit haben mir nur etwas gezeigt«, sagt Mikail, aber ich bin nicht bereit, ihr zu verzeihen, nur weil Mikail zu nett ist.
»War es nötig, dich dafür zu verletzen?!« Ich sehe die Heilige an, um ihr zu signalisieren, dass ich hören will, was sie zu sagen hat. Aber wie schon zuvor bei den Beeren sieht sie mich ausdruckslos an, als verstehe sie die Situation nicht. Es ist ein über die Maßen frustrierender Blick.
»Ich habe mich nur erschreckt. Sie hat mir nichts getan«, beharrt Mikail weiter und ich hätte ihn am liebsten gefragt, weshalb er eine so unterwürfige Haltung gegenüber der Heiligen einnimmt.
Aber da antwortet sie mir tatsächlich. »Welchen Grund sollte ich haben, Lord Mikail zu verletzen?« Ihre Stimme ist ruhig und frei von jeder Schuld. Und ich erschaudere unwillkürlich, als sie seinen Namen sagt.
Aber so sehr ich es bedauere, ich kann nicht weiter auf die Heilige einreden, nachdem Mikail selbst gesagt hat, dass alles in Ordnung ist. »Ich habe mich wohl auch erschreckt«, sage ich und zwinge mich zu einem ruhigen Tonfall. »Aber wo ich schon einmal mit Euch spreche, Eure Heiligkeit haben doch kein Problem damit, wenn ich die Büsche vernichte, da wir uns bald wieder auf den Weg machen wollen.« Es ist eine plötzliche Eingebung, aber nicht nur bin ich die Einzige, die eine so destruktive Macht wie Feuer beherrschen kann, in diesem Moment kommt mir nichts gelegener als ein Ziel für meine Wut. Und dass es sich dabei um etwas handelt, das die Heilige erschaffen hat, ist umso besser.
»Annie, Dalton. Geht von den Büschen weg«, sage ich, mit einem erwartungsvollen Kribbeln in den Fingern. Ich höre, wie Mikail etwas sagt, aber ich konzentriere mich auf mein Mana, dass fast von allein in mir aufsteigt. »Oh, brennendes Feuer!«, murmele ich, während ich mich auf das warme Gefühl konzentriere, dass meinen rechten Arm hinaufsteigt.
Kontrolle ist bei Feuermagie besonders wichtig und obwohl ich am liebsten all meine Kraft in die Flammen gesteckt hätte, konzentriere ich mich darauf, mein Mana korrekt auszulegen. Das ist wichtig, um das Feuer nur an dem Ort brennen zu lassen, an dem es brennen soll. Es ist vergleichbar damit, eine Lunte zu legen.
Natürlich wäre es einfach, zu jedem Busch zu gehen und ihn anzuzünden, aber auch wenn ich lange nicht an Ihre Heiligkeit heranreiche, bin ich doch auch eine Magierin. Und ich bin stark genug, um mit Leichtigkeit etwas zu zerstören, dass sie erschaffen hat.
Mein Blick huscht zur Heiligen, die völlig unbeeindruckt neben einem der Büsche sitzt.
Ich konzentriere mich auf eben diesen Busch im Besonderen, damit sie die Hitze spürt. Sie soll wenigstens spüren, dass mein Feuer heißer brennt als eine gewöhnliche Flamme.
Doch dann passiert etwas Unerwartetes. Ich spüre ein Beben in meinem Mana. Und dann ist es weg. All mein Mana, das ich für meinen Zauber ausgelegt habe, ist auf einmal nicht mehr da und sogar das Mana, dass ich gerade verwenden wollte, wird aus meinem Körper gerissen.
Ich keuche und krümme mich, denn es ist ein Gefühl, als würde mir sämtliche Luft zum Atmen aus den Lungen gepresst. Was passiert hier? Es ist nicht das erste Mal, dass mir ein Zauber misslingt, aber es hat sich noch sie so angefühlt. Außerdem bin ich sicher, dass ich keinen Fehler gemacht habe.
»Stella! Geht es dir gut?« Mikail ist sofort an meiner Seite und stützt mich. Aber ich wünschte, er hätte das nicht gesehen. Ich wollte ihm nicht einmal mehr beweisen, wie inkompetent ich bin.
»Euer Hoheit.« Die Stimme Ihrer Heiligkeit klingt um einiges weniger besorgt. In meinen Ohren klingt sie herablassend. Und jetzt, wo ich darüber nachdenke, war dieser Druck, den ich gefühlt habe, dem ähnlich, den ich gespürt habe, als sie die Gargoyle getötet hat. Das würde bedeuten, dass mein Zauber nicht wirklich misslungen ist.
Die Heilige tritt vor mich. »Wenn Ihr so wenig Kontrolle über Euer Mana habt, solltet Ihr davon absehen, es einzusetzen.«
Ja, denke ich, es muss sie gewesen sein. »Ich wollte verhindern, dass Eure Magie entdeckt wird!«, erwidere ich mit fester Stimme und sehe sie an, in der Hoffnung, dass sie versteht, dass ich weiß, was sie getan hat.
Aber die Heilige schnaubt abfällig. »Seid Ihr sicher?«, fragt sie und in diesem Moment wirkt sie so unheilig, dass ich mich fragen muss, ob ich mich nicht in ihr getäuscht habe.
»Natürlich bin ich sicher!«, sage ich mit Verärgerung in der Stimme. Denn es ist reichlich dreist von ihr, meine Absichten zu hinterfragen, nachdem was sie getan hat. »Was sonst hätte ich tun sollen?!«
»Stella.« Mikails Stimme ist besänftigend und der Arm, mit dem er mich stützt, zieht mich sanft von der Heiligen weg. Aber dass er mich anspricht und nicht Ihre Heiligkeit sagt mir, wem er in dieser Situation die Schuld gibt.
Sein Blick huscht zu ihr, als wolle er ihr sagen, dass er die Sache klären wird. Dann sieht er wieder mich an und ein schwaches Lächeln umspielt seine Lippen. »Du hast dich überanstrengt. Du solltest dich ausruhen.«
»Mir geht es gut!«, sage ich etwas ungehalten und schiebe Mikails Arm von mir. Es gefällt mir nicht, dass er mich behandelt, als wäre ich ein Kind. »Es war nur ein Ausrutscher, aber ich bekomme das hin!«
»Aber du hast -«
»Und was genau?« Die Heilige unterbricht Mikail mit kühler Stimme und sie tut erneut so, als hätte ich etwas Verwerfliches getan. »Dass Euer Zauber fehlgeschlagen ist oder dass Ihr den Soldaten beinahe ein Rauchzeichen geschickt hättet?«
Mein Zauber ist nicht fehlgeschlagen! Aber ich kann nicht abstreiten, dass ich nicht daran gedacht habe, dass es schwierig gewesen wäre, den Rauch zu verbergen. Nicht, dass das eine Rechtfertigung dafür ist, meinen Zauber zwanghaft zu unterbinden.
Die Heilige hebt ihre blasse Hand und schnippt mit den Fingern. Es ist eine arrogante Geste, als wolle sie damit prahlen, wie leicht es ihr fällt, Zauber mit ihrem gewaltigen Mana zu wirken. »Seid Ihr zufrieden, Euer Hoheit?«, fragt die Heilige in einem nicht weniger arroganten Tonfall und erneut kann ich darauf nichts erwidern. Denn so arrogant sie auch wirken mag, ihre kleine Geste hat sämtliche Büsche welken lassen und innerhalb einer Sekunde alles wieder so aussehen lassen, wie es vorher war.
»Oder habt Ihr noch eine Beschwerde, die Ihr vorbringen wollt?«, fährt die Heilige fort, als hätte sie den Entschluss gefasst, mich zu demütigen. »Wenn es so ist, würde ich es bevorzugen, Ihr sagt es, anstatt Euer Mana -«
»Eure Heiligkeit!« Mikail tritt vor mich und verbirgt meine Sicht auf die Heilige. »Verzeiht meine Respektlosigkeit, aber würdet Ihr mir einen Moment mit Ihrer Hoheit geben?«
Ich presse die Lippen so fest aufeinander, dass sie schmerzen. Wieso sagt er das, als wäre die Wut Ihrer Heiligkeit verständlich? So als wäre er in dieser Sache auf ihrer Seite und will lediglich einen Streit verhindern?
Die Heilige gibt ein abfälliges Geräusch von sich. »Tut, was Ihr wollt«, höre ich sie sagen und ich denke einmal mehr, dass sie nicht so klingt, wie man es von der Heiligen erwarten würde.
Mikail dreht sich zu mir um. Er schenkt mir ein schwaches Lächeln und hält mir seine Hand hin. »Geht es dir gut?«
Ich werfe seiner Hand einen Blick zu. Ich bin nicht in der Stimmung sie zu nehmen, nach allem, was gewesen ist. Aber nichts davon ist ein Grund, den ich Mikail nennen könnte. »Es geht mir gut«, sage ich also geschlagen und lege meine Hand in seine.
Mikails lächeln wird breiter. »Das ist gut«, murmelt er und führt mich etwas von den anderen weg. Dann mustert er mich zögerlich. »Kannst du mir verraten, weshalb du so wütend auf Ihre Heiligkeit bist?«
Es kostet mich viel Mühe, ihn nicht wütend anzufahren. Wie kann er das fragen? Wenn ich bemerkt habe, dass die Heilige meinen Zauber zerstört hat, dann hat er das auch. »Selbst wenn sie mit meinem Vorhaben nicht einverstanden war, ist es annehmbar, dass sie mit Gewalt meinen Zauber zerstört? Auch wenn sie mich nicht ernsthaft verletzt hat, war es sehr schmerzhaft!«
Mikail nickt und tätschelt besänftigend meine Hand. Aber der Blick in seinen Augen ist mehr als alles andere bedauernd. »Das verstehe ich natürlich und Ihre Heiligkeit haben sicherlich zu heftig reagiert. Aber Stella …« Seine Augen huschen zwischen meinen hin und her, als erwarte er etwas von mir. »… dein Mana hat sie angegriffen.«
Ich starre ihn ungläubig an. »W-Was soll das heißen?« Ich schüttle den Kopf. »Ich wollte die Büsche verbrennen! Wieso sollte ich Ihre Heiligkeit angreifen?«
Mikails Brauen rücken zusammen und er mustert mich mit einem besorgten Blick. »Ich dachte mir schon, dass es keine Absicht war. Warst du so wütend, wegen der Sache vorhin? Sie hat mir nichts getan. Wir haben über meine Aura gesprochen und sie hat mir eine Schwachstelle gezeigt, das ist alles.«
Ich presse die Lippen aufeinander. Also deshalb ist er zu ihr gegangen. Mikail war schon immer leidenschaftlich, wenn es um seine Aura geht. Ich verstehe zwar nicht, weshalb die Heilige Ahnung von Aura hat, aber wenn sie mit ihm über sein Lieblingsthema redet, ist das nur noch ein Grund mehr für ihn, ihre Nähe zu suchen.
»Und auch sonst musst du dir keine Sorgen machen.« Er senkt die Stimme und lehnt sich etwas vor. Ein amüsiertes Funkeln tritt in seine Augen. »Die Wahrheit ist, dass Ihre Heiligkeit mich nicht ausstehen können.«
Ich starre ihn an. »W-Wie bitte?«
Er gluckst leise und sein Blick huscht an mir vorbei und ohne mich umdrehen zu müssen, weiß ich, dass er die Heilige ansieht.
»Sie hat es mir gesagt. Geradeheraus und ohne einen Zweifel daran zu lassen. Ihr wahrer Charakter ist überraschend undamenhaft.«
Da ist wieder dieses beklemmende Gefühl in meiner Brust und mir schnürt es die Kehle zu. Er weiß also doch, weshalb ich in so schlechter Stimmung war. Und er versucht, mich zu beruhigen.
Meine Zähne graben sich in meine Lippe.
Aber Mikail, das Problem war nie, ihr Interesse an dir.
Meine Sicht verschwimmt, aber Mikails Augen, gefüllt mit Bewunderung und Zuneigung, brennen sich in meinem Gedächtnis ein.
Ich wende mich von ihm ab und eile auf die Heilige zu. Ich schlucke lieber meinen Stolz hinunter und entschuldige mich bei ihr, wenn ich dadurch verhindern kann, dass Mikail in diesem Moment mein Gesicht sieht. »Eure Heiligkeit!« Meine Stimme klingt atemlos, als wäre es eine große Anstrengung gewesen, die wenigen Meter zwischen uns zurückzulegen. »Bitte verzeiht mir, es war nicht meine Absicht, Euch anzugreifen.« Ich verschränke die Hände vor der Brust. Und es ist keine unehrliche Entschuldigung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Mikail nicht mag, nachdem sie sich von ihm hat tragen lassen. Aber sie anzugreifen löst mein Problem nicht und ist in unserer jetzigen Situation nur destruktiv.
»Ich war nur so aufgebracht. Wegen der Soldaten und weil wir hier feststecken und, und …« Auch das ist nicht gelogen. Die Situation scheint sich nur weiter zum Schlechteren zu wenden. »Ich bin einfach etwas nervös. Bitte verzeiht mir.«
»Ich verstehe.« Die Heilige macht eine Handbewegung, als wolle sie nicht weiter über die Sache reden. Aber ich kann es nicht so enden lassen. Es war der Fehler, den ich in den letzten Tagen gemacht habe, zurückzutreten und nur still zuzusehen.
Ich mache einen Schritt auf die Heilige zu. »Mikail hat mir erzählt, dass Ihr ihm Unterricht gegeben habt.«
»Ich habe nur ein paar Fragen beantwortet«, antwortet sie in einem ähnlichen Tonfall wie zuvor.
»Ich würde mich schrecklich fühlen, wenn Ihr meinetwegen damit aufhören würdet«, beharre ich, wobei ich genau beobachte, wie sich ihre Miene verdüstert. Nur ein wenig, aber es ist zu deutlich, um es zu übersehen. »Insbesondere da ich weiß, wie viel meinem Verlobten an seiner Ausbildung liegt und wann hat er schon die Gelegenheit, von der Heiligen persönlich zu lernen?« Ich lächle, denn meine wahren Gefühle zu verbergen, ist eine Kleinigkeit für mich.
»Wie gesagt, ich habe nur ein paar Fragen beantwortet. Ich bin keine Aura-Trägerin und wohl kaum eine geeignete Lehrerin für Lord Mikail.«
Mir gefällt die Art nicht, wie sie seinen Namen sagt. Es klingt so vertraut, obwohl sie in förmlich anredet. Aber es liegt an ihrer Stimme, deren Klang einfach so … nervig ist. »Es gibt keinen Grund, so bescheiden zu sein. Mikail ist niemand, der inkompetente Personen um Hilfe bittet. Und wo Ihr schon dabei seid, wieso helft Ihr nicht auch Dalton und Jake?« Nicht nur profitieren dadurch mehrere von ihren ‚Antworten‘, es gäbe auch weniger Raum für Missverständnisse.
Aber die Heilige sieht alles andere als begeistert aus. Ihre blauen Augen starren mich an, als wolle sie mich fragen, ob meine Worte mein voller Ernst seien.
»Ihr müsst Euch zu nichts gezwungen fühlen, Eure Heiligkeit.« Mikail legt mir eine Hand auf die Schulter, um mir zu signalisieren, dass ich es gut sein lassen soll. Und es ist ärgerlich, dass er sich gerade jetzt einmischt. Ich will wissen, mit welcher Begründung die Heilige meinen Vorschlag ablehnen will. Ob sie es tun wird. Da sie Mikail bereits geholfen hat, kann sie nicht ablehnen, ohne es so wirken zu lassen, als würde sie ihn bevorzugt behandeln.
»Aber wäre es unter den Umständen nicht für uns alle ein Vorteil?«, sage ich, bevor sie auf Mikails Worte eingehen kann. »Immerhin müssen wir bestmöglich zusammenarbeiten, um diese Situation zu überstehen, und welchen Grund sollten Ihre Heiligkeit haben, euch nicht zu helfen?« Ich werfe Mikail einen Blick zu. Zu meinem Glück ist soziale Interaktion keine seiner Stärken.
»Ich glaube nicht, dass wir die Zeit dazu haben. Auch wenn ich für Eure Ratschläge natürlich dankbar bin«, sagt Mikail, während ich wieder Ihre Heiligkeit ansehe.
Sie beobachtet uns mit einem Ausdruck, den ich nicht ganz deuten kann. Aber er wirkt nicht sehr freundlich.
»Selbstverständlich habt ihr die Zeit dazu. Ihr werdet sogar sehr viel Zeit haben, wenn du Ihre Heiligkeit den Rest des Weges trägst«, fahre ich unbeirrt fort.
Sie zuckt nicht mit der Wimper, als würde sie kein Problem darin sehen, sich von meinem Verlobten tragen zu lassen. Reichlich schamlos für eine Priesterin.
»Stella, wenn du -«, setzt Mikail an, aber in diesem Moment öffnet die Heilige ihren Mund. »Wenn Ihr darauf besteht«, sagt sie und geht in die Hocke. Sie hebt einen Stein auf und hält in Mikail hin. »Nehmt das.«
Ich sehe verwirrt zwischen ihr und dem Stein hin und her.
Sie trägt wieder einen beherrschten Ausdruck auf dem Gesicht, was bedeutet, dass sie etwas plant.
Ich weiß nicht, ob Mikail das auch bemerkt, aber er nimmt den Stein entgegen.
»Zerdrückt ihn«, sagt sie mit einem unschuldigen Lächeln, das auf mich nur höhnisch wirkt.
»Verzeihung?« Mikail dagegen klingt ehrlich verwirrt und ich vermute, dass er sie nicht durchschaut.
»Zerdrückt ihn. Mit Eurer Hand und ohne Eure Aura zu benutzen.« Die Heilige fügt diese Bedingungen hinzu, als würde sie über etwas reden, das jedes Kind tun könnte.
Das ist also ihr Plan. Anstatt meinen Vorschlag abzulehnen, stellt sie Mikail eine unmögliche Aufgabe und überlässt es somit ihm, ihre Hilfe abzulehnen.
»Ich will mich nicht einmischen, aber ist das nicht eine unmögliche Aufgabe?«, frage ich und denke, dass ich mich habe täuschen lassen. Die Gerüchte darüber, dass die Heilige einfältig ist, sind falsch. Aber ich verstehe, wie sie zustande gekommen sind. Dumm sein und dumm tun sind zwei verschiedene Dinge.
»Ihr müsst Euch zu nichts gezwungen fühlen, Lord Mikail.« Die Heilige zuckt unbekümmert mit den Schultern.
»Vielen Dank für Euren Rat«, sagt Mikail, obwohl auch er mittlerweile verstanden haben müsste, was vor sich geht. Aber ob er nun nachgibt, weil er eine Auseinandersetzung vermeiden will oder wegen seiner Gefühle für Ihre Heiligkeit, ich bin dazu nicht bereit.
»Ihr müsst noch immer wütend auf mich sein. Was kann ich tun, damit Ihr mir vergebt?«, sage ich und bemühe mich dabei, möglichst niedergeschlagen zu wirken. Sie ist nicht die Einzige, die Theater spielen kann.
»Ich bin nicht wütend auf Euch«, erwidert sie, wobei sie wieder mit ihrer weichen, etwas trägen Stimme spricht, als wäre sie die Barmherzigkeit in Person. »Wenn es so wäre, würde ich es sagen, anstatt meinen Ärger an Lord Mikail auszulassen, indem ich ihm einen falschen Rat gebe.«
»Oh, das wollte ich nicht unterstellen.« Ich lege mir eine Hand auf die Brust und schüttle den Kopf. »Verzeiht mir, ich bin natürlich unerfahren, was das Meistern von Aura angeht. Aber ich nehme an, Ihr habt den Werdegang Eures Leibwächters beobachtet und Steine mit bloßen Händen zu zerdrücken gehörte wohl zu seiner Ausbildung dazu, ist das richtig?« Ich weiß tatsächlich nicht viel über Aura, aber ich habe einen Vater, einen Onkel, einen Bruder und einen Verlobten, die alle als Aura-Träger ausgebildet wurden, und das von den besten Lehrern. Und keiner hat je Steine zerdrücken müssen.
»Luke zerdrückt keine Steine mit seinen Händen.« Trotz dieses Zugeständnisses klingt die Heilige kein bisschen verlegen. Im Gegenteil, ihre blauen Augen funkeln, als fände sie die Situation witzig. »Er benutzt seinen Kopf.«
Ich starre sie an. Ihre Worte sind so absurd, dass ich einen Moment tatsächlich sprachlos bin. »Macht Ihr Euch über mich lustig?«
»Wieso denkt Ihr das?«, fragt sie mit falscher Unschuld.
»Weil Ihr behauptet, Euer Leibwächter könnte Steine mit seinem Kopf zerschlagen.«
»Luke ist etwas extrem, was seine Trainingsmethoden angeht, aber Aura bildet sich dort aus, wo sie gebraucht wird, ist es nicht so, Sir Dalton?« Sie sieht zu Dalton in einem offensichtlichen Versuch, von sich abzulenken. Ich würde sogar darauf wetten, dass sie uns diese Lüge über ihren Leibwächter auftischt, weil sie davon ausgeht, dass wir das nicht überprüfen werden.
»Ich hoffe, ich trete Euch nicht zu nahe, aber kann es sein, dass Ihr häufig Schläge auf den Kopf bekommt?«
Ich werfe Dalton einen Blick zu, der hoffnungslos damit überfordert ist, von der Heiligen angesprochen zu werden. Er hat schon für sie geschwärmt als wir uns kennengelernt haben und ihr so nahe zu sein wie unter den gegebenen Umständen ist zu viel für ihn. Offenbar in einem Maße, dass ihm die Fähigkeit zu sprechen abhandengekommen ist.
»Sein Onkel ist unser Lehrer und er ist Dalton gegenüber besonders streng«, springt Jake geistesgegenwärtig ein.
»Das erklärt, weshalb sein Aura-Fluss bis in seinen Kopf reicht.«
»Ihr sprecht von dem intuitiven Schutzverhalten von Aura«, sagt Mikail, bevor ich hinterfragen kann, wovon sie da spricht. Denn soweit ich weiß, kann man den Energiefluss einer anderen Person nicht sehen.
»Ja, aber das ist keine Trainingsmethode, die Ihr im Moment verfolgen könnt. Deswegen schlage ich Euch vor, zu versuchen, etwas zu tun, das Ihr ohne Aura nicht könnt. Euer Aura-Fluss ist stark in Euren Armen, reicht aber nicht bis in die Fingerspitzen. Versucht damit anzufangen und vielleicht findet Ihr heraus, wie Ihr Euren Aura-Fluss erweitern könnt, ohne Euch den Stein gegen den Kopf zu schlagen. Reicht Euch das als Erklärung?«
»Ja, Eure Heiligkeit.«
Ich sehe Mikail an, der ihr offenbar zu glauben scheint. Und an dem Blick in seinen Augen kann ich erkennen, dass er seine Konzentration bereits vollständig auf den Stein gerichtet hat.
»Und Euch, Euer Hoheit?« Die Heilige richtet sich nun an mich, als wolle sie mir unter die Nase reiben, dass sie diese Runde gewonnen hat. Und unter den Umständen bleibt mir nichts anderes übrig, als mich geschlagen zu geben. Ich nicke.
»Gut. Dann würde ich es zu schätzen wissen, wenn ihr mir erlaubt mich auszuruhen, bis der Regen aufhört.« Mit diesen Worten wendet sie sich ab.
Ich sehe zu Mikail, der tatsächlich zu versuchen scheint, den Stein zu zerdrücken und seufze geschlagen. Ich bin es falsch angegangen. Dabei sollte ich wissen, dass man nicht weit kommt, wenn man sich von seinen Emotionen steuern lässt.
Am Tag darauf versuche ich mein Bestes, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Etwas, das der Heiligen so sehr auf die Nerven zu gehen scheint wie mir. Aber ich lege es nicht darauf an, ihre Freundin zu werden. Das ganz bestimmt nicht. Alles, was ich tue, ist, sie daran zu erinnern, wer ich bin.
Momentan mag ich nutzlos erscheinen, aber in Libera bin ich eine Prinzessin und für die Heilige eine hilfreiche Verbündete. Meine politische Macht dürfte bereits die meines Onkels übertreffen, zumal die Heilige seine Hilfe nicht nur nicht zu wünschen scheint, er selbst dürfte ein Problem für sie sein. Und ich hoffe, dass die Gründe, die die Heilige dazu bewogen haben, meine Einladung anzunehmen, damit zu tun haben, dass sie eine Verbindung mit mir zu etablieren wünschte.
Und es gibt noch einen weiteren Vorteil: Bei Ihrer Heiligkeit zu bleiben ermöglicht mir, sie im Auge zu behalten und Mikail zu rufen, wann immer ihr Zustand danach zu verlangen scheint. Es gefällt mir immer noch nicht, mitansehen zu müssen, wie er sie in seinen Armen trägt, aber ich habe das Gefühl wenigstens die Kontrolle darüber zu haben, auch wenn es nur ein Trugschluss ist.
Auf diese Weise kommen wir voran. Langsam, und ich vermute, dass die Abneigung Ihrer Heiligkeit für mich mit jeder Stunde wächst, aber es bedeutet, dass wir dem Moment, wo wir dieser schrecklichen Hölle entkommen, immer näher sind.
»Lassen wir ihr eine Auszeit«, raunt Mikail mir zu, als ich einen Blick über die Schulter werfe, wo die Heilige hinter uns hertrottet.
Sie trägt ihren Schleier, den sie sonst zum Gehen abgenommen hat, so als wolle sie deutlich machen, dass sie mit niemandem sprechen will.
Ich sehe Mikail an. »Gibst du gerade zu, dass du Ihrer Heiligkeit absichtlich auf die Nerven gegangen bist?«
Er grinst. »Nur, wenn du es auch tust.«
Ich antworte nicht sofort. Im Gegensatz zu ihm, habe ich einen Grund, weshalb ich ihr auf die Nerven gehen will. Ich werfe einen Blick auf den Stein, den er in der Hand hält. »Bist du nicht müde?«
»Selbst, wenn ich Ihre Heiligkeit den ganzen Tag tragen müsste, wäre das kein Problem«, erwidert er leichthin. Und dann, als wüsste er, dass mir seine Antwort nicht sehr gefällt, sieht er mich an. »Ich kann auch dich für eine Weile tragen.«
»Nein, danke!«, sage ich, noch bevor ich es in Erwägung ziehen kann. Denn obwohl ich es mir vor einer Weile gewünscht habe, ist es etwas völlig anderes, jetzt, wo er regelmäßig Ihre Heiligkeit trägt. Noch dazu würde es mich egoistisch wirken lassen, wenn ich Mikail zusätzlich belaste, obwohl ich keine Krankheit habe wie die Heilige.
Mikail nickt auf meine scharfe Ablehnung hin nur. »Wenn du deine Meinung änderst, sag es mir.«
Ich schürze die Lippen. Ich weiß, ich habe Nein gesagt, aber soweit ich weiß, hat die Heilige das auch getan. Ich weiß nicht, was passiert ist, dass sie ihre Meinung geändert hat, aber was, wenn Mikail tatsächlich darauf bestanden hat?
Ich schüttle den Kopf. Ich sollte nicht wieder damit anfangen.
Wir gehen eine Weile still nebeneinander her und obwohl ich weiß, dass Mikail nichts sagt, weil er mit seinem Stein beschäftigt ist, genieße ich den Moment. Sogar meine Füße scheinen weniger zu schmerzen.
Aber dann lässt Mikail plötzlich seinen Stein fallen. »Einen Moment«, murmelt er, ehe er sich umdreht, um den Weg zurückzugehen.
Ich bleibe stehen und sehe ihm hinterher. Ich weiß, dass er nach der Heiligen sehen will, aber er hat selbst erst vor ein paar Minuten gesagt, dass wir ihr eine Auszeit lassen sollen. Allerdings stelle ich fest, dass der Abstand zwischen uns groß geworden ist.
Mikail bleibt vor der Heiligen stehen, sodass ich sie nicht sehen kann, aber wie ich es erwartet habe, hebt er sie kurz darauf vom Boden. Doch, entgegen meiner Erwartung, kommt er nicht zurück zu mir.
»Wir machen eine Pause!«, ruft er laut genug, damit alle es hören können und die Anspannung in seiner Stimme, sagt mir, dass etwas nicht stimmt.
Ich beeile mich, zu Mikail aufzuschließen, der auf den Fluss zuzugehen scheint. »Was ist denn los?«, frage ich, sobald ich ihn erreicht habe.
»Ihre Heiligkeit haben Fieber«, antwortet er mit konzentrierter Stimme.
Ich werfe der Heiligen einen Blick zu. Ihr Schleier ist von ihrem Gesicht gerutscht und ich sehe wie blass sie ist. Schweiß bedeckt ihre Stirn und sie scheint das Bewusstsein verloren zu haben, denn sie hängt schlaff in Mikails Armen.
»Jake, deine Jacke!«, sagt Mikail und deutet mit dem Kinn auf eine halbwegs ebene Fläche auf dem Boden. »Und wir brauchen Wasser.«
Jake zieht hastig sein Jackett aus und legt es zusammengefaltet auf den Boden, sodass Mikail, der nun Ihre Heiligkeit absetzt, ihren Kopf darauf betten kann.
»Dalton.« Mikail zieht sein Taschentuch aus der Tasche, um es Dalton zu geben. »Geh zum Fluss und tauche das ins Wasser.«
Dalton nickt knapp und legt den Schleier, den er wohl vom Boden aufgehoben hat, neben der Heiligen ab, ehe er Mikails Taschentuch entgegennimmt.
Mikail beugt sich über die Heilige. Er streicht ihr die Haare aus der Stirn und seine Hand verweilt einen Moment. »Das Fieber ist hoch«, sagt er mit leiser, besorgter Stimme.
»Eure Heiligkeit?«
Ich nehme meinen Blick von Mikails Hand auf der Stirn der Heiligen und sehe zu Hilena, die sich neben Jake auf der anderen Seite Ihrer Heiligkeit niedergelassen hat. Sie mustert die Heilige verunsichert, die Hände nach ihr ausgestreckt, als hätte sie ihre Hand in ihre nehmen wollen.
Ich runzle die Stirn. Hat die Heilige ihre Hand zurückgezogen? Aber sie ist bewusstlos.
Hilena greift erneut nach ihrer Hand und diesmal passiert nichts. Hilena schließt die Augen, aber schon kurz darauf öffnet sie sie wieder, einen bitteren Ausdruck auf dem Gesicht.
»Was ist los?«, fragt Mikail und ich lasse mich neben ihm nieder, um einen besseren Blick auf die Heilige zu haben.
»Ich kann sie nicht untersuchen«, sagt Hilena mit ruhiger Stimme, während sie die Hand der Heiligen vorsichtig ablegt. »Und selbst wenn ich es könnte, würde das keinen Unterschied machen. Wenn das ein normales Fieber wäre, hätten Ihre Heiligkeit es selbst geheilt.«
Ich mustere das Gesicht der Heiligen. Hilena hat bestimmt recht. Ich verstehe nicht, wieso oder woran die Heilige leidet, aber es ist offensichtlich, wie ernst es ist. Und in diesem Moment komme ich mir schrecklich vor, dafür, dass ich in den letzten Tagen nur an mich und meine Eifersucht gedacht habe. Sie hat sich nicht von Mikail tragen lassen, um ihm näherzukommen. Sondern um zu verhindern, so zu enden.
Mein Blick huscht zu Mikails Hand, die die Ihrer Heiligkeit hält. Seine Brauen rücken zusammen und bilden eine tiefe Sorgenfalte auf seiner Stirn.
»Mikail!« Dalton kommt auf uns zugerannt und hält Mikail sein nun tropfendes Taschentuch hin.
Mikail nickt ihm dankbar zu und nimmt das Taschentuch entgegen. Er lässt die Heilige los, um es kurz auszuwringen. Dann legt er es ihr auf die Stirn.
»Was können wir sonst noch tun?«, frage ich, mit dem Bedürfnis etwas wiedergutzumachen
»Sie sollte etwas trinken«, sagt Mikail leise, und ich bin mir nicht sicher, ob er damit auf meine Frage antwortet oder nur vor sich hin murmelt. »Aber jetzt können wir nur abwarten, bis sie zu sich kommt.«
Mikail verbringt die gesamte Nacht an der Seite Ihrer Heiligkeit und ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken. Da sie in diesem Moment so verwundbar ist, will er sie wohl beschützen, auch wenn ich nicht weiß, wovor.
Das Abendessen fällt noch spärlicher als gewöhnlich aus und so langsam manifestiert sich das Gefühl eines permanenten Loches in meinem Bauch. Ich bin niemand mit einem übermäßigen Appetit, aber wie sonst soll man sich fühlen, nachdem man sich tagelang nur notdürftig ernährt hat.
Ich bete, dass die Heilige sich schnell erholt und wir weiterkönnen. Denn ich bin langsam aber sicher am Ende meiner Kräfte.
Und meine Gebete werden erhört, denn als ich am nächsten Morgen aufwache, sitzt die Heilige aufrecht gegen einen Baum gelehnt. Ich wünsche ihr einen guten Morgen und frage sie, ob es ihr besser geht, aber ich belasse es dabei. Auch als Mikail beschließt, sie für den gesamten Weg zu tragen, halte ich mich im Hintergrund. Ich will nicht, dass die Heilige wieder zusammenbricht, denn für den Moment ist unsere Zusammenarbeit wichtiger als meine Gefühle.
Ich versuche mich abzulenken und lasse mich etwas zurückfallen, sodass ich neben Annie und Dalton gehe. »Kommst du zurecht, Annie?«, frage ich mit einem Lächeln. Annie kann einen stundenlangen Monolog über das Buch, das sie gerade liest, halten und nichts würde mich gerade besser ablenken.
»Ja.« Annies Antwort ist ungewöhnlich verhalten. »Aber ich mache mir Sorgen um Ihre Heiligkeit.«
Ich beiße mir auf die Lippe. Mein Plan, nicht weiter über Ihre Heiligkeit nachzudenken, geht damit wohl gründlich nach hinten los. »Nun, ich denke, sobald wir diesen Wald verlassen haben, finden wir Möglichkeiten, uns auszuruhen und komfortabler zu reisen. Ihrer Heiligkeit wird es bald besser gehen.«
»Das hoffe ich.« Annie schiebt ihre Unterlippe vor. »Auch um Daltons Willen.«
Ich sehe sie fragend an, während Dalton ein Geräusch macht, als hätte er Schluckauf.
Annie kichert. »Er war die ganze Zeit ganz aus dem Häuschen, Stella. Wenn ich ihn nicht beruhigt hätte, wäre er glatt auch in Ohnmacht gefallen.« Annie grinst mich mit Stolz geschwellter Brust an.
»I-Ich mache mir nur Sorgen«, stammelt Dalton und reibt sich nervös die Hände. »Ihre Heiligkeit haben nur selten den Tempel verlassen, weil ihre Gesundheit es nicht zugelassen hat. Und trotzdem ging es ihr manchmal so schlecht, dass sie für Wochen ans Bett gefesselt war. Diese Reise muss so schrecklich anstrengend für sie sein und wir können nichts tun, um ihr zu helfen. Was, wenn ihr etwas Schlimmes passiert? Oder sie in ein Koma fällt.« Er knetet besorgt seine Hände, während er zu Mikail sieht.
Annie lehnt sich etwas zu mir und senkt die Stimme. »Siehst du, was ich meine?«
Ich lächle etwas überfordert. »Wenn du helfen willst, Dalton, könntest du Ihre Heiligkeit für eine Weile tragen und Mikail entlasten.«
Daltons Blick richtet sich abrupt auf mich. Seine Augen sind geweitet und sein Mund klappt auf. Es sieht so aus, als hätte sein Gehirn ernsthafte Probleme, meine Worte zu verarbeiten.
Annie prustet.
»Oder nicht«, murmle ich, da ich einsehen muss, dass es keinen Sinn hat, wenn Dalton schon bei dem Gedanken, die Heilige zu tragen, einen Aussetzer bekommt.
Dann spüre ich, dass Annies Blick auf mich gerichtet ist, ein spitzbübisches Funkeln in den Augen, das mir verrät, dass sie genau weiß, weshalb ich vorgeschlagen habe, dass Dalton die Heilige trägt.
Ich räuspere mich. »Mir fällt gerade noch etwas ein, dass ich mit Mikail besprechen muss«, murmle ich und beschleunige hastig meine Schritte.
Mein Gesicht fühlt sich warm an. Ich wusste nicht, dass ich so durchschaubar bin, dass sogar Annie etwas bemerkt hat. Ich fächere mir Luft zu und hoffe, dass Mikail annimmt, die Röte käme vom Laufen. Er ist schließlich leichtgläubig, wenn es um diese Dinge geht, anders als seine Schwester.
Ich höre die Stimme Ihrer Heiligkeit, aber als ich neben Mikail trete, trägt sie ihren Schleier und ihr Kopf lehnt gegen seine Schulter. Und Mikail sieht geschockt auf sie hinab.
»Ist alles in Ordnung?«, frage ich und Sorge steigt in mir auf.
Aber Mikails Züge glätten sich. »Ja. Ihre Heiligkeit sind eingeschlafen. Ich denke, sie hat sich noch nicht erholt.« Er spricht mit ruhiger Stimme, als hätte ich mir seinen geschockten Ausdruck zuvor nur eingebildet. Genauso wie die Stimme ihrer Heiligkeit. Und er betrachtet die Heilige mit einem sanften Lächeln, das wieder dieses beklemmende Gefühl in meiner Brust heraufbeschwört.
Ich hätte doch bei Annie und Dalton bleiben sollen.
Mikail richtet seinen Blick auf mich und seine Miene verhärtet sich. »Würdest du den anderen sagen, dass sie dicht beieinander bleiben sollen? Ihre Heiligkeit haben mich vor Banditen gewarnt.«
Ich starre ihn an, überrumpelt. »Banditen?!«, rufe ich aus, immer noch nicht in der Lage, ihm zu folgen. »Woher weiß sie das?«
Sein Blick kehrt zu Ihrer Heiligkeit zurück. Er betrachtet sie, aber diesmal kann ich seinen Blick nicht ganz deuten. »Wir erreichen bald das nächste Dorf. Es ist nicht abwegig, dass es Banditen in der Nähe gibt.« Es ist eine ausweichende Antwort und ich nehme an, die Heilige hat ihm nicht gesagt, woher sie es weiß.
Sie besitzt die Gabe der Voraussicht und es ist nicht das erste Mal, dass sie etwas voraussieht. Aber es ist trotzdem seltsam. »Also hat sie dir gesagt, dass wir auf Banditen treffen könnten und ist dann eingeschlafen?«
Ein Grinsen breitet sich auf Mikails Gesicht aus, auch wenn er es mit einem Räuspern zu verbergen versucht. »Ich glaube nicht, dass jemand mit der Stärke Ihrer Heiligkeit sich um Banditen sorgen muss. Sie werden wohl kaum gefährlicher sein als Bergtrolle und Gargoyle.«
»Aber sie …«, beginne ich, schließlich ist sie nicht allein. Und es ist ein entscheidender Unterschied, ob wir auf Monster oder auf Menschen treffen. Aber wenn ich anfange, mit ihm zu diskutieren, wirkt es nur wieder so, als wolle ich mich mit Ihrer Heiligkeit anlegen. »Ich sage es den anderen«, murmle ich und drossle meine Schritte.
Es ist gut so, sage ich mir selbst. Ich hatte es doch bereut, nicht bei Annie und Dalton geblieben zu sein.
Von da an gehen wir alle mit einem mulmigen Gefühl weiter und ich horche bei jedem Geräusch aus dem Wald auf. Aber es vergehen Stunden, ohne dass etwas passiert.
Und dann bleibt Mikail plötzlich stehen.
Ich weiß sofort, was los ist, und packe Annies Hand.
Sie wirft mir einen Blick zu, aber auch sie scheint zu verstehen, dass es so weit ist.
Mikail setzt die Heilige, die offenbar noch immer schläft, an einem Baum ab, und winkt mich zu sich. »Stella, Annie, Hilena, stellt euch hier hin«, sagt er und deutet auf die andere Seite des Baumes. »Euer Hoheit, bitte stellt Euch vor sie.«
»Sag bloß, du brauchst meine Hilfe, um sie zu beschützen, Mikail«, sagt Eden großspurig und verschränkt die Arme vor der Brust.
»Nur im Notfall«, erwidert Mikail, während er sein Jackett auszieht und es mir reicht. »Die Banditen sind nicht allzu stark, aber es sind recht viele.« Er krempelt die Ärmel seines Hemds hoch und seine Zuversicht, vertreibt meine Sorge. Ich sollte nicht vergessen, dass Mikail ein außergewöhnlicher Schwertkämpfer ist und wenn er die Banditen spüren kann, bedeutet das, dass sie schwächer sind als er.
Das sollte offensichtlich sein, denke ich, als mein Blick von seinen muskulösen Unterarmen zu seinen breiten Schultern huscht.
»Sollten wir Ihre Heiligkeit nicht aufwecken?«, fragt Jake, der sich neben Mikail aufstellt, nachdem er ebenfalls sein Jackett ausgezogen hat.
»Das wird nicht nötig sein«, sagt Mikail sofort. »Sie hat sich noch nicht erholt und sollte sich ausruhen.«
»Schon klar. Nichts hilft einem besser dabei, sich zu erholen, als die beruhigenden Klänge eines Überfalls.«
Mikail wirft ihm einen missbilligenden Blick zu. Jake und er zanken oft miteinander, aber für gewöhnlich ist Mikail der Vernünftige.
Ich bin sicher, die Heilige wird aufwachen, sobald die Banditen hier sind. Und wie Mikail gesagt hat, sollte es eine Kleinigkeit für sie sein, ein paar Banditen abzuwehren. Aber das ist kein Grund, sie auf die leichte Schulter zu nehmen.
»Du kannst Seiner Hoheit helfen, wenn es dir lieber ist.« Mikails Stimme nimmt einen provokanten Unterton an, den sie nur bekommt, wenn er mit Jake spricht.
Jake schnaubt. »Wer hat das gesagt? Ich bin nicht feige, nur weil ich mitdenke. Ihre Heiligkeit könnten sich problemlos und schnell um die Banditen kümmern.«
»Wie ich gesagt habe, müssen Ihre Heiligkeit sich erholen!«
»Wenn sogar wir die Banditen spüren, sind sie ein Klacks für Ihre Heiligkeit. Sie müsste nur mit den Fingern schnippen und könnte dann weiterschlafen.«
»Es gibt keinen Grund, Ihrer Heiligkeit alle Arbeit zu überlassen und -«
»Hey!«, ruft Hilena dazwischen. »Das ist jetzt nicht der Moment um zu streiten!«
Sie hat recht. Auch ich habe die Männer bemerkt, die zwischen den Bäumen auftauchen.
Ich weiche zurück, so nah an den Baum heran, wie es geht. Dabei greife ich nach Hilenas Arm, um sie mit mir zu ziehen, während ich mit der anderen Hand weiter Annies halte.
»Was ham wa denn hier?«, sagt einer der Männer, der zwischen den Bäumen hervortritt und er spricht ein so schlampiges Sottisch, dass ich einen Moment brauche, um zu verstehen, was er gesagt hat. Und so sehen er und die anderen Männer auch aus. Mit abgetragenen Kleidern, die Lumpen ähneln, und ich möchte gar nicht wissen, welches Odeur von ihnen ausgeht. Aber der Mann der gesprochen hat, trägt ein Schwert an der Hüfte.
»Guten Tag«, sagt Mikail höflich, aber er stellt sich mutig vor uns auf, während er von Jake und Dalton flankiert wird. »Wir sind nur auf der Durchreise und wollen keinen Ärger.«
»Hübsche Schnauze ham wa«, sagt der Mann und kichert.
Ich weiß nicht, was damit gemeint sein soll, aber es ist offensichtlich, dass er sich über Mikail lustig macht.
»Frag mich, was n kleiner Serro und sein Haufen hier verloren ham. Is n düstrer Ort hier.«
Ich kneife die Augen zusammen, während ich versuche, seinen Worten zu folgen. ‚Serro‘ bedeutet so etwas wie Lord, aber es ist eine Kurzform des Wortes ‚Serronas‘, der korrekten Anrede eines männlichen Adligen, und wird nur in einem zwangloseren Rahmen verwendet und nie für den Hochadel.
»Was sagt er?«, wispert Annie mir zu, aber ich bedeute ihr, still zu sein.
»Wir sind hier gestrandet«, antwortet Mikail ruhig. »Wir sind auf dem Weg ins nächste Dorf.«
Der Mann nickt. »Da braucht ihr sicher n paar Kerls, die euch den Weg zeigen, wa?«
Ich rümpfe die Nase. Seine Grammatik ist zum Fürchten!
»Vielen Dank, aber wir benötigen keine Hilfe.«
Der Mann tritt nun vor Mikail, sodass ich ihn nicht mehr richtig sehen kann. »So n Pech«, murmelt er mit leiser Stimme und seine Worte werden von einem metallischen Geräusch begleitet. Aber dann gibt es einen dumpfen Laut und der Mann gibt ein Gurgeln von sich und sinkt auf die Knie.
Mikail hat nun sein Schwert in der Hand. »Bleibt, wo ihr seid und lasst sie zu euch kommen«, sagt er wieder in Ishtari zu Dalton und Jake. Und als hätten die Banditen seine Worte als Aufforderung verstanden, gehen sie auf uns los.
Ich ziehe Annie und Hilena näher zu mir und zum ersten Mal in meinem Leben, bin ich froh, Eden vor mir zu haben. Er mag weitgehend nutzlos sein, aber seine Aura ist stark genug, dass er es zum Ritter gebracht hat. Selbst wenn einer der Banditen durchbricht, sollte Eden ihn zumindest aufhalten können.
Aber das scheint nicht nötig zu sein. Wie Mikail gesagt hat, sind es zwar viele Banditen – ich zähle zwölf –, aber einer nach dem anderen geht zu Boden.
Ich will schon erleichtert sein, doch dann reißt Eden plötzlich die Hände hoch. »Zur Seite!«, ruft er und fast im selben Moment knallt etwas von links gegen seinen Schild.
Ich ziehe Annie und Hilena nach rechts, während ich Jake fluchen höre. Dann ertönt ein Stöhnen.
»Jake!«, kreischt Hilena und meine Hand wird nach vorn gerissen, als sie auf Jake zurennen will. Aber ich halte sie fest und ziehe sie zurück. »Nicht jetzt«, murmle ich, wobei ich Jake einen Blick zuwerfe.
Er hat einen Knüppel mit seinem bloßen Arm geblockt, einen Knüppel der wohl sonst Daltons Hinterkopf getroffen hätte. Aber er schafft es, den Banditen mit einem Fußtritt auf Abstand zu bringen.
»Es geht schon.« Jake wirft Hilena ein zaghaftes Lächeln zu, ehe er seinen Blick wieder auf den Banditen richtet.
»Ich hätte besser aufpassen sollen«, sagt Dalton mit gepresster Stimme, während er ebenfalls einen Banditen auf Abstand hält.
»Ich sag doch, es geht schon«, erwidert Jake sorglos und schwingt seinen Arm, als wolle er beweisen, dass er nicht verletzt ist. »Bist du in Ordnung?«
Dalton stößt den Banditen vor ihm zurück und schlägt ihn mit seinem Knüppel nieder. »Dank dir.«
Ich kneife die Augen zusammen und hoffe, dass der Kampf schnell vorbeigeht.
»Stella, wir gewinnen ganz sicher«, sagt Annie und drückt meine Hand, als wolle sie mich ermutigen. Aber ihre Stimme bebt und als ich die Augen öffne, ist ihr Blick besorgt auf den Kampf gerichtet.
»N-Natürlich«, stammle ich etwas unsicher. Ich wollte ihr nicht das Gefühl geben, ich würde mir Sorgen darum machen. »Wir werden ganz sicher -«
»Waffen fallen lassen!«
Ich zucke zusammen und sehe mich hastig um, um herauszufinden, wem diese Stimme gehört. Es muss ein Bandit sein, denn er spricht Sottisch, aber ich sehe ihn nicht.
Aber der Kampf endet sofort. Es sind nicht mehr viele Banditen übrig, aber Mikail, Dalton und Jake halten inne, um zu dem Baum zu sehen, vor dem wir vor einer Weile noch standen. Der Bandit, der gesprochen hat, muss dahinter stehen. Was bedeutet, er steht bei Ihrer Heiligkeit.
»Waffen fallen lassen oder sie ist tot!«, ruft der Bandit und ich begreife, dass er die Heilige bedroht. Aber wieso tut sie nichts?
Von meiner Position aus, kann ich ihre Füße sehen, aber sie regt sich nicht. Aber es ist unmöglich, dass sie immer noch schläft! Bei allem, was gerade passiert, wie könnte sie?!
»Verstanden«, sagt Jake und ich richte meinen Blick auf ihn. Er hat seinen Knüppel fallen lassen und die Hände erhoben.
Ich sehe zu Mikail – und ziehe scharf die Luft ein, als er plötzlich ausholt und sein Schwert wirft.
Der Bandit gibt einen Schrei von sich und ich kneife erneut die Augen zu, als Mikail auf ihn zu stürmt. Ein weiterer Schrei ertönt, gefolgt von einem dumpfen Geräusch.
»T-Telekinese?«, höre ich die Banditen stammeln und dann wird es wieder laut. Aber nach kurzer Zeit stoppt der Kampfeslärm erneut.
»Du kannst die Augen aufmachen, Stella«, murmelt Annie, während Hilena ihre Hand aus meinem Griff zieht.
Ich lasse sie los, als ich sehe, dass tatsächlich alle Banditen unschädlich gemacht wurden und sie zu Jake gehen will, um ihn zu heilen. Mein Blick huscht zu Mikail, der gerade hinter dem Baum verschwindet, hinter dem Ihre Heiligkeit sitzt.
»Geh am besten zu Dalton«, murmle ich Annie zu, da ich sie nicht allein stehen lassen will.
Sie nickt und lässt meine Hand los. Kaum hat sie mir den Rücken gekehrt, wende ich mich dem Baum zu.
»Was war dann Euer Plan, um zu verhindern, dass die Banditen fliehen?«, höre ich die Heilige gerade fragen.
»Es war nicht meine Absicht, sie gefangenzunehmen«, antwortet Mikail, verständlicherweise verwirrt. Die Heilige hat nichts getan, um zu helfen, aber jetzt kritisiert sie Mikail?!
»Weil Ihr denkt, dass Banditen zu der Sorte Mensch gehören, die fair kämpfen und eine Niederlage akzeptieren, ohne Vergeltung zu wollen?«
»Bei allem Respekt, aber Ihr seid unfair«, sage ich, bevor ich mich zurückhalten kann. »Mikail, Jake und Dalton haben uns alle beschützt, Euch eingeschlossen.«
Das Gesicht der Heiligen ist hinter ihrem Schleier verborgen und sie sieht nicht einmal in meine Richtung. »Wisst Ihr wie viele Banditen in diesem Wald leben?«, fragt sie, während sie sich erhebt.
»Nein. Aber Ihr wisst es.« Warum ein Rätsel daraus machen, als würde sie Mikail testen?
Jetzt sieht sie mich an, als hätte sie nicht mit dieser Antwort gerechnet.
»Da Ihr Mikail gewarnt habt, scheint Ihr so einiges zu wissen, das ich nicht weiß. Und selbst wenn wir doch noch ausgeraubt werden, besitzen wir nichts von so unschätzbarem Wert, dass wir es nicht verkraften könnten, es zu verlieren.« Natürlich wäre es ein Problem, wenn wir ausgeraubt würden. Ich weiß selbst, dass wir unseren Schmuck als Kapital brauchen, für unseren Weg nach Hause. Aber ich weiß auch, dass Mikail einen Weg finden würde, selbst wenn wir allen Schmuck verlieren würden. Und da er es ist, der sich um alles kümmert, ist es unfair, ihm Vorwürfe zu machen.
Die Heilige antwortet nicht sofort. Aber dann gibt sie ein leises Schnauben von sich. »Seid Ihr sicher?«, fragt sie und ihre Stimme klingt eigenartig. Amüsiert, aber auch bitter.
»Ihre Heiligkeit haben recht, Stella«, sagt Mikail, der nun ebenfalls aufsteht. »Es wäre ein Risiko gewesen, wenn dieser Mann geflohen wäre. Ich hätte besser aufpassen müssen.«
»Das ist nicht wahr!« Ich gehe auf Mikail zu. »Du hast getan, was du konntest. Unbewaffnet gegen zwölf bewaffnete Männer zu kämpfen, ist keine Kleinigkeit. Und du hast das besser bewältigt, als die meisten es gekonnt hätten. Es ist nicht fair, dich zu kritisieren.«
Mikail lächelt, aber es ist ein schwaches Lächeln und sein Blick huscht zu Ihrer Heiligkeit. »Fairness, hm?«, murmelt er. »Leider glaube ich nicht, dass wir in unserer Situation auf Fairness zählen können, Stella.«
»Was meinst du damit?« Auch ich werfe der Heiligen einen Blick zu, denn diese Worte klingen nicht nach seinen eigenen.
Mikails Blick richtet sich wieder auf mich. »Nur, dass die besten Absichten nicht immer die richtigen sind. Und wir können es uns nicht leisten -«
»Lord Mikail, würdet Ihr diesen Mann zu seinen Kameraden bringen?«, unterbricht die Heilige ihn, als hätte sie nicht bemerkt, dass wir uns unterhalten. Oder als wäre es ihr egal.
Ich werfe ihr einen verärgerten Blick zu.
»Natürlich«, sagt Mikail und beugt sich sofort hinunter, um ihrem Befehl folge zu leisten.
Und als wäre das nicht schon schlimm genug, fügt die Heilige hinzu: »Mit Eurer Telekinese.«
Mikail sieht sie überrascht an.
»Ist das nötig?«, frage ich etwas ungehalten. Telekinese ist eine schwer zu beherrschende Kunst und es macht ja wohl keinen Unterschied, wie Mikail den Mann vom Fleck bewegt.
»Es sei denn, das ist zu schwer für Euch.« Es ist eine Provokation, die leider große Wirkung auf eine ehrgeizige Person wie Mikail zeigt.
Und dann hat sie noch nicht einmal den Anstand zu warten und geht auf die anderen Banditen zu, als wäre Mikail ihr Diener, der ihr zu gehorchen hat. Und er tut, was sie sagt, bereitwillig und ohne auch nur eine Miene zu verziehen.
Ich bleibe, wo ich bin, und atme einmal tief durch. Es gibt keinen Grund, wütend zu werden. Die Banditen wurden besiegt und wir werden schon bald das Dorf erreichen. Und mit etwas Glück haben wir das Schlimmste hinter uns und sind bald zu Hause.
Nachdem ich mich etwas beruhigt habe, folge ich Mikail.
Er und die Heilige stehen vor den Banditen, die ergeben auf dem Boden sitzen.
Ich bleibe ein paar Schritte hinter ihnen stehen und beobachte, wie die Heilige vor dem Mann, mit dem Mikail anfangs gesprochen hat, in die Hocke geht.
»Wir haben nicht vor, euch etwas zu tun. Ihr müsst uns nur brav folgen, bis wir jemanden finden, der euch einsperrt«, sagt sie in fließendem Sottisch. Es überrascht mich nicht, dass sie es beherrscht, aber ich frage mich, ob ich mir den höhnischen Unterton nur einbilde.
Der Bandit schenkt ihr daraufhin ein schiefes Lächeln, dass nicht nur seine gelben Zähne entblößt, sondern keinen Funken Aufrichtigkeit zeigt.
Der Heiligen scheint das nicht aufzufallen, denn sie sieht zu Mikail auf. »Offenbar sind sie sehr kooperativ«, sagt sie in einem unschuldigen, gutgläubigen Tonfall.
Aber gerade als ich denke, wie anders ihr Verhalten doch im Vergleich zu zuvor ist, reißt der Bandit eine Hand hoch. Etwas Silbernes blitzt darin.
»Passt auf!«, ruft Mikail.
Ich schlage die Hände vor den Mund, aber da ist es schon vorbei.
Der Bandit ist erstarrt, mit der Hand mit dem Messer so nah am Hals Ihrer Heiligkeit, dass ich nicht sicher bin, ob es sie berührt.
»Hm?«, macht die Heilige, als wäre nichts von Bedeutung passiert. Sie dreht gelassen den Kopf dem Banditen zu. »Sieh an«, sagt sie mit ruhiger, emotionsloser Stimme. »Hallo Mörder.«
Ich erschaudere. Der Mann wollte ihr ein Messer in den Hals rammen. Aber sie hat nicht einmal gezuckt. Wie kann ihre Reaktion darauf so beiläufig sein?
Der Bandit ist noch immer wie erstarrt und ich begreife, dass es nicht Mikail ist, der ihn zurückhält. Ein Aura-Schild funktioniert so nicht. Was bedeutet, die Heilige hat etwas getan. Als hätte sie erwartet, dass das passieren würde.
»Seid Ihr verletzt, Eure Heiligkeit?«, fragt Mikail und auch er wirkt überwältigt.
»Natürlich nicht. Euer Schild ist unnötig.« Sie klingt ungeduldig.
Er räuspert sich. »Bitte seid vorsichtig.«
»Ich bin die letzte, um die Ihr Euch sorgen solltet, my Lord.« Sie greift nach dem Messer und nimmt es dem Banditen aus der Hand. Dann steht sie auf. »Was denkt Ihr, Euer Hoheit?« Sie dreht den Kopf in meine Richtung. Ein kühles Lächeln umspielt ihre Lippen. »Gehört Euer Leben auch zu den Dingen, die Ihr verkraften könntet zu verlieren?«
Ich starre sie an und mir stellen sich die Nackenhaare auf, als ich begreife, dass sie nicht nur erwartet hat, von dem Banditen angegriffen zu werden. Sie hat es darauf angelegt. Nur, um mir etwas zu beweisen? Wer tut so etwas?
»Wisst ihr, warum ich euren Angriff verschlafen habe?« Die Heilige wendet sich wieder den Banditen zu und spricht in einem höhnischen Tonfall. Doch selbst über die Distanz zwischen uns spüre ich den Druck, der von ihr ausgeht und die Banditen sich winden lässt.
»Weil ihr so schwach seid, dass sich das Aufwachen nicht gelohnt hat.« Sie spricht mit tiefer Stimme, während sie die Banditen bedroht, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Und Mikail steht neben ihr und scheint das nicht weiter verwunderlich zu finden. Bin ich die einzige, die nicht glauben kann, dass die Heilige wie das Oberhaupt einer Verbrecherbande spricht?!
»Ich habe etwas gefunden, was uns helfen sollte.« Jake geht mit einer Tasche in der Hand an mir vorbei zu Mikail und Ihrer Heiligkeit. Er hält ein Paar Handschellen in die Luft, die sich wohl in der Tasche befinden. »Sie haben sie wohl dabei gehabt, für den Fall, dass sie einen stärkeren Gegner überfallen. Aber es sind genug da, sodass wir allen welche anlegen können.«
»Ihr wisst, was das bedeutet«, sagt die Heilige an die Banditen gewandt, nun wieder in einem fröhlichen Tonfall, der mich aber genauso erschaudern lässt. »Ausziehen, meine Herren.«
»Eure Heiligkeit!«, entfährt es mir und ich kann mich gerade noch davon abhalten, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Ich verstehe nicht, was plötzlich los ist. Wann hat sich die Heilige in eine Verrückte verwandelt?
»Es ist notwendig, Euer Hoheit«, sagt Jake und sieht mich bedeutungsvoll an. »Nicht nur um sicherzugehen, dass sie keine Waffen bei sich tragen, sondern auch für den Fall, dass einer von ihnen ein Aura-Lager versteckt.«
Erst da begreife ich, dass es sich bei den Handschellen um Unterdrücker handeln muss. Aber trotzdem, wie kann die Heilige schamlos einer Gruppe Männern befehlen, sich auszuziehen?
Aber als wolle sie den kleinen Teil meines soeben erlangten Verständnisses für sie wieder zerstören, sagt die Heilige: »Das und wir brauchen ihre Kleider.«
»Wir brauchen was?«
Sie sieht mich an, als hätte ich etwas Eigenartiges gesagt. »Ihr hattet nicht vor, in Eurem Ballkleid in ein kleines Bauerndorf zu marschieren, oder?«
Ich sehe an mir hinunter. Sie hat recht, aber welche Wahl bleibt uns? »Aber wir können doch nicht die Kleider dieser Männer anziehen. Sie würden nicht einmal passen.«
Aber die Heilige hat sich schon wieder den Banditen zugewandt. »Ihr habt mich gehört!«, sagt sie wieder im Tonfall eines Verbrecherbosses. »Fangt an!«
Und tatsächlich beginnen die Banditen, sich unter dem Druck ihrer Drohung auszuziehen.
Ich drehe mich um. Etwas stimmt hier definitiv nicht! Wer auch immer erzählt hat, dass die Heilige ein unerfahrenes, unschuldiges junges Mädchen ist, dass noch nie Zeit mit einem Mann verbracht hat, der weder Templer noch Priester ist, hatte keine Ahnung, wovon er redet! Sie ist eine Frau, der jeglicher gesunder Menschenverstand fehlt! Eine Irre!
»Das ist kein Anblick für dich, Lorelai.« Das ist Edens Stimme und als ich über die Schulter schiele, sehe ich, dass er den Blick Ihrer Heiligkeit auf die Banditen blockiert.
Denn offensichtlich hatte sie noch nicht einmal den Anstand wegzusehen.
Ich will den Blick wieder abwenden, aber da bemerke ich, dass Mikail auf die beiden zugeht. Er fragt sie, was sie als Nächstes vorhat, aber es ist offensichtlich, dass es ihm nicht darum geht, mit ihr zu sprechen. Schon allein die Art, wie er seinen Arm ausstreckt, um sie von Eden zu trennen ist eindeutig und er führt sie von ihm weg.
Und Eden, uncharakteristisch für ihn, tut nichts.
Ich denke an seine Worte, darüber, dass Mikail ihm gedroht hat, damit er sich von der Heiligen fernhält. War das die Wahrheit? Aber wieso sollte er das tun? Eden mag aufdringlich sein, aber wenn die Heilige einer Gruppe Banditen solche Angst einjagen kann, dass sie sich freiwillig entkleiden, sollte sie auch mit meinem Onkel fertig werden.
Als wolle sie diesen Gedanken unter Beweis stellen, schnippt die Heilige mit den Fingern und die Banditen, denen Jake und Dalton mit einiger Mühe die Handschellen anlegen, erstarren. Wäre sie vorhin wach gewesen, hätte es gar keinen Kampf gegeben und nun finde ich Jakes Frage durchaus berechtigt. Wieso wollte Mikail Ihre Heiligkeit nicht wecken?
Ich beobachte, wie sich die beiden unterhalten. Wie Mikail sie überrascht ansieht und dann errötet, als hätte sie ihm ein Kompliment gemacht, das ihn in Verlegenheit gebracht hat. Und zwar so sehr, dass er vor ihr flieht, während sie amüsiert kichert.
Aber neben dem unangenehmen Druck in meiner Brust verspüre ich nun auch Verwirrung. Er hat gerade beobachtet, was ich beobachtet habe. Wie um alles in der Welt kann er sich nach all dem von ihr bezirzen lassen?!
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