Tod der Heiligen
XXIV.
Ich schiele zu dem Banditen, der mit erhobenem Knüppel vor mir steht und zittert. Jemanden als Geisel zu nehmen, muss unglaublich nervenaufreibend sein, so angespannt wie er ist. Und ich denke, er würde nicht zögern, mir den Schädel einzuschlagen, weil er so in Panik ist. Es ist fast mitleiderregend.
»Verstanden.« Das ist Jakes Stimme und er spricht Sottisch. Und er klingt sehr viel ruhiger als der Bandit.
Da ich mich nicht umdrehen kann, beobachte ich das Gesicht des Banditen, auf dem sich Erleichterung abzeichnet. Bevor sie sich in Panik weiten und er mit einem Aufschrei in die Hocke geht.
Ein altes Schwert zischt über seinen Kopf hinweg und verfehlt ihn nur um Zentimeter.
Der Bandit, der offenbar nicht damit gerechnet hat, dass Mikail sein Schwert nach ihm wirft, lässt ein derbes Schimpfwort hören, während er sich wieder aufrichtet und seinen Knüppel hebt. »Ihr wolltet es so!«, brüllt er, offenbar zuversichtlich, dass Mikail ihn nicht rechtzeitig erreichen wird, um ihn aufzuhalten.
Aber das muss er auch nicht. Denn was dem Banditen in seiner Panik entgeht, ist, dass das Schwert nicht hinter ihm zu Boden fällt. Es hält in der Luft inne und rauscht wieder in die Richtung, aus der es gekommen ist.
»Arg!« Der Bandit stolpert mit einem Schrei vorwärts, als ihn der Knauf des Schwertes am Hinterkopf trifft, und verschwindet aus meiner Sicht. Aber ich höre, wie er ein gurgelndes Geräusch von sich gibt und schließlich einen dumpfen Laut, als wäre er zu Boden gegangen.
»T-Telekinese!«, stammelt einer der noch stehenden Banditen. Aber es dauert nicht lange, bis auch sie sich zu ihrem Kollegen auf den Boden gesellen.
Dann geht jemand neben mir in die Knie. »Eure Heiligkeit? Geht es Euch gut?«
Ich frage mich, ob er das fragt, weil er sich wundert, dass ich mich nicht gerührt habe, als ich bedroht wurde, oder ob er tatsächlich denkt, dass mir der Bandit etwas getan hat. »Habt Ihr mich mit Absicht hier abgelegt, damit die Banditen mich als Geisel nehmen, anstatt zu fliehen?«
»Nein, natürlich nicht!« Mikails Antwort kommt hastig, als wäre ihm nie auch nur der Gedanke gekommen.
»Wieso nicht?«
»V-Verzeihung?«
Ich setze mich auf und drehe den Kopf in seine Richtung. »Was war dann Euer Plan, um zu verhindern, dass die Banditen fliehen?«
Mikail starrt mich verdutzt an und sein Gesicht sagt klar und deutlich, dass er keinen Plan hatte. »Es war nicht meine Absicht, sie gefangenzunehmen«, sagt er dann zögerlich.
Ich schnaube, als ich verstehe, weshalb er so verwirrt dreinblickt. Es sollte mich nicht überraschen, nachdem er mich schon einmal davon abhalten wollte, einen fliehenden Gegner zu erledigen. »Weil Ihr denkt, dass Banditen zu der Sorte Mensch gehören, die fair kämpfen und eine Niederlage akzeptieren, ohne Vergeltung zu wollen?«
Mikails Brauen ziehen sich zusammen, während sich seine Verwirrung zu klären scheint.
»Bei allem Respekt, aber Ihr seid unfair«, sagt Estella, die nun auf meiner anderen Seite auftaucht. »Mikail, Jake und Dalton haben uns alle beschützt, Euch eingeschlossen.«
Noch so jemand, der von Fairness redet, denke ich und stehe auf. »Wisst Ihr wie viele Banditen in diesem Wald leben?«, frage ich, während ich meine Hände abklopfe.
Estella runzelt die Stirn. »Nein. Aber Ihr wisst es.«
Ich halte inne, um sie verdutzt anzusehen.
»Da Ihr Mikail gewarnt habt, scheint Ihr so einiges zu wissen, das ich nicht weiß.«
Ich höre keinen Vorwurf in ihrer Stimme oder Verärgerung darüber, dass ich wichtige Informationen zurückhalte. Oder auch nur das Misstrauen, das Mikail mir entgegengebracht hat, weil ich nicht spezifiziert habe, woher mein Wissen kommt.
»Und selbst wenn wir doch noch ausgeraubt werden, besitzen wir nichts von so unschätzbarem Wert, dass wir es nicht verkraften könnten, es zu verlieren.«
Ich spüre, wie mir der Mund aufklappt, und es dauert einen Moment, ehe ich verstehe, dass die Prinzessin davon ausgeht, dass das Schlimmste, was uns passieren kann, eines Morgens ohne ihren Schmuck aufzuwachen, ist. Ich hätte beinah laut aufgelacht. »Seid Ihr sicher?«
Estella runzelt fragend die Stirn.
»Ihre Heiligkeit haben recht, Stella«, sagt Mikail und erhebt sich ebenfalls. »Es wäre ein Risiko gewesen, wenn dieser Mann geflohen wäre. Ich hätte besser aufpassen müssen.« Er hat einen verbissenen Ausdruck auf dem Gesicht, während sein Blick auf den Banditen am Boden gerichtet ist.
»Das ist nicht wahr!« Estella umrundet mich, um Mikail zu trösten, wie es scheint, und da ich mir das nicht ansehen muss, trete ich an dem Baum vorbei, um zu sehen, was die anderen tun.
Dalton steht bei Annabella, während Jake, Hilena und Eden auf die restlichen Banditen aufzupassen scheinen. Wobei Hilena Jakes Hand hält und wohl damit beschäftigt ist, ihn zu heilen, und Jake seinerseits auf Eden einredet, der wahrscheinlich unzufrieden damit ist, ein paar Banditen bewachen zu müssen.
Ich richte meinen Blick auf die Banditen, die nicht alle bewusstlos sind, allerdings zu spüren scheinen, dass sich das schnell ändern kann, wenn sie nicht ruhig bleiben. Mikails Trick mit der Telekinese muss Eindruck auf ihnen hinterlassen haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bedeutend schwerer ist, Aura außerhalb des Körpers zu benutzen als Mana, trotzdem gibt es viele Aura-Träger, die zwar eine große Menge an Aura und damit einen hohen Rang besitzen, und dennoch keine Telekinese beherrschen. Wahrscheinlich weil es eine andere Art von Übung erfordert und etwas, das aktiv erlernt werden muss. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ein paar ungebildete Banditen, die in einem Wald am Rand der Zivilisation leben, keine Ahnung davon haben.
»Lord Mikail, würdet Ihr diesen Mann zu seinen Kameraden bringen?«, sage ich und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf Mikail.
Mikail unterbricht seine Unterhaltung mit Estella und sieht mich an. Dann sieht er auf den Mann am Boden hinab. »Natürlich«, sagt er und bückt sich.
Wie folgsam, denke ich amüsiert, da das keine Eigenschaft ist, die ich dem Sohn eines großen Hauses zuschreiben würde. »Mit Eurer Telekinese«, füge ich hinzu, bevor er den Banditen packen kann.
Mikail hält inne, um mich verdutzt anzusehen.
»Ist das nötig?«, fragt Estella und ihr Tonfall sagt mir, dass sie schon wieder ein Problem mit mir hat.
Aber ich halte den Blick auf Mikail gerichtet. »Es sei denn, das ist zu schwer für Euch.«
Seine Miene verhärtet sich. Er richtet sich auf.
Ich spüre, wie seine Aura ansteigt und sich um den Banditen sammelt. Es dauert einen Moment, aber schließlich erhebt sich sein Körper langsam in die Luft.
Mikail starrt den Banditen angestrengt an und es scheint all seine Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Ich schätze, er hat noch nie versucht, etwas deutlich Größeres als ein Schwert mit Telekinese zu bewegen.
Aber ich beobachte ihn nicht weiter und gehe auf die anderen Banditen zu. Dabei wirke ich einen Heilzauber, um die bewusstlosen Banditen aufzuwecken, damit auch sie mitansehen können, wie der schlaffe Körper ihres Kollegen durch die Luft fliegt. Und ich will mich nicht wiederholen müssen.
»Was denkt Ihr, sollten wir mit ihnen tun?«, frage ich Mikail, nachdem er den Banditen nahe der anderen abgelegt hat.
»Da wir sie nicht einfach laufen lassen können, bleibt uns nur eine Wahl«, antwortet er mit einem düsteren Blick auf die Banditen.
Ich sehe ihn überrascht an. Vielleicht habe ich ihn unterschätzt.
»Wir bringen sie ins nächste Dorf. Ich bin sicher, die Menschen dort haben mehr unter ihnen gelitten als wir. Sie sollten entscheiden, was mit ihnen passiert.«
Oder nicht, denke ich enttäuscht. »Ihr wollt sie gefangennehmen?«, frage ich skeptisch. »Wir werden es heute nicht mehr bis ins Dorf schaffen, was bedeutet, dass wir eine ganze Weile mit diesen Männern zusammen reisen werden.« Die Banditen sind mehr als wir und dazu kommt, dass die Frauen, abgesehen von mir, nichts gegen einen von ihnen ausrichten könnten. Auch Eden würde ich es zutrauen, sich überwältigen zu lassen, und ich bezweifle, dass der Rest je Gefangene transportiert hat. Was bedeutet, die größte Arbeit bleibt wieder an mir hängen.
»Ich weiß, was Ihr sagen wollt.« Mikail nickt mit gewichtiger Miene. »Aber eine andere Wahl haben wir nicht.«
Doch! Eine ganz einfache, die uns Zeit und Mühe spart und die Welt zusätzlich von Abfall befreit! Ich richte meinen Blick auf die Banditen und frage mich, ob Mikail darüber nachgedacht hat, was diese Männer mit uns gemacht hätten, wären unsere Plätze vertauscht.
Die Banditen beobachten uns, als hätten sie verstanden, dass Mikail und ich über sie reden. Dabei werfen einige immer wieder einem der Männer einen Blick zu. Ein großer haariger Kerl, der die stärkste Aura unter ihnen hat. Er dürfte in den 40ern sein und sein grimmiger Blick verrät mir, dass er keineswegs aufgegeben hat.
Ich setze ein Lächeln auf und schlage meinen Schleier zurück. »Fragen wir sie«, sage ich auf Sottisch und so unschuldig wie möglich.
Die Augen, die mich zuvor mit Misstrauen und Vorsicht betrachtet haben, weiten sich. Sogar der Kerl, den ich für den Anführer halte, hört für einen Moment auf, uns anzustarren wie ein Geier, der darauf wartet, dass wir unvorsichtig sind.
Ich gehe vor dem Mann in die Hocke. »Wir haben nicht vor, euch etwas zu tun. Ihr müsst uns nur brav folgen, bis wir jemanden finden, der euch einsperrt.«
Der Mann starrt mich an und ich sehe die Wut, die meine herablassende Güte bei ihm ausgelöst hat. Aber er lächelt.
Ich drehe meinen Kopf und recke das Kinn, sodass ich meinen Hals präsentiere, während ich zu Mikail aufsehe. »Offenbar sind sie sehr kooperativ«, sage ich fröhlich.
Mikail, der mich mit zusammengezogenen Brauen beobachtet hat, öffnet den Mund. Doch dann weiten sich seine Augen in Panik und er streckt die Hand nach mir aus, während sich seine Aura aufbaut. »Passt auf!«
»Hm?« Ich drehe meinen Kopf wieder zu dem Banditen, der sich zu mir vorgebeugt hat, einen verbissenen Ausdruck auf dem Gesicht, und zur Statue erstarrt ist.
Ich schiele zur Seite zu der Klinge, deren Spitze nur Zentimeter von meinem Hals entfernt ist. »Sieh an«, sage ich und richte meinen Blick wieder auf seine Augen, in denen blanke Panik steht. »Hallo Mörder.« Ich schenke dem Mann ein Lächeln, ein echtes diesmal, da er die Güte besessen hat, in meine Falle zu tappen.
Seine Aura dürfte gerade so für Rang C ausreichen, sodass ich nicht einmal Körperkontakt gebraucht habe, um ihn zu paralysieren.
»Seid Ihr verletzt, Eure Heiligkeit?«, fragt Mikail atemlos.
»Natürlich nicht. Euer Schild ist unnötig.« Ich wedle mit der Hand, um Mikail aufzufordern, den Schild, den er um mich beschworen hat, zu entfernen.
Er räuspert sich. »Bitte seid vorsichtig.«
»Ich bin die letzte, um die Ihr Euch sorgen solltet, my Lord.« Ich greife die Klinge des Messers, das der Bandit mir in den Hals rammen wollte. Dabei tippe ich mit dem Finger gegen seine Faust, die den Griff des Messers umklammert, und seine Hand öffnet sich. Der Mann ist so viel schwächer als ich, dass mir nichts passiert wäre, selbst wenn ich keine Paralyse auf ihn gewirkt hätte.
Ich stehe auf. »Was denkt Ihr, Euer Hoheit?« Ich drehe den Kopf und sehe zu Estella, die, mit den Händen vor den Mund geschlagen, hinter mir steht. »Gehört Euer Leben auch zu den Dingen, die Ihr verkraften könntet zu verlieren?«
Estella sagt nichts, aber da ich denke, dass ihr die Situation nun klarer sein sollte, richte ich meinen Blick wieder auf die Banditen und setze mein Mana frei. Es ist nicht viel Druck nötig, um sie dazu zu zwingen, stöhnend die Köpfe zu senken. Nur ihr Anführer, dessen Paralyse ich noch nicht gelöst habe, rührt sich nicht und gibt nur ein schmerzvolles Wimmern von sich.
»Wisst ihr, warum ich euren Angriff verschlafen habe?«, frage ich, wieder auf Sottisch. »Weil ihr so schwach seid, dass sich das Aufwachen nicht gelohnt hat.«
Die Banditen zittern als Antwort nur und ich wende mich an Mikail und halte ihm das Messer hin. »Ihnen Angst zu machen, hilft nur bedingt. Sie müssen das Mana der Prinzessin und von Lady Hilena und vermutlich auch die Aura seiner Hoheit spüren.« Ich sehe ihn eindringlich an, denn ich halte es immer noch für einen Fehler, die Banditen am Leben zu lassen. Wer weiß, wie viele Menschen sie auf dem Gewissen haben, und das nur, um sich selbst die Taschen vollzustopfen. Und wenn die Dörfler, die Möglichkeit hätten, etwas gegen die Banditen auszurichten, hätten sie das getan. Selbst wenn wir ihnen die Banditen ausliefern, könnten sie nichts mit ihnen anfangen, denn das kleine Dorf hat keine Wachen oder Gefängniszellen. Sie am Leben zu lassen, würde bedeuten, dass sie bald wieder räubern und töten.
Mikail betrachtet das Messer mit zusammengezogenen Brauen, bevor er es mir aus der Hand nimmt. »Wir werden die Männer nach Waffen durchsuchen und dafür sorgen, dass sie keine Gefahr mehr darstellen«, sagt er und richtet seinen Blick auf mich. Die Entschlossenheit in seinen Augen sagt mir, dass es nichts bringt, weiter darauf zu beharren.
»Ich hab etwas gefunden, das uns helfen sollte«, sagt plötzlich Jake und als ich zu ihm sehe, hält er ein paar Handschellen in die Luft.
Ich schmälere die Augen. Das sind keine gewöhnlichen Handschellen. Sie sind verzaubert, sodass sie dem Träger die Fähigkeit nehmen, auf seine Energie zuzugreifen. Auch in Ishitar werden solche Unterdrücker verwendet, schließlich machen sie es erheblich leichter, jemanden einzusperren. Aber sie sind nicht so gewöhnlich, dass es Sinn ergeben würde, dass eine mickrige Gruppe Banditen eine ganze Tasche voll davon besitzt.
»Sie haben sie wohl dabei gehabt, für den Fall, dass sie einen stärkeren Gegner überfallen«, mutmaßt Jake, während er die Handschellen betrachtet. »Aber es sind genug da, sodass wir allen welche anlegen können.« Er hebt die Tasche hoch, die er in der anderen Hand trägt. Es klirrt vernehmlich, als die Eisenfesseln im Inneren bewegt werden.
Ich beiße mir auf die Lippe. Wenn sie dafür gedacht wären, stärkere Gegner zu überwältigen, hätten sie versucht, sie gegen uns einzusetzen. Nicht, dass es mich überrascht, dass sie das nicht getan haben, denn Handschellen sind keine Waffen. Man benutzt sie, um Menschen zu fesseln und unschädlich zu machen. Und nicht nur Gesetzeshüter haben Verwendung dafür.
Mein Blick huscht zu den Banditen. Sie als Mörder zu bezeichnen, war wohl noch freundlich. »Ihr wisst, was das bedeutet«, sage ich auf Sottisch zu ihnen. Denn die Handschellen blockieren lediglich den Zugang zum Energiepool, sodass sich ihr Effekt leicht mit einem Energielager umgehen lässt. Ich schnippe mit den Fingern, um den noch paralysierten Anführer zu befreien, und lächle wohlwollend. »Ausziehen, meine Herren.«
Die Banditen starren mich an wie Schafe, die keine Ahnung von menschlicher Sprache haben.
»Eure Heiligkeit?!« Estellas empörte Stimme bestätigt meine Annahme, dass sie auch Sottisch beherrscht, auch wenn sie es glücklicherweise nicht benutzt, um meinen Titel zu sagen. »Ist es angebracht, so etwas zu verlangen?«
»Es ist notwendig, Euer Hoheit«, bekomme ich unerwartet Hilfe von Jake. »Nicht nur um sicherzugehen, dass sie keine Waffen bei sich tragen, sondern auch für den Fall, dass einer von ihnen ein Aura-Lager versteckt.«
Aura-Lager sind sehr viel seltener als Mana-Lager, aber da die Banditen Handschellen bei sich tragen, ist es nicht unmöglich, dass sie Aura-Lager dabei haben, um sich selbst davor zu schützen, dass ihre Handschellen gegen sie eingesetzt werden. Nicht, dass ich welche bei ihnen spüren kann und ich bezweifle, dass sie Aura-Lager besitzen, die selbst ich nicht aufspüren kann. Aber es gibt noch einen Grund, warum sich die Banditen ausziehen müssen.
»Das und wir brauchen ihre Kleider.«
Estellas Augen weiten sich. »Wir brauchen was?«
Ich hebe fragend die Hände. »Ihr hattet nicht vor, in Eurem Ballkleid in ein kleines Bauerndorf zu marschieren, oder?«
Sie blinzelt und sieht an sich hinunter. »Aber wir können doch nicht die Kleider dieser Männer anziehen. Sie würden nicht einmal passen.«
Ich wende mich wieder den Banditen zu, damit Estella mein Gesicht nicht sieht und hoffe einfach, dass jemand anderes es auf sich nimmt, der Prinzessin zu erklären, dass es nicht unmöglich ist, Kleider zu tragen, die einem nicht auf den Leib geschneidert wurden.
»Ihr habt mich gehört«, sage ich mit tieferer Stimme und untermale meine Worte mit einem Einschüchterungszauber. Letzterer ruft im Körper die Symptome hervor, die auftreten, wenn man große Angst verspürt, was dazu führt, dass die Banditen nun mehr zitternden Kaninchen ähneln als Schafen. »Fangt an!«
Die Banditen zucken zusammen und beginnen hastig an ihren Kleidern zu zerren, um sie sich vom Leib zu reißen.
Ich beobachte das mit einem Lächeln. Es ist erfrischend, etwas zu tun, in dem ich wirklich gut bin.
Allerdings wird meine Zufriedenheit alsbald zerstört, als sich jemand vor mich stellt und mir die Sicht auf die Banditen versperrt.
»Das ist kein Anblick für dich, Lorelai«, sagt Eden mit gerümpfter Nase.
Was will er tun? Mir für den Rest des Weges die Augen verbinden? »Ich bin Heilerin, Euer Hoheit. Der Anblick eines nackten Körpers erschreckt mich nicht«, sage ich und richte meinen Blick dann auf Mikail, der neben mich tritt.
»Was habt Ihr als Nächstes vor, Eure Heiligkeit?«, fragt er, wobei er eher Eden als mich ansieht.
»Wir sollten uns ansehen, was die Banditen in ihrem Bau versteckt haben und uns darauf vorbereiten, das Dorf zu betreten.«
»Ihr wisst, wo sich ihr Lager befindet?«
»Ja.«
Er nickt und diesmal scheint er sich nicht zu fragen, woher ich das weiß. »Dann geht voran«, sagt er, wobei er einen Arm wie zu einer auffordernden Geste nach mir ausstreckt, als hätten wir es eilig. »Wir kümmern uns um die Banditen.«
Ich folge seiner Geste, mustere ihn jedoch misstrauisch. »Wollt Ihr mich auch davon abhalten, Männer ohne Kleider zu sehen?«
»Ich denke nicht, dass jemand, der nicht mit der Wimper gezuckt hat, als ihm ein Messer an die Kehle gehalten wurde, sich vor dem Anblick nackter Haut scheut. Insbesondere nicht, nachdem Ihr den Banditen so vorbehaltlos befohlen habt, sich auszuziehen.« Er wirft mir einen Blick zu, der fragt, wie die Heilige so schamlos sein kann.
»Hat Euch das schockiert?«
»Ich frage mich nur, wo Ihr gelernt habt, andere so effektiv zu bedrohen.«
»Angeborenes Talent.«
Sein skeptischer Blick bringt mich beinah zum Lachen.
»Ihr dürft versuchen, meine Methode zu kopieren, wenn Ihr neidisch seid.«
»So habe ich es nicht gemeint«, murmelt er abgelenkt und sieht über mich hinweg zu den Banditen. Mit ‚Wir kümmern uns um die Banditen‘ hat er wohl Jake und Dalton gemeint, die es allerdings nicht leicht haben. Denn die Banditen haben trotz meines Einschüchterungszaubers keine Lust, noch hilfloser zu sein, indem sie sich brav die Handschellen anlegen lassen.
Ich schnippe mit den Fingern und wirke einen Paralysezauber auf die Banditen, woraufhin das Gerangel hinter mir stoppt. »In Eurem Fall wäre es wohl auch nicht sehr wirkungsvoll«, gebe ich zu, während ich Mikails Gesicht betrachte.
Mikail blinzelt und richtet seinen Blick wieder auf mich. »Wie meint Ihr das?«
»Ich denke nur, dass Eure Mutter eine unschuldige Schönheit sein muss.«
Er runzelt die Stirn. »Wie kommt Ihr auf meine - !« Er bricht ab, als er sich daran zu erinnern scheint, dass er mir erzählt hat, dass er äußerlich nach seiner Mutter kommt. Er weicht blinzelnd meinem Blick aus und ich beobachte fasziniert, wie er rot anläuft, wovon er erfolglos abzulenken versucht, in dem er sich mit einer Faust vor dem Mund räuspert. »Ich sollte den anderen helfen«, murmelt er, ehe er eilig an mir vorbeiläuft.
Ich kichere. Das macht fast so viel Spaß, wie Banditen zu bedrohen.
Kommentar
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