Tod der Heiligen
XXV.
Ich halte mit einem skeptischen Blick die graue Hose in die Luft, die ich mir aus dem Haufen der Kleider der Banditen genommen habe. Da alle anderen gezögert und darüber diskutiert haben, ob sie es über sich bringen können, die Kleider niederer Banditen zu tragen, hatte ich die Möglichkeit mir als Erste die besten Stücke herauszusuchen. Aber selbst das ist abgetragen, löchrig und sieht trotz meines Läuterungszaubers schmutzig aus.
Sottische Kleider unterscheiden sich etwas von unseren. Sie tragen weite Hosen, lange Tuniken und verzierte Schärpen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich bisher nur die Kleider des sottischen Adels gesehen habe. Die graue Hose ist zwar weit, aber auch recht unförmig und die Tunika sieht aus, als hätte jemand einen Sack genommen und drei Löcher hineingeschnitten.
Ich werfe einen Blick über die Schulter zu Estella, Hilena und Annabella, die mir in den Wald gefolgt sind, als hätten sie nur darauf gewartet, dass jemand den Anfang macht. Es würde mich nicht einmal überraschen, wenn es tatsächlich so ist, denn auch jetzt machen sie keine Anstalten, sich auszuziehen. Stattdessen führen sie ihre Diskussion von zuvor fort, während sie die Kleider begutachten.
Ich wende mich wieder meiner Hose zu. Dass sie schäbig ist, stört mich nicht, denn auch eine kratzige Hose ist mir lieber, als das umständliche Gewand der Heiligen. Aber sie ist zu schäbig. Zu schäbig für mich. Und das meine ich ohne Arroganz, denn ich bin dank meiner Läuterungszauber nicht nur sauber, ich bin wohlgenährt, mit ebener Haut, weißen Zähnen und glänzenden Haaren. Auch meine Debuffs werden nicht verbergen, dass ich kein Leben führe, dass auch nur im Ansatz mit dem der Banditen vergleichbar ist. Mit anderen Worten wird es sehr offensichtlich sein, dass diese Kleider nicht meine sind.
Leider sind Kleider keine Lebewesen, die ich mit meiner Magie reparieren kann. Das Einzige, was ich tun kann, ist, einen Schatten auf den Stoff zu zaubern, sodass die Hose dunkler aussieht. Und auch das ist nicht einfach, da sie nicht viel Mana standhalten dürfte, aber als ich fertig bin, lässt das einheitliche Dunkelgrau sie doch besser aussehen, als das ungleichmäßig ausgebleichte Grau von zuvor. Sogar die Löcher sieht man nicht mehr.
Ich wiederhole das bei den anderen Stücken, bevor ich den Mantel der Heiligen und mein Kleid ablege. Dann ziehe ich die Hose an, die mir wie erwartet zu lang ist und ich kann sie locker bis zur Brust hochziehen. Anstelle eines Gürtels wurde nur eine dünne Schnur durch den Bund gezogen, die ich so eng zuziehen muss, dass ein langes Ende übrig bleibt. Ich schneide es ab und teile es, sodass ich zwei Schnüre habe, mit denen ich die Hosenbeine an meine Knöchel schnüren kann, damit ich nicht darüber stolpere.
Dann ziehe ich die Tunika über und binde mir die Schärpe um die Taille. Als Letztes lege ich den Schal, der dank meiner Aufwertung eine weinrote Farbe hat, über die linke Schulter und stecke ihn in der Schärpe fest. Auf diese Weise ist der Armreif an meinem rechten Oberarm zu sehen, sowie mein Halsband. Aber mir fällt keine unauffällige Methode ein, um beides zu verdecken und abnehmen will ich sie nicht. Die Armreifen brauche ich in Krisensituationen und das Halsband ist ein Mana-Lager, das außerdem eine falsche Mana-Quelle vortäuscht und mich schwächer erscheinen lässt, als ich bin. Anstatt es abzulegen, sollte ich ein weiteres anlegen, dass noch weniger Mana gespeichert hat, um nicht aufzufallen.
Am Ende sollte es niemanden wundern, dass die Heilige Schmuck trägt. Immerhin habe ich die ganze Reise über scheiß Goldfäden in meinen Haaren gehabt. Ein Umstand, der mir wieder einfällt, als ich meine Haare zu einem Pferdeschwanz binden will. Die Goldfäden müssen natürlich raus, denn niemand, der nicht adlig ist, würde auf die Idee kommen, sich Gold in die Haare zu flechten. Aber ich versuche gar nicht, sie aus meinen Haaren zu entwirren. Nach mehreren Tagen, in denen ich dank eben jener Goldfäden keinen Kamm benutzen konnte, ist das ein hoffnungsloses Unterfangen und mir fehlt die Geduld dazu.
Warum habe ich Mikail das Messer gegeben, denke ich resigniert und drehe mich um, um es mir zurückzuholen. Dabei fällt mein Blick auf die drei Frauen, die immer noch nicht viel weitergekommen sind. Und wenn ich mir ansehe, wie sie mich anstarren, scheint es fast, als hätten sie mir beim Umziehen zugesehen.
»Stimmt etwas nicht?«, frage ich, nicht gerade begeistert davon, eine Attraktion zu sein.
»Nein, nein!« Estella hebt die Hände, als ob meine Frage sie in Verlegenheit gebracht hätte. »Ich bin nur … beeindruckt, wie schnell und geschickt Ihr diese fremdartigen Kleider angelegt habt. Aber sie stehen Euch ausgezeichnet.« Sie schenkt mir ein falsches Lächeln, während sie mich eingehend mustert, als würde sie etwas sehen, dass sie nicht versteht.
Ich nehme an, das ist Prinzessinnensprache für: Wie zur Hölle hast du es geschafft dich ohne Diener umzuziehen? »Habt Ihr vorher noch nie jemanden aus Sotton gesehen?«, frage ich, da ich mir nicht vorstellen kann, dass die Kleider für sie fremdartiger sind als für mich.
»Das habe ich natürlich, aber diese Kleider sind, … nun …« Sie räuspert sich. »Jetzt, wo Ihr sie tragt, sehen sie deutlich hochwertiger aus als zuvor.«
Ah, das ist es also. Ich kann nicht besser angezogen sein als die Prinzessin.
»Und dieser Armreif und das Halsband. Mir war nicht bewusst, dass Ihr Schmuck tragt.«
Ich rolle mit den Augen. Ich weiß, dass ich auch ihre Kleider aufwerten sollte, aber wie soll ich das, wenn Prinzessin mir so auf die Nerven geht?
»Ihr könnt wirklich alles gut aussehen lassen, Eure Heiligkeit!«, sagt Annabella plötzlich mit vor Bewunderung funkelnder Augen. »Sogar die Kleider von Banditen!« Sie nickt unterstreichend und es scheint, dass sie, anders als Estella, mir kein bisschen misstraut.
»Ich habe die Belichtung etwas angepasst. Deshalb sehen die Kleider besser aus«, erkläre ich ihr mit einem Lächeln, woraufhin Annabellas Augen noch größer werden, als würde sie diese Erklärung nicht im mindesten enttäuschen.
»Nun, das erklärt es«, sagt Estella, mit einem selbstgefälligen Unterton.
Ich ignoriere sie und sehe zu Hilena. »Wie gut könnt Ihr Licht manipulieren?«, frage ich sie, in der Absicht, die Arbeit, die Kleider der anderen ebenfalls aufzuwerten, auf sie abzuschieben.
Aber Hilena weicht meinem Blick aus. »Ich habe mich nie wirklich damit beschäftigt, verzeiht mir.«
Ich unterdrücke ein Seufzen. Überraschen tut es mich aber nicht. Lichtmagier sind Heiler und offiziell glaubt man, dass die Fähigkeit, Licht zu erschaffen nur ein Nebeneffekt ist. Dass unser Mana schlicht diese Form hat. So wie das Mana eines Feuermagiers Wärme ausstrahlt und eine rötliche Farbe annimmt. Oder das Mana eines Wassermagiers kühl ist und Blau aussieht. Aber anders als bei anderen Elementarmagiern stehen Licht und Heilungen nicht in einem Zusammenhang miteinander. Und dass es um mehr als das Aussehen geht, sieht man schon daran, dass ich Schattenmagie benutzen kann.
Hilena weiß das natürlich nicht und wie die meisten Lichtmagier hat sie ihre Magie ausgebildet, in dem sie Heilen gelernt hat. Das jedenfalls gilt für Ishitar und ich frage mich, ob man es in Sotton auch so hält. Soweit ich weiß, gibt es hier weniger Heiler als in Ishitar, wo Lichtmagie als etwas Göttliches angesehen wird und die Kirche Menschen mit einer Affinität dafür fördert. Möglicherweise erhöht das meine Chancen einem Schattenmagier über den Weg zu laufen.
Nachdem ich die Kleider der Frauen verzaubert habe, kehre ich endlich zu dem Platz zurück, an dem die gefesselten Banditen sitzen. Allerdings ist Mikail nicht dort. Ich spüre seine Präsenz zusammen mit Edens und Daltons etwas entfernt und ich nehme an, auch sie sind dabei, die Kleider der Banditen anzuziehen. Und ich weiß nicht, ob ich es Glück oder Pech nennen soll, dass es nicht nötig ist, Mikail beim Umziehen zu stören. Denn er hat das Messer Jake überlassen, der zurückgeblieben ist, um ein Auge auf die Banditen zu haben. Und Jake braucht das Messer offenbar, um sich selbst das Gesicht aufzuschlitzen.
Als ich zwischen den Bäumen hervorkomme und er mich sieht, erstarrt er und er sieht reichlich dämlich aus, wie ihm das Blut vom Kinn tropft. Ich werfe den Banditen, die brav auf dem Boden hocken und Jake ebenfalls interessiert beobachten, einen Blick zu, ehe ich mich an Jake wende. »Wenn Ihr fertig seid, mit, was immer Ihr da tut, könnte ich das Messer haben?«, frage ich, während ich mein Kleid und den Mantel der Heiligen zu Boden fallen lasse.
Jake wirft dem Messer in seiner Hand einen Blick zu. Dann wischt er sich hastig das Blut vom Kinn und räuspert sich. »Ich habe versucht, mich zu rasieren.«
»Aha«, mache ich trocken, während ich sein Gesicht betrachte. Er hat es mehr als einmal versucht und kein einziges Mal scheint er sich dabei geschickt angestellt zu haben.
Jake rollt mit den Augen, als könne er mich nicht ansehen. Aber er hält mir das Messer hin. »Wozu braucht Ihr es?«
Ich nehme es mit spitzen Fingern entgegen und läutere es, um das Blut von der Klinge zu entfernen. »Ich möchte auch ein wenig an mir herumsäbeln.«
Jake verzieht das Gesicht. »Ich fürchte, für eine Rasur fehlt Euch der Bart, Eure Heiligkeit.«
Ich nehme den Blick von dem Messer, um wieder ihn anzusehen.
Er sieht lächerlich aus, mit seiner ungleichmäßig mit Haaren bedeckten und blutigen unteren Gesichtshälfte. Aber seine dunklen Augen sind jetzt auf mich gerichtet und ich stelle fest, dass etwas fehlt.
»Ihr scheint das Messer nicht dafür verwendet zu haben, um Euren Bart zu stutzen«, erwidere ich und entscheide mich dagegen, ihn einfach stehenzulassen.
Jake reibt sich über das Kinn, an dem sich erneut Blut gesammelt hat. »Macht Euch ruhig über mich lustig. Ich bin nicht so leicht aus der Fassung zu bringen wie Mikail«, sagt er mit ruhiger, fast schon gelangweilter Stimme. Aber seine dunklen Augen bohren sich in meine.
Sieh einer an, denke ich, was ist aus der Angst geworden, die ich auf Estellas Veranstaltung von ihm gespürt habe? Ich schnippe mit den Fingern.
Jake blinzelt und seine Augen zucken zu meiner Hand. Der scharfe Blick verschwindet und wird von Unsicherheit ersetzt, als er sich zweifellos fragt, was ich gerade getan habe.
»Ha«, mache ich amüsiert. »Seid Ihr sicher?« Verzögert wirke ich einen Heilzauber und einen Läuterungszauber auf ihn.
Jake hebt eine Hand an sein Gesicht, das nun unverletzt und glattrasiert ist. »Wieso …?«
»Wieso seid Ihr so überrascht? Wolltet Ihr den Leuten im Dorf Angst einjagen mit Eurem zerschnittenen Gesicht?«
»Ich dachte, dass Ihr es Hilena überlassen würdet, mich zu heilen.«
Ja, das dachte ich auch. Aber da Hilena nicht in der Lage zu sein scheint, ein Gesicht von einem Bart zu befreien, würde ich es früher oder später ohnehin tun müssen.
Seine Finger reiben über seine Wange, als könne er nicht glauben, dort keine Stoppeln zu finden. »Ihr habt mich sogar rasiert.«
»Weil Ihr es offensichtlich nicht könnt. Und nichts sagt so sehr ‚Ich bin der verzogene Sohn aus einem Adelshaus‘ wie die Unfähigkeit, grundlegende Dinge selbstständig zu bewältigen.«
Jake starrt mich verdutzt an. Dann lässt er seine Hand sinken und lacht auf. »Ob Ihr es glaubt oder nicht, aber das war auch mein Gedanke. Ich wusste nicht, dass es so viel schwieriger ist, sich ohne Spiegel und mit einem gewöhnlichen Messer zu rasieren. Aber ich tue es normalerweise selbst, nur damit Ihr es wisst.«
Es ist definitiv keine Information, die ich brauche, und ich sehe, dass diese Unterhaltung nirgends hinführt.
»Eure Heiligkeit!«, ruft Jake plötzlich, als ich mich abwenden will, um mir ein gemütliches Plätzchen zu suchen, an dem ich meine Haare schneiden kann.
Ich sehe etwas genervt über die Schulter, da ich schon zu viel Zeit mit dieser Unterhaltung verschwendet habe.
»Da ist etwas, das Ihr wissen solltet.« Er sieht mich an, mit derselben Intensität von zuvor. Als ginge es um etwas sehr Wichtiges.
Ich hebe fragend die Brauen. »Ja?«, frage ich, als er trotz dieser dramatischen Ankündigung nicht weiterspricht.
Jake leckt sich über die Lippen und wirft den Banditen einen Blick zu.
»Sie sprechen unsere Sprache nicht und von den anderen ist niemand in der Nähe«, sage ich ungeduldig.
Jakes Blick kehrt zu mir zurück. »Es geht um die Veranstaltung der Prinzessin …«, beginnt er zögerlich. »Genauer, um das Attentat auf Euch.«
Ich mustere ihn neugierig. »Was ist damit?«
»Ich wollte nur, dass Ihr wisst … Ich weiß nicht, ob es Euch aufgefallen ist, aber der Attentäter ist ….« Er räuspert sich und blinzelt, als hätte er Mühe, mich weiter anzusehen. »Als Ihre Hoheit die Kontrolle über ihre Magie verloren hat, war ich nicht in der Nähe der Bühne. Aber als ich den Rauch gesehen habe, bin ich zurückgekommen.« Er macht eine kurze Pause und er scheint meine Reaktion auf seine Worte einzuschätzen. Dabei hat er noch nichts Bedeutungsvolles gesagt.
»Und?«
»Ich wurde von einem Mann angesprochen. Er sagte, Hilena sei noch auf der Bühne und dass er mich zu ihr bringen würde.« Er ballt die Hände zu Fäusten und schüttelt den Kopf. »Aber ich schwöre Euch, ich wusste nicht, wer er ist.«
Ich öffne den Mund in Erkenntnis. »Ihr meint, Ihr wusstet nicht, dass er auf die Bühne wollte, um mich zu töten.«
Er nickt. »Ich denke, jemand wollte die Tatsache, dass ich ein Alistair bin, ausnutzen, um von sich abzulenken.«
Ich starre ihn einen Moment an. Dann breche ich in Gelächter aus.
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