Tod der Heiligen

XXIII.

Unglücklicherweise muss ich feststellen, dass es bereits Nacht ist, als ich zu mir komme, weshalb wir uns erst am nächsten Tag auf den Weg machen. Dadurch verschiebt sich unsere Ankunftszeit nach hinten, aber das ist nicht das einzige, das mir schlechte Laune bereitet.

Über den Weltstrom habe ich gestern eine Gruppe Banditen entdeckt, die in der Nähe des Dorfes lagern und die Aussicht, sie in der Nacht verprügeln zu dürfen, war ein Lichtblick zwischen dem ätzenden Gelatsche durch den Wald und Estellas und Mikails aufdringlicher Sorge. Aber nicht nur hat Mikail sich die ganze Nacht geweigert zu schlafen, mir ist klar geworden, dass es keine gute Idee wäre, die Banditen als Lawrence zu besuchen.

Wir versuchen, keine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, aber das wird sich kaum vermeiden lassen, wenn wir das Dorf betreten. Wenn wir allerdings dort ankommen, gekleidet in feinste Ballkleider, hätten wir uns nicht die Mühe machen müssen, vor den Soldaten wegzurennen. Was bedeutet, wir brauchen andere Kleider. Und hier kommen die Banditen ins Spiel.

Wenn ich sie als Lawrence beseitige, könnte ich zwar all ihre Beute für mich allein beanspruchen, aber unser Problem würde dadurch nicht gelöst. Ich muss also wohl oder übel warten, bis die Banditen uns überfallen und den Gewinn teilen. Immerhin besitzen sie nichts Wertvolles, denke ich, um es wenigstens etwas weniger bedauerlich zu machen.

Natürlich müssen wir zuerst das Gebiet der Banditen erreichen und während ich noch darüber nachdenke, wie ich meine Debuffs lockern kann, ohne dass Mikail es bemerkt, trifft er eine Entscheidung, die meine Laune noch weiter in den Keller befördert.

»Ihr müsst mich nicht gleich von Anfang an tragen«, sage ich mit erzwungen freundlicher Stimme, als Mikail mich ohne Umschweife hochhebt, als wir uns gerade auf den Weg machen wollen.

»Aber es scheint mir sicherer, für den Fall, dass Ihr noch einmal in Ohnmacht fallt«, erwidert er, während er zielstrebig losgeht und geradeaus sieht, wie um mir zu zeigen, dass meine Meinung ihm gleichgültig ist.

Ich beiße mir auf die Lippe. Mir entgeht der Vorwurf in seinen Worten nicht, aber da er schneller gehen kann, als ich mit meinen Debuffs, ist es effizienter. Und da wir in einigen Stunden von Banditen überfallen werden, muss ich es nur für eine Weile ertragen.

Mikail wirft mir einen Blick zu, als ich ihm nicht antworte. »Keine Beleidigung heute?«

Ich runzle die Stirn. »Wie bitte?«

»War das Fieber so schlimm, dass Ihr Euch nicht daran erinnert?«, fragt er mit einem höhnischen Unterton. »Ich bin offenbar ein nerviger Bastard.«

Ich rolle mit den Augen. Ich habe wegen meines Fiebers wohl zu laut gedacht. »Und das hat Euch so gefallen, dass Ihr wollt, dass ich es wiederhole?«

Mikail blinzelt und sieht mich verdutzt an. Dann gluckst er. »Das nicht, aber es macht mir auch nichts aus, ein nerviger Bastard zu sein, wenn das bedeutet, dass Ihr Euch erholt.«

Ich mustere sein Gesicht. Für jemanden, der behauptet, es würde ihm nicht gefallen, sieht er sehr fröhlich aus. Ich verstehe, dass er nicht leicht reizbar ist und eine nervtötend hohe Selbstbeherrschung besitzt. In meinem Fall kommt noch dazu, dass er auf meinen Schutz angewiesen ist, weshalb er es hinnehmen müsste, selbst wenn ich ihm am laufenden Band Beleidigungen an den Kopf werfen würde. Aber welcher Spinner freut sich darüber, beleidigt zu werden?

Aber jetzt, wo ich darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass Mikail im Allgemeinen ein eigenartiger Kerl ist. Schon allein, dass er sich nicht beschwert und kaum auch nur Zeichen von Unbehagen zeigt, obwohl er das meiste tut, ist für einen Adelssohn ungewöhnlich. Aber er hat darüber hinaus noch genug Energie, um mich, die er erst vor ein paar Tagen kennengelernt hat, zu umschwärmen wie eine Glucke.

Apropos umschwärmen: Estella nähert sich uns, um uns vollzuplappern, wie ich keinen Zweifel habe. Sie hat die Chance in den letzten Tagen ausgenutzt, um mich ohne Punkt und Komma zuzutexten, während ich nicht weglaufen kann.

»Urg!«, mache ich und hole hastig meinen Schleier aus meinem Ärmel. »Ich werde jetzt schlafen!«, verkünde ich und ziehe mir den Schleier über den Kopf.

Mikail sieht etwas überrascht auf mich herab. Aber dann macht sich ein zufriedener Ausdruck auf seinem Gesicht breit. »Bitte tut das. Ich werde mich um alles kümmern.«

»Um alles?«, wiederhole ich und hebe meinen Schleier an, damit er meinen skeptischen Blick sehen kann. Wahrscheinlich bezieht er sich darauf, dass ich seine Präsenz und die der anderen nicht mehr verbergen kann, wenn ich schlafe.

Mikail nickt. »Ihr könnt beruhigt schlafen.«

»Wenn Ihr das sagt.« Ich lasse meinen Schleier wieder los und lehne meinen Kopf gegen seine Schulter. »Dann überlasse ich die Banditen Euch.«

Mikail zuckt zusammen und ich höre, wie er nach Luft schnappt, wohl um mich zu fragen, was ich damit meine. Aber genau in diesem Moment erreicht uns Estella. »Ist alles in Ordnung?«, fragt sie, obwohl ich nicht glaube, dass sie etwas von unserer Unterhaltung mitgehört hat.

»Ja«, antwortet Mikail und seine Stimme klingt erstaunlich gelassen. »Ihre Heiligkeit sind eingeschlafen. Ich denke, sie hat sich noch nicht erholt.«

Ich war mir sicher, er würde darauf bestehen, dass ich ihm mehr über die Banditen erzähle, aber vielleicht ist ihm aufgefallen, dass ich nicht mit Estella reden will. Oder es würde seinen Stolz verletzen, um meine Hilfe zu bitten, nach seinen großspurigen Worten, dass er sich um alles kümmern werde.

»Würdest du den anderen sagen, dass sie dicht beieinander bleiben sollen? Ihre Heiligkeit haben mich vor Banditen gewarnt.«

»Banditen?!« Estellas Stimme ist rücksichtslos laut, für jemanden, dem gerade gesagt wurde, dass ich schlafe. »Woher weiß sie das?«

Mikail antwortet nicht sofort und ich denke, dass er mich anschaut. »Wir erreichen bald das nächste Dorf. Es ist nicht abwegig, dass es Banditen in der Nähe gibt.«

»Also hat sie dir gesagt, dass wir auf Banditen treffen könnten und ist dann eingeschlafen?«, fragt Estella, als wäre das eine Unverschämtheit.

Mikail gibt ein leises Geräusch von sich, das an ein Lachen erinnert. »Ich glaube nicht, dass jemand mit der Stärke Ihrer Heiligkeit sich um Banditen sorgen muss. Sie werden wohl kaum gefährlicher sein als Bergtrolle und Gargoyle.«

»Aber sie …« Estella scheint ihm widersprechen zu wollen, aber sie bricht ab, als hätte sie etwas davon abgehalten. »Ich sage es den anderen«, sagt sie dann, mit deutlich leiserer Stimme und ihre Schritte werden langsamer, als sie zurückfällt.

Dann ist es still.

Ich habe erwartet, dass Mikail mich anspricht, sobald Estella weg ist, aber er hat wohl vor mich schlafen zu lassen. Nicht, dass ich das vorhatte. Aber ich bin tatsächlich erschöpft und das gleichmäßige Auf und Ab seiner Schritte macht mich schläfrig. Und irgendwann dämmere ich weg.



 

Als ich wach werde, liege ich gegen einen Baum gelehnt auf dem Boden und für einen Moment bin ich so verwirrt, dass ich mir nicht erklären kann, wie ich hier hingekommen bin. Hinter mir spüre ich mehrere Präsenzen und aufgeregte Aura, die mir verrät, dass ein Kampf stattfindet.

Richtig, die Banditen, denke ich und stütze mich auf meiner Hand auf, um an dem Stamm des Baumes vorbeizusehen. Ich muss so lange geschlafen haben, dass sie uns erreicht haben. Nicht einmal als Mikail mich hier abgelegt hat, bin ich aufgewacht. Oder als die Banditen aufgetaucht sind. Oder als sie angegriffen haben. Besonders leise sind sie nämlich nicht.

Ich spüre, dass Annabella, Estella und Hilena auf der anderen Seite des Baumes stehen, und zwar so dicht, dass ich sie nicht sehe. Eden kann ich sehen, der vor ihnen steht und tatsächlich einen Aura-Schild beschworen hat, als wolle er sie beschützen. Nicht, dass das nötig wäre.

Mein Blick bleibt an Mikail hängen, der es geschafft hat, den Banditen ein Schwert abzunehmen. Selbst über die Entfernung und durch meinen Schleier hindurch kann ich sehen, dass es ein altes, abgenutztes Schwert ist, aber die Art wie Mikail es schwingt, ist …

Ich lehne mich weiter vor, um ihn besser sehen zu können. Es sollte niemanden überraschen, dass er eine gute Ausbildung genossen hat, aber während ich seine fließenden Bewegungen beobachte, mit denen er die Banditen so mühelos abwehrt, wird mir mehr denn je bewusst, wie dürftig meine Fähigkeiten mit dem Schwert sind.

Selbst die beiden anderen, Jake und Dalton, sind geschickter als ich, wie ich frustriert zugeben muss. Sie haben zwar keine Schwerter, da die Banditen offensichtlich nur eins besessen haben, aber sie halten beide Holzknüppel in der Hand.

Es sind zwölf Banditen, von denen die Hälfte bereits am Boden liegt und ich frage mich, wie viel Zeit seit Beginn des Kampfes vergangen ist. Die Aura der Banditen ist vergleichbar mit der von Mikail, Jake und Dalton, wobei Mikail die meisten um ein Stück übertrifft. Die zahlenmäßige Überlegenheit sollte diesen Umstand jedoch ausgleichen. Aber der Kampf ist ein gutes Beispiel dafür, dass Quantität nicht über Qualität siegt. Denn Mikail benutzt seine Aura so gut wie gar nicht.

Ich beobachte, wie er den Knüppel eines Banditen an sich vorbeileitet, in dem er sein Schwert zur Seite kippen lässt, als würde es dem Knüppel nachgeben. Dabei macht er einen Schritt vor und es wirkt fast, als würde der Knauf seines Schwerts von ganz allein die Nase des Banditen treffen. Und noch während der Bandit zu Boden geht, schwingt Mikail sein Schwert in einem horizontalen Streich auf den nächsten zu.

Ich sehe die Vertrautheit in seinen Bewegungen, als wäre es das Natürlichste der Welt, ein Schwert zu halten. Nicht nur seine Arme, sondern auch seine Beine und sein gesamter Körper scheinen genau zur richtigen Zeit, genau die richtige Bewegung auszuführen, um die Banditen wie stümperhafte Idioten aussehen zu lassen, die mit ihren Knüppeln herumfuchteln, als wüssten sie nicht, was sie tun. Es wäre ein amüsanter Anblick, aber der Gedanke, dass ich ebenso eine stümperhafte Idiotin wäre, würde ich ohne meine Magie die Schwerter mit Mikail kreuzen, ist ernüchternd.

»Zur Seite!«, ruft Eden plötzlich und meine Sicht auf Mikail wird durch ihn und die Frauen versperrt, die offensichtlich die Position wechseln, weil die Banditen ihnen zu nahe gekommen sind.

Ich lehne mich zurück, sodass sie mich nicht sehen und setze mich wieder so hin, wie ich aufgewacht bin. So wie es aussieht, waren Mikails großspurige Worte nicht nur so daher gesagt. Ich werde nicht gebraucht. Vielleicht sollte ich einfach weiterschlafen …

»Urg!«

»Jake!«, kreischt Hilena so laut, dass ich das Gesicht verziehe.

»Es geht schon«, antwortet Jake mit gepresster Stimme.

»Ich hätte besser aufpassen sollen.« Das ist Dalton.

»Ich sag doch, es geht schon. Bist du in Ordnung?«

»Dank dir.«

Auch die Banditen rufen sich gegenseitig auf Sottisch zu und dazu kommt der Kampfeslärm und hin und wieder ein Aufschrei der Frauen. Das mit dem Schlafen wird also nichts. Es ist ein bisschen langweilig nur hier herumzusitzen, aber gerade, als ich überlege, ob ich mich doch in den Kampf einmischen soll, merke ich, dass sich mir einer der Banditen nähert.

Mikail hat mich hinter dem Baum abgelegt, wahrscheinlich um mich zu verstecken. Außerdem standen Eden und die Frauen ursprünglich vor mir. Aber nicht nur mussten sie zur Seite ausweichen, die Methode, seinen Gegner nur zu Boden zu schlagen hat seine Nachteile. Nämlich den, dass er wieder aufsteht. Und dieser Bandit hat mich wohl entdeckt, als er von dem Kampfgeschehen davon gekrochen ist.

Und was macht ein feiger Bandit, der begriffen hat, dass er und seine Kollegen eine Gruppe überfallen wollten, die zu stark für sie ist und bei seiner Flucht zufällig eine bewusstlose Frau findet, die nur zu der Gruppe gehören kann? Er denkt in seiner Dummheit, er könnte mich als Geiseln nehmen.

Es wäre eine Kleinigkeit, ihn auszuschalten, aber es wäre auch sehr langweilig. Und ich habe schon beschlossen, mich herauszuhalten, damit Mikail sein Versprechen halten kann. Wobei ich ihm wohl schon damit geholfen habe, dass ich durch mein augenscheinlich hilfloses Herumgeliege verhindert habe, dass der Bandit abhaut. Es sei denn natürlich, Mikail hätte mich abgelegt, in der Absicht mich als potenzielle Geisel anzubieten.

»Waffen fallen lassen!«, brüllt der Bandit, der sich mit erhobenem Knüppel neben mir postiert hat, so als wolle er damit drohen, mir den Schädel einzuschlagen. Er muss glauben, dass ich mich nicht bewegen kann, denn er versucht gar nicht, mich festzuhalten. Zu seinem Glück.

Aber da ich mich trotz des Kampfeslärms nicht rühre, ist es wohl naheliegend, dass ich nicht einfach schlafe, sondern aus einem anderen Grund bewusstlos bin.

Die Kampfgeräusche verstummen.

»Waffen fallen lassen oder sie ist tot!«, brüllt der Bandit nachdrücklich.

Ich unterdrücke ein belustigtes Schnauben und bleibe ruhig liegen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir mit anderen Menschen aneinandergeraten und ich kann mir vorstellen, dass meine Art, mit ihnen umzugehen, sich erheblich von Mikails unterscheiden würde.

Er hat davon geredet, anderen gegenüber rücksichtsvoll und fair sein zu wollen und ich bin neugierig, ob auch Banditen dieses Privileg genießen.

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