Tod der Heiligen
XXII.
»… aus diesem Grund hatte es große Bedeutung für mich, dass Ihr meine Einladung angenommen habt. Ihr seid eine Inspiration, Eure Heiligkeit!«
Ich knirsche mit den Zähnen, während ich mich an meinen Stock klammere, der mir heute als Gehhilfe dient. Wir sind aufgebrochen, sobald der Regen nachgelassen hat und von diesem Moment an hat die Prinzessin beschlossen mir auf den Keks zu gehen.
Sie geht neben mir her und schleimt mich ununterbrochen mit Komplimenten voll und faselt von ihrer Veranstaltung und ihren Plänen diesbezüglich. Wahrscheinlich geht es um die Sache während unserer Pause und sie will sichergehen, dass ich nicht wütend auf sie bin. Aber erstens ist sie es, die mich nicht leiden kann und zweitens hat ihr Verhalten den gegenteiligen Effekt!
»Und wenn wir schon in dieser Situation stecken, sollten wir das Beste daraus machen, denkt Ihr nicht auch? Ich würde mich freuen, wenn wir Freundinnen sein könnten.«
Diesmal kann ich ein Stöhnen nicht zurückhalten. Ich hatte schon einen Verdacht, aber Estella ist eine Politikerin und ihr ist, wenn auch verspätet, aufgefallen, dass sie die einmalige Chance hat, eine Verbindung zu mir aufzubauen. Ich wünschte, ich könnte ihr sagen, wie vergeudet ihre Mühen sind.
»Geht es?« Estella, die mein Stöhnen offenbar falsch interpretiert, beugt sich besorgt zu mir vor. »Ihr seht blass aus! Ich rufe Mikail.«
»Nein!« Ich bleibe stehen und hebe abwehrend die Hand, aber Estella überhört mich. »Mikail!«
Mikail, der mit Annabella vor uns geht, dreht sich sofort um. Er sagt etwas zu seiner Schwester, bevor er mit schnellen Schritten zu uns kommt.
»Ich denke, es wäre das Beste, wenn du Ihre Heiligkeit für eine Weile trägst«, sagt Estella, als hätte sie das zu entscheiden.
»Es geht schon«, sage ich mit zusammengebissenen Zähnen, denn ich will so lange selbst gehen, wie ich kann.
Mikail mustert mich kritisch. »Vielleicht ist es an der Zeit für eine Pause«, sagt er, aber sein Blick sagt mir, dass das kein höflicher Vorschlag ist.
Erpresser! Ich tue mein Bestes, um ihn nicht wütend anzusehen. »Nein«, presse ich hervor und lasse meinen Stock fallen. »Wenn Ihr so freundlich wärt.«
Mikail runzelt die Stirn und ich könnte schwören, ich sehe Belustigung in seinen Zügen. Der Kerl ist insgeheim ein Sadist, ich weiß es!
Nachdem er mich hochgenommen hat, mustert er mich erneut, als wolle er meine Reaktion überprüfen. Dann holt er Luft und ich kann förmlich sehen, dass er sich entschuldigen will. Aber dann, als hätte er meine Gedanken gelesen, schließt er den Mund wieder.
Ich würde ja sagen, dass er geahnt hat, dass ich keine Entschuldigung von ihm hören will, nachdem er mich praktisch damit erpresst hat, eine Pause zu machen, wenn ich mich nicht tragen lasse. Aber es sieht verdächtig danach aus, als müsse er ein Lachen zurückhalten.
Der Rest des Tages und auch der darauffolgende sind für mich die reinste Folter. Ich muss Estella zuhören, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mich vollzuplappern und Mikail zu rufen, sobald sie der Meinung ist, dass ich nicht mehr gehen kann. An diesem Punkt würde ich es bevorzugen, mich tragen zu lassen, aber leider werde ich Estella dadurch nicht los. Sie geht einfach neben Mikail her und plappert weiter auf mich ein.
Ich weiß nicht, was aus ihrer Abneigung geworden ist, aber Annabella hatte offensichtlich unrecht damit, dass sie ein Problem damit hat, dass ich mich von Mikail tragen lasse.
Zu allem Überfluss kommt dazu, dass es keine Monster oder irgendetwas anderes zum Verprügeln gibt, an dem ich meinen Frust auslassen könnte, was dazu führt, dass ich so gereizt bin, dass ich meinen Schleier aufbehalte, obwohl er mir das Atmen erschwert.
Die einzige gute Nachricht ist, dass wir vorankommen. Nach meiner Berechnung sollten wir morgen das erste Dorf erreichen können, allerdings gibt es dabei noch ein anderes Problem zu lösen. Trotzdem ist es eine Erleichterung, dass diese Wanderschaft bald ein Ende hat.
Es ist noch früher Nachmittag und ich habe es wie durch ein Wunder geschafft sowohl Estella als auch Mikail loszuwerden und gehe allein. Anscheinend haben sie den Wink mit dem Schleier verstanden. Aber ihn zu tragen, macht einen größeren Unterschied als ich gedacht habe, denn obwohl wir erst zum Mittag eine Pause gemacht haben, bin ich jetzt schon so außer Atem, dass mir ganz schwindelig ist. Außerdem fühlt sich mein Körper schwerer an als sonst und ich muss öfter husten. Letzteres versuche ich so gut es geht zu unterdrücken, um keine unerwünschten Personen auf den Plan zu rufen.
Zuerst denke ich, dass ich meine Debuffs versehentlich zu stark gemacht habe, aber das ist nicht der Fall. Ich löse sie trotzdem etwas, was jedoch kaum hilft. Eher im Gegenteil sogar, denn mein Kopf wird mit jedem Schritt benebelter.
»Eure Heiligkeit?«
Nur für einen Moment habe ich innegehalten und mich auf meinen Stock gestützt, aber das war offenbar zu lange. Ich richte mich wieder auf. »Es geht schon«, murmle ich mit belegter, kraftloser Stimme, die sogar mich überrascht. Ich sehe zu Mikail auf und denke, dass ich diesmal nicht so tun kann, als wäre nichts.
»Entschuldigt mich«, sagt er, bevor er vorsichtig meinen Schleier anhebt. Mikails Brauen ziehen sich zusammen, während er mich in Augenschein nimmt. Dann hebt er die Hand und legt sie auf meine Stirn.
Seine Hand ist kühl und ich schließe die Augen. Wie angenehm wäre es, den Kopf in den Bach zu tauchen …
»Ihr habt Fieber«, stellt Mikail fest und ich höre Anspannung in seiner Stimme.
Oh, denke ich, als mir klar wird, weshalb es mir so schlecht geht. Ich habe Mana-Stau. Er tritt auf, wenn man einen vollen Mana-Pool hat und bei einer sehr hohen Mana-Regenerationsrate, wie ich sie habe, ist er besonders schlimm. Die Regenerationsrate ist abhängig davon, wie groß der Kanal ist, der den eigenen Mana-Pool mit dem Weltstrom verbindet. Je größer der Kanal, desto mehr Mana kann hindurchfließen und desto schneller füllt sich der Mana-Pool. Ist der Mana-Pool voll, übt das Mana aus dem Kanal Druck aus, was eine Belastung für den Körper ist.
In seltenen Fällen ist der Kanal aber so groß, dass der Druck hoch genug ist, um sogar dann Mana in den Mana-Pool zu drücken, wenn der Mana-Pool voll ist. Die Auswirkung auf den Körper sind deutlich schwerer und bestehen aus Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Schwindel.
Mein Schleier rutscht von meinem Kopf, als ich vom Boden gehoben werde.
»Wir machen eine Pause!«, sagt Mikail mit lauter Stimme, während er mit schnellen Schritten auf den Fluss zugeht. »Warum habt Ihr nichts gesagt?«, fragt er dann, mit leiserer und vorwurfsvoller Stimme.
Weil es mir nicht aufgefallen ist.
»Wie oft muss ich Euch noch sagen, dass Ihr es nicht geheim halten sollt, wenn es Euch schlecht geht?«
Ich verdrehe die Augen. »So nervig«, murmle ich, während ich überlege, wie ich mein Mana loswerden soll. Dass ich alle Monster vertrieben habe, ist jetzt noch ein größerer Nachteil und ich habe auch nicht die Möglichkeit ein Krankenhaus zu besuchen, so wie ich es normalerweise tue, wenn ich unter starkem Mana-Stau leide.
»Wenn ich Euch auf die Nerven gehe, solltet Ihr anfangen, auf Eure Gesundheit zu achten«, erwidert Mikail mit einem schnippischen Unterton und erst da wird mir klar, dass ich die Worte zuvor ausgesprochen habe.
»Droh mir nicht, du Bastard!« Ich habe Kopfschmerzen und bin nicht in Stimmung, mit Mikail zu streiten.
Mikail holt Luft, aber ich lasse meinen Kopf gegen seine Schulter sinken und erschlaffe, so als wäre ich ohnmächtig geworden.
»Eure Heiligkeit?« Der Vorwurf ist aus seiner Stimme verschwunden und er klingt besorgt.
Man sollte meinen, dass er sich mittlerweile daran gewöhnt hat. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich das Fieber hätte kommen sehen müssen. Aber man könnte auch ihm und der Prinzessin die Schuld geben, dafür, dass ich zu beschäftigt war, mich davon abzuhalten, ihnen zu sagen, dass sie sich zum Teufel scheren sollen. Jedenfalls sollte ich mein Mana loswerden, damit wir weiter können.
»Was ist denn los?« Das ist Estellas nervige Stimme.
»Ihre Heiligkeit haben Fieber«, erklärt Mikail knapp. »Jake, deine Jacke! Und wir brauchen Wasser. Dalton geh zum Fluss …« Er beginnt Anweisungen zu geben, aber der Gedanke, mich einfach zu tragen, bis ich wieder bei Bewusstsein bin, kommt ihm offenbar nicht und es ist ärgerlich, dass sich unsere Reise erneut verzögert.
Ich werde auf dem Boden abgelegt, wobei ich etwas Weiches unter meinem Kopf spüre. Jemand streicht mir vorsichtig die Haare aus dem Gesicht. Die Berührung ist so sanft, dass ich nicht die Augen öffnen muss, um zu wissen, dass es Mikail ist.
Seine Hand verweilt auf meiner Stirn. »Das Fieber ist hoch«, höre ich ihn murmeln.
Dann wird meine Hand genommen und ich zucke unwillkürlich zurück, denn das ist nicht Mikail.
»Eure Heiligkeit?«, fragt Hilena verunsichert.
Ich reagiere nicht und kurz darauf spüre ich erneut ihre Berührung an meiner Hand. Diesmal lasse ich sie zu und Hilena versucht, ihr Mana in meinen Körper fließen zu lassen. Aber das erlaube ich nicht.
»Was ist los?«, fragt Mikail, der seine Hand zurückgezogen hat.
Hilena antwortet nicht sofort, aber sie versucht nicht weiter, mich zu untersuchen.
Ich spüre, wie sie meine Hand ablegt.
»Ich kann sie nicht untersuchen«, sagt sie, aber sie klingt weder verwirrt noch sonderlich überrascht. »Und selbst wenn ich es könnte, würde das keinen Unterschied machen. Wenn das ein normales Fieber wäre, hätten Ihre Heiligkeit es selbst geheilt.«
Da sie meine Hand nun losgelassen hat, will ich einen Schild erschaffen, aber da spüre ich, wie meine andere Hand genommen wird. Ich kann mich gerade noch davon abhalten mit der Zunge zu schnalzen, als Mikail meinen Puls fühlt. Ich bin nicht kurz davor zu sterben!
»Mikail!« Daltons laute Stimme ertönt und ich höre, wie er auf uns zugestürmt kommt. Aber anstatt mich loszulassen und sich auf Dalton zu konzentrieren, scheint er zu vergessen, dass er meine Hand hält. Und dann wird mir etwas Kühles und Nasses auf die Stirn gelegt.
Ich hätte beinah die Augen geöffnet. Bevor ich Söldnerin geworden bin und noch häufig unter Mana-Stau gelitten habe, hat meine Mutter, wenn sie mich besuchen durfte, mir auch immer ein feuchtes Tuch auf die Stirn gelegt. Um meine Temperatur zu senken.
Da meine Eltern nicht zu den Leuten gehören, die sich einen Heiler leisten können, weiß meine Mutter viel darüber, wie man dem Körper ohne Magie dabei hilft, sich selbst zu heilen. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ein verzogener Bengel aus einer reichen Adelsfamilie das auch tut.
»Was können wir sonst noch tun?«, fragt Estella und ich denke, dass es ihr wohl auch darum geht, den anderen zu beweisen, dass sie besorgt um mich ist.
Mikail, der sich über mich gebeugt hat, lehnt sich zurück. »Sie sollte etwas trinken«, murmelt er. »Aber jetzt können wir nur abwarten, bis sie zu sich kommt.«
Kaum hat er das gesagt, erschaffe ich – endlich – einen Schild. Denn ich muss mich nicht ausruhen, sondern Mana loswerden. Und die einzige Möglichkeit, die mir beim schwächlich Herumliegen dafür bleibt, ist der Weltstrom.
Es ist alles andere als angenehm, den konzentrationsaufwändigen Prozess durchzuführen, um mich mit dem Weltstrom zu verbinden und mein Kopf dröhnt, sodass ich am liebsten tatsächlich in Ohnmacht gefallen wäre. Aber es gibt einige Dinge, die ich überprüfen will.
Angefangen mit den Soldaten, die, wie ich befürchtet habe, Spuren von uns entdeckt haben. Eine Spur, um genau zu sein. Eine, die selbst ein Blinder nicht übersehen könnte. Der von mir geplättete Teil des Waldes. Es war vorhersehbar, dass sie spätestens an diesem Punkt etwas bemerken würden, aber wie es aussieht, haben wir Glück im Unglück. Denn die Soldaten scheinen zu glauben, dass hier ein Monster am Werk war, sodass sie die anderen Spuren, die sie von uns entdeckt haben und die eindeutig menschlich sind, vorerst ignorieren.
Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit sie mit der Suche nach dem ‚Monster‘ verbringen werden, aber die Chancen stehen gut, dass wir vorher das Dorf erreichen.
Ich lasse von den Soldaten ab und pumpe mehr Mana in den Weltstrom. Viel mehr, denn ich will an einen Ort, der sehr viel weiter weg ist, als das geplättete Waldstück. Schon seit wir hier angekommen sind, wollte ich die Situation in Libera überprüfen, aber da das beträchtliche Zeit und viel Mana in Anspruch nimmt, habe ich es aufgeschoben.
Selbst für mich ist es nicht einfach, von Sotton nach Libera zu schauen. Ich verbrauche rapide Mana und meine schwächelnde Konzentration macht mich langsam. Aber schließlich sehe ich Libera.
Da ich mit dem Weltstrom verbunden bin, fühle ich sofort die ungewöhnliche Anspannung, die in der Stadt herrscht. Insbesondere meine Abwesenheit sorgt für Unruhe unter den Bürgern, und das nicht nur, weil die monatliche Heilung bald stattfinden sollte.
Als Erstes sehe ich nach dem Schuhladen meiner Eltern. Wie ich es mir gedacht habe, hat Luke sein Wort gehalten und ist selbst nach meinem verschwinden dort geblieben. Meine Eltern sind besorgt, aber ihnen und Luci geht es gut.
Ich weiß, dass ich nicht lange hierbleiben kann, daher halte ich meine restlichen Untersuchungen kurz und ziehe schließlich mein Mana langsam zurück. Kurz bevor ich wieder bei mir bin, werfe ich noch einen Blick auf das Dorf, obwohl ich nicht glaube, dass sich seit meiner letzten Überprüfung etwas geändert hat. Aber tatsächlich fällt mir etwas auf, das mir vorher entgangen ist.
Ich öffne die Augen. Oho, denke ich mit einem Anflug von Erregung, endlich passiert etwas, auf das ich mich freuen kann.
Kommentar
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