Tod der Heilgen
Repeat: Mikail
»Seid ihr die Mutigen, die die Banditen gefangengenommen haben?«
Ich mustere den Mann, der von seinem Pferd absteigt. Seine Aura muss stärker als meine sein, denn ich kann ihn nicht spüren. Seine Begleiter allerdings schon, die alle eine starke Aura besitzen, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass ihr Anführer als einziger einen Verdecker bei sich trägt. Sie sind stärker als die Banditen und hätten sie auch mit ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit spielend einfangen können. Aber das haben sie nicht, auch wenn seine Worte darauf schließen lassen, dass sie von den Banditen wussten.
»Ich bin Saram Maras, Chief der ersten Truppe der Stadtwache von Anhui.« Er hält ein Emblem in die Höhe, das er um den Hals trägt und sie alle sind in Uniformen gekleidet, wohl die der Stadtwache von Anhui.
Er sieht zuerst mich an, aber als er den Blick auf Ihre Heiligkeit richtet, weiten sich seine Augen und er scheint mich zu vergessen.
Ich spüre, wie sich meine Miene verdüstert. Es liegt etwas Respektloses in seinen Augen. In der Art, wie er Ihrer Heiligkeit eingehend betrachtet. Als würde er dabei abscheuliche Gedanken haben.
Ich räuspere mich vernehmlich und trete einen Schritt vor, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. »Mein Name ist Mikail und das ist Soa Lori, eine meiner Begleiterinnen«, sage ich und strecke Saram die Hand entgegen.
Aber selbst das scheint für ihn nicht Hinweis genug zu sein, denn er starrt Ihre Heiligkeit noch einen Moment an, bevor er den Blick auf mich richtet. »Ihr seid ein stattlicher Mann, Sor Mikail. Es überrascht mich nicht, dass es Euch gelungen ist, ein paar schlüpfrige Banditen zu fangen.«
»Wir hatten Glück«, antworte ich und packe seine Hand etwas fester als nötig. »Der Rest unserer Gruppe wartet vor dem Dorf.«
Saram nickt. »Verstanden. Es war sicher nicht leicht, mit den Banditen zu reisen. Ich bin wirklich beeindruckt. Oh und wir haben ein paar Pferde mitgebracht. Ihr habt keine, richtig?«
Ich sehe zu dem Wagen, auf den er deutet und zu den Pferden, die an seine Rückseite gebunden sind. Es war vorausschauend von Ihrer Heiligkeit, Tula zu sagen, wie viele Personen wir sind.
»Die Sena kann reiten? Ansonsten kann ich eine Fahrt auf dem Wagen anbieten.« Sarams Stimme klingt weicher, während er mit Ihrer Heiligkeit spricht und dabei wohl versucht charmant zu sein, indem er sie ‚Sena‘ nennt. Natürlich lässt so etwas Ihre Heiligkeit völlig kalt.
»Oh, vielen Dank für Eure Rücksichtnahme. Ich werde mein Bestes tun, um keine Belastung zu sein.«
Ich sehe Ihre Heiligkeit entgeistert an.
»Bitte sagt das nicht, Sena Lori. Wir sind gekommen, um zu helfen. Wann immer Ihr etwas braucht, zögert nicht, um Hilfe zu bitten.« Von der positiven Erwiderung Ihrer Heiligkeit ermutigt, hält Saram ihr seine Hand hin. Und zwar ganz offensichtlich nicht, um sie zu schütteln, so wie meine.
Ich habe nicht vor, ihm zu erlauben, sie anzufassen, aber Ihre Heiligkeit legen die Hände vor der Brust zusammen. »Möge Gott mit Euch sein.« Es ist der Gruß, den Mitglieder des Tempels für gewöhnlich verwenden, wenn sie nicht mit einer höhergestellten Person sprechen. »Verzeiht, aber ich bin keine Sena. Ich bin eine Priesterin des Tempels in Libera.« Die Heilige lächelt sorglos und ich muss zugeben, dass sie die Situation eleganter gelöst hat, als ich es getan hätte.
»Eine Priesterin?«, wiederholt Saram, als wisse er nicht, was das Wort bedeutet.
»Das ist richtig«, sage ich, froh, dass ich jetzt einen guten Grund habe, Saram und seine Männer von Ihrer Heiligkeit fernzuhalten. »Priesterinnen meiden den Kontakt zu Männern, die nicht Teil des Tempels sind. Bitte erachtet es nicht als Beleidigung, dass sie Euch nicht die Hand reicht.«
Saram wirft mir einen Blick zu, ehe er wieder Ihre Heiligkeit ansieht. Dann richtet er sich hastig auf und hebt abwehrend die Hände. »Ich bitte um Entschuldigung, Sena Lori!«
Ich mustere ihn aus schmalen Augen, während ich einzuschätzen versuche, wie ehrlich diese Entschuldigung ist.
»Es ist doch nichts passiert. Und ich sagte doch, ich bin keine Sena.« Die Heilige spricht noch immer in diesem wohlwollenden Tonfall, den sie verwendet hat, als wir uns kennengelernt haben. Aber es ist eigenartig, sie jetzt so zu sehen.
»Ihr seid zu gütig, Sena«, sagt er und ich räuspere mich erneut. »Ich will nicht unhöflich sein, Chief Saram, aber unsere Begleiter warten, wie Ihr wisst, in Anwesenheit von Banditen. Es bereitet mir Sorgen, sie zu lange allein zu lassen.«
»Ihr habt absolut recht. Bitte, Sena Lori, ich zeige Euch das sanftmütigste unserer Pferde.« Saram wendet sich Ihrer Heiligkeit zu und scheint meinen Wink nicht zu verstehen.
Ich weiß, dass es in Sotton nur wenige Tempel gibt, aber Saram sollte wissen, was eine Priesterin ist. Doch diese Information scheint für ihn keinen Unterschied zu machen. Wenn überhaupt erscheint mir der Blick, mit dem er Ihre Heiligkeit ansieht, noch gieriger als zuvor.
»Oh, das ist zu freundlich.« Aber die Heilige lächelt, als würde sie nichts davon bemerken. Es ist dasselbe puppenhafte Lächeln, das auch ich zu Anfang von ihr bekommen habe. Ich kann nicht sagen, ob sie Saram misstraut oder einfach nur höflich ist. Aber ich wünschte, sie würde dasselbe selbstbewusste Verhalten Saram gegenüber zeigen, das sie im Dorf an den Tag gelegt hat.
Aber solange Saram bei uns ist, kann ich Ihre Heiligkeit nicht darauf ansprechen, also folge ich schweigend.
»Braucht Ihr Hilfe beim Aufsteigen, Sena?«, fragt Saram, nachdem er die Zügel des sandfarbenen Pferds vom Wagen gelöst hat.
»Bitte überlasst das mir«, sage ich und trete vor, um ihm zu zeigen, dass er nicht mehr gebraucht wird.
Saram weicht sofort zurück. »Sicher. Und bitte, wählt welches Pferd auch immer Euch am besten gefällt.«
Ich beobachte ihn, während er zu seinem Pferd zurückkehrt. Verurteile ich ihn voreilig? Vielleicht bin ich durch Eden zu empfindlich geworden, schließlich hat Saram sich Ihrer Heiligkeit gegenüber nicht direkt respektlos verhalten. Dennoch werde ich ihn im Auge behalten.
»Ich brauche keine Hilfe.« Die Stimme Ihrer Heiligkeit lässt mich zu ihr sehen.
»Würdet Ihr mir verraten, was Ihr vorhabt?«, frage ich, während ich die Zügel der Stute greife, als Ihre Heiligkeit sich daran machen, in den Sattel zu steigen.
»Was meint Ihr?«
Ich beobachte sie, die mich keines Blickes würdigt, als hätte sie nichts Ungewöhnliches getan, und geschickt ihren Fuß im Steigbügel des Sattels platziert. Ganz so, als wäre sie eine erfahrene Reiterin und so frage ich mich, ob die Heilige trotz ihrer Gesundheit oft reitet. Bis ich ihre Bemühungen sehe, sich in den Sattel zu ziehen.
Ihre Arme zittern vor Anstrengung und sie hat einen verbissenen Ausdruck auf dem Gesicht, als würde es sie ungeheure Kraft kosten, die paar Zentimeter, die sie sich nach oben gezogen hat, zu halten. Und als wäre sie verärgert darüber.
»Euer Verhalten gegenüber Chief Saram ist sehr freundlich«, antworte ich, während ich meine Aura nach ihr ausstrecke, um ihr zu helfen. Ich setze sie sanft im Sattel ab, was sie jedoch nicht zu erleichtern scheint, denn sie sieht mich recht missmutig an.
»Ist das ein Problem?« Da ist ein Tadel in ihren Augen, aber ich glaube nicht, dass er sich auf meine Worte bezieht. Es erscheint mir eher, dass sie unglücklich darüber ist, dass ich ihr geholfen habe, nachdem sie gesagt hat, sie brauche keine Hilfe. Eine unerwartet niedliche Reaktion.
»Das würde ich nicht sagen, ich bin nur überrascht, nachdem Ihr im Dorf ein so autoritäres Verhalten gezeigt habt.« Ich hätte ihr Verhalten nie infrage gestellt, selbst in dem Wissen, dass ihr wahrer Charakter so direkt ist, dass es an Respektlosigkeit grenzt. Aber sie hatte keinerlei Bedenken, den Dörflern diese Seite von sich zu zeigen.
»Und das war Euch zu unfreundlich«, sagt sie und rollt mit den Augen, als hätte ich etwas Unsinniges gesagt. »Jetzt bin ich zu freundlich. Euch kann man es nicht recht machen.«
Ich muss ein Lachen zurückhalten. Es ist fast schon eigenartig, wie schnell ich mich an ihre Art gewöhnt habe. Aber ich ziehe sie ihrer aufgesetzten Freundlichkeit allemal vor. »Ihr wollt doch nicht behaupten, dass Ihr Euer Verhalten um meinetwillen verändert habt.«
»Ist das ein abwegiger Gedanke?« Die himmelblauen Augen Ihrer Heiligkeit richten sich auf mich und ich halte unwillkürlich den Atem an.
Würde sie tatsächlich ihr Verhalten ändern, um meinem Rat zu folgen? Der Gedanke, dass sie solches Vertrauen in mich haben könnte, ist schmeichelnd. Gleichzeitig erscheint er so abwegig, dass ich schnaube. »Sagt Ihr es mir.«
Ihre Heiligkeit richten ihren Blick nach vorn. »Das wäre zu einfach«, sagt sie und ich meine, die Anzeichen eines Lächelns in ihren Mundwinkeln zu entdecken. »Und Ihr wollt die Männer doch nicht warten lassen, nachdem Ihr vor einer Minute gedrängelt habt, weil Ihr Euch Sorgen macht.« Ihr Blick richtet sich wieder auf mich, nun mit einem leicht spöttischen Funkeln darin.
Ich nicke. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für eine Diskussion. Und zu hören, wie Ihre Heiligkeit nach wie vor Freude daran haben, ihre Worte an mich so provokant wie möglich klingen zu lassen, ist eigenartig beruhigend.
Als wir auf dem Weg zurück durch das Dorf reiten, ist es wie leer gefegt. Es scheint, dass Tula und die Dorfbewohner sich verstecken und hätte ich das Dorf nicht vor einer Stunde belebt und in Aufruhr gesehen, hätte ich daran gezweifelt, dass hier jemand wohnt. Natürlich wäre es hilfreich gewesen, hätte Tula verraten, was ihr solche Sorgen bereitet, aber wenn ich mir das Dorf nun ansehe, verstehe ich, weshalb sie es nicht getan hat. Wenn sie solche Angst haben, wäre es unverantwortlich von Tula gewesen, das Dorf in Gefahr zu bringen, um ein paar Fremden zu helfen.
»Ich will ganz ehrlich sein«, sagt Saram, der dem Dorf keine Beachtung schenkt. »Dass ein paar mutige Abenteurer diese lästigen Banditen eingefangen haben, ist ein unerwarteter Glücksfall. Wir sind euch wirklich dankbar.«
»Wie meint Ihr das?«, frage ich, während ich Saram mustere. »Die Männer, die wir überwältigt haben, wären für euch sicher keine unbezwingbare Gefahr.« Erneut geht mir durch den Kopf, dass sie die Banditen leichter hätten überwältigen können als wir und es doch nicht getan haben.
»Die Männer sind nicht das Problem.« Saram schüttelt mit einem leisen Zischen den Kopf. »Es sind keine gewöhnlichen Banditen, wisst ihr? Sie sind Teil eines Menschenhändlerrings mit ein paar sehr mächtigen Figuren, die im Hintergrund die Fäden ziehen.«
Ich erschaudere bei diesen Worten. »Menschenhändler?!«, wiederhole ich entgeistert. Sklaverei ist in Ishitar streng verboten und in Sotton, soweit ich weiß, auch. Nicht, dass gesetzliche Vorschriften nötig sind, um solche Abscheulichkeiten zu verurteilen. Allein der Gedanke, dass es Menschen gibt, die Profit daraus schlagen, ihresgleichen wie Vieh zu verkaufen, gibt mir ein übles Gefühl im Magen.
»Letzten Herbst sind zwei Mädchen aus dem Dorf verschwunden, aber alle behaupten steif und fest, dass sie sich im Wald verirrt haben oder von Monstern getötet wurden. Und die arme Mutter hat den Verstand verloren.« Er schüttelt mit grimmiger Miene den Kopf. »Es ist verdammt schwer, die Opfer von denen zu unterscheiden, die in der Sache mitdrinstecken.«
»Ihr denkt, einige Dörfler arbeiten mit den Menschenhändlern zusammen?«, frage ich, während ich an Tula denke. Sie hatte Angst und wenn Menschenhändler ihr Unwesen treiben ist das nur verständlich. Nach Sarams Aussage schließe ich, dass er davon ausgeht, dass die Töchter von Ira, der armen Frau, die im Dorf geschrien hat, nicht tot sind, sondern entführt wurden. Was womöglich ein noch schlimmeres Schicksal wäre. Aber es bedeutet zumindest, dass die Chance besteht, dass sie gerettet werden können. Doch daran, dass die Dörfler selbst in diese mögliche Entführung der Mädchen involviert sein sollen, kann ich nicht glauben.
»Es würde erklären, weshalb sie sich weigern, mit uns zusammenzuarbeiten und die Banditen sogar decken. Ihr seht es doch selbst. Sie verstecken sich vor uns, als wären wir ihre Feinde.«
Ich werfe der Heiligen einen Blick zu, um zu sehen, wie sie diese Informationen aufnimmt. Aber zu meiner Überraschung verrät ihre Miene nichts. Als wäre sie weder betroffen noch sonderlich überrascht. Unwillkürlich frage ich mich, ob sie eine weitere Voraussage gemacht hat und bereits wusste, was im Dorf vor sich geht, bevor wir dort ankamen. Immerhin hat sie darauf bestanden, selbst ins Dorf zu gehen. Aber bedeutet das, dass ihr grobes Verhalten damit zusammenhängt, dass Saram recht hat?
»Ich habe den Eindruck, dass sie sich fürchten«, sage ich, nicht bereit zu glauben, dass die Menschen, die wir getroffen haben, zu so etwas in der Lage wären. Sie haben sich nicht sehr einladend verhalten, aber auf mich wirkten sie wie gute Menschen.
»Das dachte ich zuerst auch«, stimmt Saram mir mit einem Nicken zu. »Aber könntet Ihr schweigen, wenn zwei junge Mädchen aus Eurem Dorf verschwinden? Vielleicht hat nicht jeder den Mut dazu, aber wie kann es sein, dass im ganzen Dorf nicht einer den Mund aufmacht?«
Ich sehe auf meine Hände hinab. Natürlich könnte ich nicht schweigen. Aber ich denke nicht, dass die Situation so einfach ist. Tula ist keine feige Frau. Ich bin sicher, wären die Dinge, wie Saram sie beschreibt, hätte sie es nicht stillschweigend in Kauf genommen. Es muss noch mehr an der Sache dran sein.
»Oh, aber Ihr müsst Euch keine Sorgen machen, Sena Lori.« Sarams Stimme klingt mit einem Mal wieder sanft, während er versucht, Ihrer Heiligkeit zu gefallen. »Jetzt, wo wir die Banditen dank euch haben, gehen wir auch den restlichen Verbrechern an den Kragen und machen die Gegend wieder sicher.«
Ich unterdrücke ein Schnauben. Wenn er wüsste, dass weder er noch sonst einer von seinen Männern auch nur im Ansatz an die Macht Ihrer Heiligkeit heranreichen.
»Das ist beruhigend zu hören.«
Ich richte meinen Blick auf die Heilige, die Saram erneut ein Lächeln schenkt. Als würden seine Worte ihr tatsächlich Erleichterung verschaffen. Es ist ein starker Kontrast zu ihrem Verhalten mir gegenüber, wann immer ich ihr helfen will. Und ich kann nicht einordnen, was das bedeutet. Sie hat definitiv ebenfalls Tulas Angst gespürt, aber sie scheint Saram kaum zu verdächtigen. Ich würde sogar fast sagen, dass sie entspannter ist, seit er hier ist. Doch sie scheint mir nichts verraten zu wollen.
Was ich dafür geben würde, ihre Gedanken zu kennen …
»Vielleicht machst du dir zu viele Sorgen.« Stella legt ihre Hand auf meine, die die Zügel hält, und sieht zu mir auf.
Sobald Ihre Heiligkeit und ich mit Saram und seinen Männer in unserem provisorischen Lager vor dem Dorf angekommen sind, haben wir uns zum Aufbruch bereit gemacht. Saram hat sich um die Banditen gekümmert, während wir unsere Sachen zusammengepackt haben. Trotzdem werden wir es heute nicht nach Anhui schaffen.
»Vielleicht …«, murmle ich, während ich den Blick über unsere Gruppe schweifen lasse. Annie reitet mit Dalton und ich habe ihr gesagt, dass sie auf jeden Fall bei ihm bleiben soll. Auch Hilena und Stella habe ich geraten, sich vor Saram in Acht zu nehmen, nur um sicher zu sein. Aber obwohl auch sie interessiert gemustert wurden, bekommt die Heilige am meisten Aufmerksamkeit.
Mein Blick richtet sich auf den Wagen, wo sie neben dem Fahrer sitzt. Sie wirkt gelassen, doch mir entgeht nicht, dass ihr Blick hin und wieder zu dem Mann huscht, der auffallend dicht neben dem Wagen herreitet und sie anstarrt, als wäre er hypnotisiert.
»Er hat wahrscheinlich noch nie eine Frau gesehen, die so schön ist wie Miss Lori«, flüstert Stella, die offenbar erraten hat, was mir durch den Kopf geht. »Aber solange er nicht mehr tut, als sie anzustarren, sollten wir deswegen keinen Streit vom Zaun brechen. Miss Lori kann sicherlich für einen Tag damit umgehen.«
Ich sage nichts. Es mag nur ein Blick sein, aber seine abstoßenden Gedanken sind zu leicht von seinem Gesicht abzulesen.
»Mikail!« Stella spricht nun mit etwas mehr Nachdruck und ich richte meinen Blick auf sie.
Ihr Blick ist ernst. »Ich verstehe dich, aber ich fürchte, du könntest es schlimmer machen, wenn du dich einmischst. Und ich denke, Miss Lori würde etwas sagen, wenn sie es nicht mehr ertragen könnte.«
Das bezweifle ich. Selbst als sie mir erlaubt hat, sie zu tragen, schien ihr das äußerst schwer zu fallen. Ich denke, sie würde eher im Stillen leiden, als zuzugeben, dass ihr etwas unangenehm ist.
Ich treibe unser Pferd an, sodass es zu Saram aufschließt. »Wäre es möglich eine kurze Pause einzulegen?«, frage ich, ohne mir meine Verärgerung über das Verhalten seiner Männer anmerken zu lassen. Ich bezweifle, dass Saram, der Ihre Heiligkeit ebenfalls angestarrt hat, das Problem verstehen würde. So gesehen hat Stella wahrscheinlich recht damit, dass eine Erwähnung nur zu Spannungen führen würde. Aber deswegen werde ich es nicht hinnehmen. »Nur für zwei Minuten.«
Saram, der zunächst die Stirn gerunzelt hat, nickt knapp und hebt seine Hand. »Wir machen eine kurze Pause!«, ruft er, woraufhin alle ihre Pferde zum Stehenbleiben bringen. »Jeder der sich erleichtern will, hat zwei Minuten!«
»Was hast du vor?«, fragt Stella, die Saram mit leicht gerümpfter Nase einen Blick zuwirft.
Aber ich lenke unser Pferd an Saram vorbei zum Wagen. Da der Wagen länger zum Anhalten gebraucht hat als die Pferde, ist der Platz neben dem Wagen auf der Seite, wo die Heilige sitzt, nun frei.
»Geht es Euch gut, Miss Lori?«, frage ich, um einen Grund vorzutäuschen, aus dem ich mich vor das Pferd des glotzenden Mannes drängle.
Sie runzelt die Stirn. »Sehe ich so aus, als ginge es mir schlecht?«, fragt sie im Gegenzug.
»Es wäre nicht das erste Mal, dass Ihr es geheim haltet«, bemerke ich, was mir einen verärgerten Blick einbringt. Ich spüre, wie ich lächeln muss. Sie hat wirklich eine kindische Seite.
»Heißt das, Ihr werdet mich ab jetzt grundlos nach meinem Wohlbefinden fragen, um auszuschließen, dass ich etwas verberge?« Sie schnaubt.
»Wenn es zweckdienlich ist«, erwidere ich und amüsiere mich über ihren grimmigen Blick.
»Ist es nicht«, sagt sie und richtet ihren Blick geradeaus, wie um mir zu signalisieren, dass das Gespräch beendet ist. »Denn ich werde Euch anlügen, wenn ich mich dazu genötigt sehe.«
Ich muss über diese Drohung lachen.
»Ich wusste nicht, dass es Euch gestattet ist, zu lügen«, bemerkt Stella, als wäre sie enttäuscht davon, dass die Heilige das in Erwägung zieht.
»Der Zweck heiligt die Mittel, so sagt man doch.«
»Solltet Ihr nicht dankbar für Mikails Sorge um Euch sein?«
Ihre Heiligkeit richten ihren Blick auf Stella. »Seid Ihr ihm denn dankbar, dass er sich um mich sorgt?«
»Eh?« Stella gibt einen überraschten Laut von sich. Ihre Augen huschen zu mir, ehe sie sich räuspert. »N-Natürlich. Es gibt nicht viele Männer, die so rücksichtsvoll und ehrenhaft sind wie mein Verlobter. Natürlich weiß ich das.« Sie stottert etwas und obwohl sie sich Mühe gibt, das Gesicht von mir abzuwenden, kann ich sehen, wie rot ihre Ohren sind.
Es ist ungewöhnlich, Stella so in Verlegenheit zu sehen und auch ich bin überrascht. Mir war nicht bewusst, dass Ihre Heiligkeit bemerkt haben, dass meine Aufmerksamkeit ihr gegenüber Stella nicht immer gefallen hat.
Ich sehe Stella an und frage mich, ob sie sich noch immer Gedanken darüber macht. Es ist schwer es anzusprechen, da ich weiß, dass sie es nie offen zugeben würde. Aber Ihre Heiligkeit zu ignorieren wäre nicht richtig, zumal ich keinerlei Absichten habe, um die Stella sich sorgen muss.
Ich weiß, dass mir die nötige Sensibilität fehlt, um Stella Sicherheit zu geben. Und so erfüllt es mich jedes Mal mit Schuld, wenn ich daran denke, was sie für mich empfindet. Denn ich fürchte, dass ich den Erwartungen, die sie in mich setzt, kaum gerecht werde.
»Wie schön für Euch.« Ihre Heiligkeit wenden den Blick ab, offenbar nicht an einer Fortsetzung des Gesprächs interessiert.
»D-Das ist es!«, erwidert Stella etwas spitz. »Wie Ihr sicher wisst, geht man in unseren Kreisen häufig arrangierte Ehen ein. Es ist ein Glücksfall, dass Mikail und ich uns so gut verstehen.«
»Herzlichen Glückwunsch.« Die Antwort Ihrer Heiligkeit ist höflich, aber nicht sonderlich interessiert.
»Ich danke Euch! Wir haben noch keinen Termin für die Hochzeit, aber vielleicht findet Ihr die Zeit, uns noch einmal zu gratulieren, wenn es so weit ist.«
»Lass uns doch darüber reden, wenn wir wieder zu Hause sind«, sage ich, um Ihrer Heiligkeit und einer möglichen Ablehnung, die Stella enttäuschen würde, zuvorzukommen.
»Wozu? Ich denke, gerade in diesem Moment ist es wichtig, nach vorn zu schauen und unsere Zukunft zu planen. Denkt Ihr nicht auch, Miss Lori?«
»Ihr habt recht. Plant Eure Zukunft.« Ihre Heiligkeit schenken uns ein Lächeln und vielleicht ist es nur meine Einbildung, dass ihre Worte so klingen, als hätte unsere Zukunft nichts mit ihr zu tun.
Ich bin fast erleichtert, als es dunkel wird und wir rasten. Es ist normalerweise nicht Stellas Art, auf ein Gespräch mit jemandem zu bestehen, der so offensichtliches Desinteresse zeigt. Man könnte fast meinen, sie hätte es darauf angelegt, Ihrer Heiligkeit auf die Nerven zu gehen.
Ich helfe, die Pferde zu versorgen, aber viel mehr gibt es nicht zu tun. Saram und seine Männer sind offensichtlich an Nächte im Freien gewöhnt und einer von ihnen kocht sogar eine warme Suppe.
Ich setze mich neben Annie und Stella ans Feuer, um den Koch zu beobachten. Er würde wohl kaum vor unseren Augen etwas in die Suppe mischen, aber um sicherzugehen, sollten wir bei den Vorräten der Banditen bleiben. Damit verraten wir Saram zwar, dass wir ihm misstrauen, aber wenn er ein aufrichtiger Mann ist, wird er es verstehen.
»Mir ist etwas Lustiges aufgefallen, Mika!« Annie zieht an meinem Arm, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen und mir zu bedeuten, mich etwas zu ihr zu lehnen. »Du hast doch gesagt, Chief Sarams vollständiger Name ist Saram Maras, richtig?« Sie flüstert, wohl um zu vermeiden, dass jemand Sarams Namen hört und falsche Schlüsse zieht.
Ich nicke. »Das ist sein Name.«
Annie kichert. »Ist das nicht lustig?«
Ich runzle die Stirn. »Was denn?«
Ihre Augen leuchten auf, offenbar stolz darauf, etwas zu wissen, das ich nicht weiß. »Saram Maras! Fällt dir nichts auf?«
Ich lächele schwach. So wie ich sie kenne, geht es um etwas, das nur jemandem auffallen würde, der so viele Romane gelesen hat wie sie. »Sag es mir.«
Annie lehnt sich noch etwas weiter vor und hebt eine Hand an den Mund. »Lies es rückwärts«, flüstert sie in mein Ohr, nur um sich dann zurückzulehnen und mich erwartungsvoll anzugrinsen.
Ich lege nachdenklich die Stirn in Falten. Maras rückwärts ist … Saram!
Annie kichert. »Ist es nicht lustig, dass er rückwärts gelesen genauso heißt wie vorwärts gelesen?«
»Ja …«, murmle ich, obwohl ich es überhaupt nicht lustig finde. Denn es klingt für mich weniger nach einem Zufall und mehr nach einem Mann, der uns belügt. Und zwar auf eine offene, dreiste Weise.
Ich sehe zu Jake, der mit Hilena auf Annies anderer Seite sitzt. »Erzähl es Jake«, sage ich zu Annie, der mein Stimmungswechsel nicht entgangen ist, denn sie sieht mit einem Mal besorgt aus. Aber sie tut, was ich sage.
Auch Jakes Miene verdüstert sich und er sieht mich an.
Dass Saram uns seinen Namen nicht genannt hat, kann zwei Gründe haben: Erstens, er kann seinen echten Namen nicht verraten oder zweitens, er hat keinen Nachnamen.
Ersteres erscheint mir unwahrscheinlich, weil wir offensichtlich Fremde sind und die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen bekannten Namen aus Sotton kennen, gering ist. Am glaubhaftesten erscheint es mir, dass er keinen Nachnamen hat und seinen Vornamen als Platzhalter verwendet. In diesem Fall ist er nicht unbedingt ein Betrüger. Menschen ohne Nachnamen sind Verstoßene, aber nicht alle von ihnen sind kriminell. Einige von ihnen sind einfach Waisen, die keine Eltern haben, deren Namen sie übernehmen können. Es ist also möglich, dass Saram sich seine Position hart erarbeitet hat und sich seinen eigenen Nachnamen gegeben hat. Aber das ist nur eine Möglichkeit.
»Etwas hat sich schon die ganze Zeit komisch angefühlt«, sagt Jake mit gesenkter Stimme. »Es wäre besser, wenn wir ab morgen wieder allein reisen.«
Ich schüttle den Kopf. »Wenn etwas nicht stimmt, sollten wir sie im Auge behalten. Außerdem kommen wir allein nicht so schnell voran.«
Jake legt die Stirn in Falten. »Ich komme lieber langsam voran als gar nicht.«
Annie klammert sich fester an meinen Arm und sieht mit sorgenvollen Augen zu mir auf.
Ich reibe ihr beruhigend den Rücken. Dann werfe ich Jake einen verärgerten Blick zu. »Bis jetzt wissen wir gar nichts. Es wäre unklug voreilige Schlüsse zu ziehen. Wir sollten vorläufig vorsichtig sein und versuchen, etwas herauszufinden.«
»Und was wenn -«
»Vielen Dank!« Die klare Stimme Ihrer Heiligkeit unterbricht ihn und wir beide beobachten entgeistert, wie Ihre Heiligkeit eine Schale Suppe von Saram entgegennehmen.
»M-Miss!«, entkommt es Jake, der sich für gewöhnlich zurückhält, die Heilige anzusprechen.
Aber sie hat bereits die Schale an die Lippen gesetzt. Als sie sie wieder absetzt, richtet sich ihr Blick auf uns. »Ihr solltet nicht unhöflich sein, nachdem sich diese Männer die Mühe gemacht haben, für uns zu kochen«, sagt sie mit ruhiger Stimme. Dann schaut sie auf ihre Schale hinab. »Es gibt nichts zu befürchten.«
Sie sitzt zu weit weg, um unsere Unterhaltung gehört zu haben, aber anscheinend waren wir leicht zu durchschauen. Und deshalb hat sie entschlossen, die Suppe zu testen, damit wir sicher sein können, dass sie essbar ist?
Ich seufze. Das klingt nach der rücksichtslosen Art Ihrer Heiligkeit. Wie kann es sein, dass die Heilige, die als sanftmütig und liebenswert gilt, solch waghalsige Entscheidungen trifft?
Es gibt einiges über den Tempel, dass ich herausfinden muss, sobald wir zurück in Libera sind, denke ich, während ich ebenfalls eine Schale mit Suppe entgegennehme. Besonders appetitlich sieht sie nicht aus, aber wann war das letzte Mal, dass ich etwas Appetitliches gegessen habe? Und wenigstens ist sie warm.
»Klingt als hättet ihr verdam- ich meine, riesiges Pech gehabt.« Saram grinst erst mich und dann Stella an, nachdem ich ihm unsere zurechtgelegte Geschichte darüber erzählt habe, wie wir uns verlaufen haben und hier gelandet sind. Und mir entgeht nicht, dass er beinahe geflucht hätte. Etwas Ähnliches ist der Heiligen vor einer Weile passiert, als sie mit mir gesprochen hat. Und ich habe sie sogar schon fluchen gehört. Der Gedanke, dass sie eine recht unvornehme Ausdrucksweise pflegt, bringt mir unwillkürlich ein Lächeln aufs Gesicht und ich werfe ihr einen Blick zu.
Sie sitzt etwas abseits von uns, in eine Decke gewickelt, und sie scheint müde zu sein. Ich hoffe, dass sie nicht friert.
Dann bemerke ich, dass Annie, die zu meiner rechten sitzt, mich fragend ansieht. Ich räuspere mich leise und übersetze hastig, was Saram gesagt hat.
Aber Annie sieht mich weiterhin fragend an. »Wieso hast du gelacht?«
»Mir ist nur etwas durch den Kopf gegangen«, murmle ich und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf Stella und Saram. »Wir kommen schon zurecht, aber viel mehr interessiert mich, wie es sein kann, dass ein Menschenhändlerring sein Unwesen treibt und niemand etwas dagegen unternimmt. So weit ich informiert bin, steht Sklaverei auch in Sotton gesetzlich unter Strafe«, sagt Stella gerade.
Sarams Grinsen verblasst. Er nickt. »Das ist der Unterschied zwischen den Dingen, wie sie sein sollten, und den Dingen, wie sie sind. Selbst jetzt können wir die Banditen zwar wegen Räuberei einsperren, aber nicht wegen Menschenhandels. Und diese Männer …« Er deutet mit dem Kopf in Richtung des Wagens. »… sind für die richtig üblen Kerle so entbehrlich wie abgeschnittene Fußnägel.«
»Wie viele Menschen sind bisher verschwunden?«, frage ich.
Saram zuckt mit den Schultern. »Das ist schwer zu sagen, aber eine ganze Menge. In so kleinen Dörfern wie diesem hier dauert es, bis wir überhaupt etwas davon merken. Jedenfalls ist es ein Glücksfall, dass Ihr die Banditen überwältigen konntet. Bei so vielen schönen Frauen hätten die einiges getan, um euch in die Finger zu bekommen.« Er lächelt Stella an.
»Chief Saram, Eure Worte sind unangebracht«, sage ich streng, denn mir gefällt die Art, wie er Stella gerade betrachtet, genauso wenig wie die Blicke, mit denen er Ihre Heiligkeit ansieht. Oder die Andeutung, dass Stella und die anderen Frauen begehrt unter Menschenhändlern wären.
Saram hebt die Hände. »Verzeiht, es liegt mir fern, Euch zu beleidigen.« Er sieht Stella an. »Ich bitte um Verzeihung, Soa Stella. Ich wünsche Euch kein Unglück.«
»Das weiß ich«, antwortet Stella wohlwollend und legt mir eine Hand auf den Arm. »Und ich verstehe, was Ihr sagen wollt. Niemand würde bestreiten, dass Soa Lori eine schöne Frau ist.«
»Das ist sie!« Saram gibt ein Geräusch von sich, halb lachen, halb schnauben, und sieht zu Ihrer Heiligkeit. Und erneut tritt dieser Blick in seine Augen. »Ich konnte meinen Augen kaum trauen, als ich sie das erste Mal gesehen habe. Die Sena ist wahrlich -«
»Eine Priesterin!«, unterbreche ich ihn scharf.
Saram blinzelt und richtet seinen Blick auf mich. Er räuspert sich. »Natürlich, zum Bedauern vieler Männer, wie ich mir denken kann.« Er lacht leise, als wäre sein Witz lustig.
»Und sie ist keine ‚Sena‘«, fügt Stella hinzu und auch ihre Stimme klingt nun etwas unterkühlt.
»Hab ich ‚Sena‘ gesagt?« Saram reibt sich mit einem Grinsen den Hinterkopf. »Das ist nur mein tiefer Respekt für sie.«
Ich lächle nicht. An diesem Punkt kann ich nicht einmal mehr Vermutungen darüber anstellen, was er sich von diesem Verhalten erhofft.
Ich wende mich an Annie. »Er sagt, dass die Banditen für sie schwer zu bestrafen sind, weil sie ihnen nichts nachweisen können. Und wir haben über Miss Lori gesprochen, da er nicht zu verstehen scheint, was eine Priesterin ist«
Daraufhin grinst Annie aus irgendeinem Grund. »Und das macht dich wütend.«
»Selbstverständlich.« Ich nicke, noch immer etwas verwirrt von ihrem Grinsen.
Und so werfe ich Jake einen Blick zu, der sich ebenfalls unterhält und wie üblich scheint er sich dabei so leicht zu tun, als wären die drei Männer alte Freunde von ihm. Nicht einmal die Sprachbarriere scheint ein großes Hindernis zu sein.
Aber mir fällt auch auf, dass einer der Männer sich nicht an dem Gespräch beteiligt und stattdessen Ihre Heiligkeit beobachtet. Es ist derselbe Mann, der am Nachmittag neben dem Wagen hergeritten ist. »Wenn Ihr solchen Respekt für sie empfindet, Chief Saram, solltet Ihr Eure Männer dazu anhalten, sich entsprechend zu verhalten.«
Saram macht ein verdutztes Gesicht. »Was?«, fragt er, aber er folgt meinem Blick. »Oh, bitte verzeiht meinen Jungs. Sie sind nicht an die Gesellschaft schöner Frauen gewöhnt. Aber ich versichere Euch, sie sind harmlos.« Er schenkt mir ein zaghaftes Lächeln.
»Das wissen wir«, sagt Stella an meiner statt. »Wir sind alle etwas angespannt und mein Verlobter macht sich nur Sorgen.« Sie schenkt mir ein Lächeln, das ich jedoch nur schwach erwidere. Ich würde es bevorzugen, Saram so wenig wie möglich über uns zu erzählen.
»Euer Verlobter?« Saram klatscht in die Hände. »Das wusste ich nicht. Meinen Glückwunsch!«
Stella kichert. »Vielen Dank.«
Ich seufze. Unsere Verlobung sollte keine Information sein, die uns in Schwierigkeiten bringt. Stella weiß schon, was sie tut, denke ich, bevor ich ein Zupfen an meinem rechten Arm spüre.
»Stella hat von unserer Verlobung erzählt«, erkläre ich Annie mit leiser Stimme.
Aber sie muss meinen Unmut spüren, denn sie fragt: »Misstraust du ihm immer noch?«
Ich versuche ein beruhigendes Lächeln. »Ich bin nur vorsichtig. Sobald wir Anhui erreichen, überlassen wir die Banditen Chief Saram und gehen unserer Wege.«
Annie sieht nicht überzeugt aus.
Ich streiche ihr beruhigend über den Kopf. »Uns wird nichts passieren, versprochen«, sage ich, während ich mir innerlich schwöre, dass dieses Versprechen kein leeres sein wird.
Mein Blick huscht zur Heiligen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie schläft, aber ihr Anblick ist beruhigend. Ich mag nicht halb so stark sein, wie ich es gerne hätte, aber solange sie hier ist, bin ich zuversichtlich, dass ich mein Versprechen halten kann.
Ich schlafe nicht und behalte Saram und seine Männer im Auge, um zu sehen, ob sie etwas Verdächtiges tun. Aber diese Sorge bleibt unbegründet und am nächsten Morgen ist Erschöpfung alles, was mir die letzte Nacht gebracht hat.
»Hast du etwas herausgefunden?«, frage ich Jake, als wir unsere Sachen zusammenpacken, um uns wieder auf den Weg zu machen.
Jake wirft mir einen Blick zu. »Ja. Dass es eine dumme Idee war, meinen Unterricht in Sottisch nicht ernst zu nehmen.« Er seufzt. Auch er sieht müde aus und ich frage mich, ob auch er die Nacht wach gelegen hat. »Sie stellen viele Fragen. Aber die, die ich verstanden habe, waren harmlos. Wie wars bei dir?«
»Es war nicht eindeutig.« Ich gebe ihm eine kurze Zusammenfassung dessen, was Saram gestern gesagt hat.
»Was denkt Stella?«, fragt Jake, wohl weil er weiß, dass sie, was Konversationen angeht, mir einiges voraus hat.
Ich sehe zu Stella, die mit Hilena und Annie in der Nähe steht und darauf wartet, dass wir fertig werden. Aber als sie meinen Blick bemerkt, kommt sie auf uns zu.
»Stimmt etwas nicht?«, fragt sie mit einer besorgten Falte auf der Stirn.
Jake schnaubt leise, als würde ihn etwas an ihren Worten amüsieren. »Ich habe mich nur gefragt, was Ihr von Saram haltet.«
Ihre Miene hellt sich erleichtert auf. »Ich denke, er ist ein flegelhafter und ungebildeter Wachmann. Aber als Angehöriger einer Stadtwache einer Kleinstadt erscheint mir das nicht ungewöhnlich.«
Sie hat nicht unrecht, denke ich. Im Grunde ist nichts an Saram oder seinen Männern ungewöhnlich und hätte Tula sich nicht so eigenartig verhalten, hätte ich sie vermutlich auch nicht verdächtigt. Aber so wie die Dinge liegen, ist es gerade diese Gewöhnlichkeit, die mich misstrauisch macht.
»Mir gefällt es nicht, wie sie Misstress Lori ansehen.« Dalton, der einen Sattel trägt, bleibt neben uns stehen. »Besonders der Kerl da!« Er deutet mit dem Kopf auf den Mann, der Ihre Heiligkeit seit gestern kaum aus den Augen lässt.
Stella seufzt geräuschvoll. »Immerhin seid ihr euch einig, dass eine bürgerliche Anrede unter ihrer Würde ist.«
Dalton sieht Stella verwirrt an.
»Saram nennt Miss Lori ständig ‚Sena‘. Und jetzt kommst du, Dalton, und nennst sie Misstress.« Sie klingt äußerst empört und ich frage mich, ob es sie stört, dass Saram sie nicht mit ‚Sena‘ anredet.
Daltons Blick wechselt zu besorgt. »Ist Madame besser? Ich dachte, das wäre unangebracht, weil sie doch nicht heiraten darf.«
Stella legt sich frustriert eine Hand an die Stirn, während Jake prustet.
»Dalton hat recht«, sage ich, um beim Thema zu bleiben. »Bis wir in Anhui sind, sollten wir alle ein Auge aufeinander haben.«
»Ja …« Jake hört auf zu lachen und sieht zu dem Mann, den Dalton bereits böse anfunkelt. »Ich verstehe das Bedürfnis, eine schöne Frau anzusehen, aber das ist ein gruseliger Blick. Ich könnte das keinen Tag ertragen, ohne ihm ins Gesicht zu schlagen.«
Mein Blick huscht zur Heiligen, die wieder allein sitzt, während sie wartet. Sie wirkt nicht beunruhigt, aber ich frage mich, ob sie absichtlich auf Abstand geht. Und wenn Ja, zu wem? Und warum?
»Muss ich dich auch daran erinnern, dass sie eine Priesterin ist?«, fragt Stella mit matter Stimme. »Oder an Hilena, die dort drüben steht?«
Jake richtet seinen Blick abrupt auf Stella. »Was?! Egal, wie schlecht Eure Meinung von mir ist, wie könnt Ihr unterstellen, ich würde ein Interesse an Priesterinnen haben. Nein, an dieser Priesterin!« Er deutet in die Richtung, wo Ihre Heiligkeit sitzen. Er klingt äußerst empört. Und das, nachdem er mir vor kurzem unterstellt hat, Gefühle für die Heilige zu haben.
Stella verschränkt die Arme vor der Brust. »Interesse an anderen Priesterinnen zu haben ist also erlaubt?«
»Habt Ihr mir nicht zugehört?!«
Ich seufze und kümmere mich darum, den Rest unserer Sachen zu packen. Immerhin scheinen sie sich keine allzu großen Sorgen zu machen.
»Was sagt Ihr, Sor Mikail? Zeigt Ihr mir das Talent, mit dem Ihr die Banditen bezwungen habt?«
Ich sehe Saram, der mit der Hand auf dem Schwertknauf vor mir steht, überrascht an. Wir machen gerade eine Mittagspause, wo wir die gleiche Suppe wie gestern serviert bekommen haben. Auch diesmal hat die Heilige sie sorglos gegessen und nachdem sie gestern in Ordnung war, haben auch die anderen wenig Bedenken gezeigt. Mir ging durch den Kopf, dass gerade das ein Grund ist, weiter misstrauisch zu sein. Aber als ich Ihre Heiligkeit angesehen habe, musste ich an ihre Worte denken, als ich ihr an unserem ersten Tag hier ein paar Waldbeeren mitgebracht habe. Selbst wenn Saram daran denkt, uns zu vergiften, haben wir immer noch die beste Heilerin in ganz Ishitar auf unserer Seite. Und als ich es so betrachte, klingt es lächerlich, sich überhaupt darum zu sorgen.
»Wenn Ihr mir ein Schwert leiht«, sage ich und erhebe mich. Nicht nur gibt er mir die Gelegenheit etwas von dem Training nachzuholen, dass ich in den letzten Tagen verpasst habe, es ist auch eine Chance für mich, Saram besser einzuschätzen. Worte können trügerisch sein, aber ein Schwert verrät viel über den Charakter seines Trägers.
Einer der Männer reicht mir auf Sarams Zeichen hin sein Schwert.
»Hältst du das für eine gute Idee?« Stella berührt meinen Arm und sieht besorgt zu mir auf.
»Keine Sorge. Es ist nur ein bisschen Training.« Ich schenke ihr ein beruhigendes Lächeln. Zur Abwechslung geht es um etwas, in dem ich zuversichtlich bin, dass ich weiß, was ich tue.
Mein Blick huscht zu Ihrer Heiligkeit. Ich erwarte nicht, dass sie sich ebenfalls Sorgen um mich macht. Aber zu meiner Überraschung sieht sie mich plötzlich mit Interesse an. Denkt sie auch, dass Sarams Kampfstil aufschlussreich sein könnte? Oder vielleicht möchte sie sehen, wozu ich fähig bin.
Etwas beschämt denke ich daran, wie sie mich bisher nur scheitern gesehen hat. Und das eine Mal, als ich die Banditen besiegte, lag sie schlafend hinter einem Baum.
Doch als ich ihr noch einen Blick zuwerfe, unterhält sie sich mit Jake und ein paar der Männer, und ich richte meine Aufmerksamkeit etwas enttäuscht auf Saram.
»Seid Ihr bereit?«
Ich schwinge mein Schwert probeweise, aber es unterscheidet sich nicht groß, von dem der Banditen und so nicke ich Saram zu.
Er greift an. Es ist ein einfacher vertikaler Schlag, der zwar kräftig, aber vorhersehbar ist.
Ich fange sein Schwert ab und neige meine Klinge, sodass die Kraft an mir vorbeigeleitet wird. Gleichzeitig bewege ich meine Faust mit dem Knauf aus Sarams Gesicht zu.
»Woah!« Saram lehnt sich zurück und unterbricht seinen Angriff.
Ich runzle die Stirn, da ich nicht erwartet habe, dass ihn mein Konter überrascht. Dann greife ich ihn an.
Ich ziele mit einer Finte auf seine linke Seite, auf die Saram hereinfällt. Würde ich nicht im letzten Moment innehalten, hätte ich seine Schulter verletzen können. Nicht einmal seine Aura, die verspätet einen Schild um seine Schulter hüllt, hätte ihn beschützt.
»Wie ich sehe, sollte ich es Euch nicht zu leicht machen.« Saram grinst, als hätte er sich bisher zurückgehalten. Aber seine Miene ist angespannt und ich denke nicht, dass er sich bedeutend zurückgehalten hat.
Sein nächster Angriff ist kräftiger als der erste, aber nicht weniger vorhersehbar. Aber gerade als ich zu einem Konter ansetzen will, spüre ich plötzlich seine Aura. Sie zielt auf meinen linken Oberschenkel und ich blocke sie hastig mit meiner eigenen Aura.
Dann sehe ich Saram an, dessen Grinsen nun um einiges zufriedener wirkt. Er hat keine Telekinese benutzt. Es war eher, als hätte er etwas Aura auf mich geschossen. Es ist eine eigenartige Technik, die ich noch nie gesehen habe.
Statt meines ursprünglichen Konters, trete ich Saram seitlich gegen das Knie, was ihn taumeln lässt. So gibt er leicht nach, als ich sein Schwert zur Seite dränge und er schafft es gerade so, meinen nächsten Angriff zu blocken.
Er befindet sich in einem unsicheren Stand und mit einem weiteren Triff könnte ich ihn zu Boden befördern. Aber ich will das Duell nicht so schnell beenden.
Und dann spüre ich erneut Sarams Aura.
Da wir uns näher sind als zu vor, weiche ich zurück, um rechtzeitig einen Schild zu erschaffen. Saram nutzt das, um sein Gleichgewicht wiederzuerlangen. Und er schießt erneut Aura nach mir. Diesmal zusammen mit einem Angriff und obwohl weder das eine noch das andere schwer zu blocken ist, lässt mich beides zusammen erneut zurückweichen.
Sarams Augen leuchten auf, als er merkt, dass er nun mich aus dem Gleichgewicht bringt.
Ich packe den Schwertknauf fester. Ich dachte, ich könnte Saram provozieren und sehen, ob er mich ernsthaft verletzen würde. Aber wenn ich nicht aufpasse, könnte ich überwältigt werden. Wenn ich schnell genug bin, könnte ich ihn entwaffnen und so gewinnen. Vielleicht reicht das, um ihn zu provozieren. Aber anstatt ihn zu schlagen, bevor er mich schlagen kann, würde ich lieber einen Weg finden, mich gegen ihn durchzusetzen.
Ich blocke Sarams Aura ein weiteres Mal und schaffe es dabei, meinen eigenen Angriff nicht abzubrechen. Allerdings springt Saram zurück und auch ich entscheide mich für den Moment für einen Rückzug.
Mein Blick huscht zu unseren Begleitern, die uns jetzt alle zusehen. So gern ich das Duell weiterführen würde, ich sollte nicht vergessen, in welcher Situation wir stecken. Es ist nicht ratsam, mich zu verausgaben oder Saram zu viel von meinem Können zu zeigen.
Außerdem scheine ich Annie und Stella Sorgen zu bereiten, denn Stella sieht beunruhigt aus und Annie funkelt Saram an. Nur Ihre Heiligkeit wirken gelassen. Mehr noch, ihr Blick wirkt, als zeige ihr der Kampf nichts, dass außerhalb ihrer Erwartung liegt. Dann, als sie bemerkt, dass ich sie ansehe, umspielt ein Grinsen ihre Lippen und sie formen ein Wort: Aura-Fluss.
Ich richte meinen Blick wieder auf Saram. Heißt das, ich kann Saram schlagen, wenn ich mich auf meinen Aura-Fluss konzentriere? Sind Ihre Heiligkeit so gelassen, weil sie darauf vertrauen, dass ich dieses Duell gewinnen kann?
Seit Ihre Heiligkeit mir geraten haben, meinen Aura-Fluss auszubauen, habe ich versucht, daran zu arbeiten. Ich kann nicht sagen, dass ich bedeutende Fortschritte gemacht habe, jedenfalls keine, die mir in diesem Kampf helfen würden. Aber ich vertraue Ihrer Heiligkeit.
Ich konzentriere mich auf meine Fingerspitzen, in denen es mir als erstes gelungen ist, meine Aura natürlich fließen zu lassen. Mir ist nicht klar gewesen, dass ich sie zuvor quasi gewaltsam durch meinen Körper geschoben habe, damit sie macht, was ich will, ohne auf den natürlichen Weg achtzugeben. Erst als ich das begriffen habe, war ich in der Lage zu verstehen, was Ihre Heiligkeit versucht haben, mir zu erklären. Das Problem ist aber, dass ich selbst mit diesem Wissen Schwierigkeiten habe, den natürlichen Weg zu finden.
Ich knirsche mit den Zähnen, während ich Sarams Schwert blocke. Mich zusätzlich auf meinen Aura-Fluss zu konzentrieren, lässt sogar seine schlichte Schwertführung tückisch werden. Ich versuche, ihn von mir fernzuhalten, um die Zeit zu haben, meinen Aura-Fluss aufzubauen. Er ist unsauber und grob, und ich tue kaum mehr, als meine Aura über meine Haut streichen zu lassen. Und selbst das kostet mich so viel Aufmerksamkeit, dass ich versäume, meinen rechten Fuß zurückzuziehen, auf den Saram mit seiner Aura zielt.
Ich habe mich darauf konzentriert auszuweichen, um weniger Schilde erschaffen zu müssen, doch jetzt ist es zu spät. Ich versuche, sowohl mit meiner Aura als auch mit meinem Schwert, meinen Fuß zu schützen, in dem Wissen, dass keines davon Sarams Aura rechtzeitig aufhalten wird.
Ich beiße die Zähne zusammen, um mich auf den Schmerz einzustellen. Aber er kommt nicht. Stattdessen fühle ich lediglich einen dumpfen Druck.
Ich bin so überrascht, dass ich nach unten sehe, obwohl ich auch so weiß, was passiert ist. Meine Aura hat seine abgeblockt. Nicht die, die ich geschickt habe, um einen Schild zu erschaffen. Sondern die, die ich durch meinen Körper zirkulieren lasse. Ohne, dass ich aktiv etwas tun musste, hat sie sich aufgebaut, um meinen Fuß zu schützen. Danach ist ein Loch in meinem Fluss entstanden, das ich hastig zu schließen versuche, während ich vor Saram zurückweiche.
Aber ich verstehe es jetzt. Weshalb Ihre Heiligkeit so ratlos über meinen unzureichenden Aura-Fluss waren. Wenn ich daran denke, dass meine Aura ohne mein Zutun meinen Körper beschützen würde, wäre mein Aura-Fluss entsprechend ausgebildet, kann auch ich kaum glauben, wie ich bisher meine Zeit verschwendet habe.
Sobald ich das Loch geschlossen habe, gehe ich wieder zum Angriff über, weniger vorsichtig als zuvor.
Saram schießt erneut Aura auf mich, aber diesmal konzentriere ich mich nur weiter auf meinen Aura-Fluss. Auf diese Weise ist das Loch, das Sarams Aura aufreißt, klein und lässt sich schnell schließen. Und meinen Angriff breche ich nicht ab.
Saram verzieht das Gesicht, als er sein Schwert herumreißt, um meines zu blocken. Sein Winkel ist ungünstig und er kämpft sichtlich damit, sich nicht zurückdrängen zu lassen. Trotzdem stolpert er drei Schritte nach hinten.
»Ihr seid nicht schlecht«, keucht er, als ich von ihm ablasse.
»Verzeiht. Ich wollte etwas ausprobieren und habe mich ablenken lassen. Ab jetzt habt Ihr meine volle Aufmerksamkeit.« Ich lächle, während ich etwas so Respektloses sage. Möglicherweise haben Ihre Heiligkeit auf mich abgefärbt. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass Saram bereits jetzt keucht und schwitzt, während ich gerade erst warm werde.
Saram lacht auf. »Wie freundlich von Euch«, knurrt er, bevor er sich auf mich stürzt. Ich habe ihn definitiv verärgert, aber obwohl sein Schwertstreich kräftiger ist als zuvor, liegt keine Boshaftigkeit darin. Er zielt auf Stellen, an denen er mich nicht ernsthaft verletzen würde, so wie bei einem Trainingsduell üblich. Und trotz der Verärgerung in seinen Augen und dem Drang, mich zu überwältigen, spüre ich keinen Blutdurst.
Er schießt ein weiteres Mal Aura auf mich, was ich ignoriere und mein Schwert in einem diagonalen Streich nach oben ziehe. Aber das dumpfe Gefühl, das ich haben sollte, als seine Aura auf meinen Aura-Fluss trifft, bleibt aus. Etwas überrascht stelle ich fest, dass Saram mich verfehlt hat, und vermutlich aus diesem Grund schießt er gleich noch einmal. Aber auch dieses Mal geht der Schuss daneben, und zwar gehörig.
Ich bin verwirrt, da er zuvor so treffsicher gewesen ist, will mich aber nicht davon ablenken lassen. Doch in diesem Moment knallt es und Saram springt zurück. »Mein Fehler!«, ruft er und hebt ergebend die Hände.
Ohne mein Schwert zu senken, folge ich seinem Blick, der auf den Wagen gerichtet ist. Meine Augen schmälern sich, als ich sehe, dass er schief steht.
»Was ist passiert?«, frage ich und sehe Saram an.
»Hab nicht ordentlich gezielt. Ihr habt mich ganz schön gehetzt!« Er lacht und klopft mir auf die Schulter.
»Das Rad ist gebrochen!«, ruft einer der Männer und ich reiße den Kopf herum. Der Mann, der gerufen hat, steht vor einem der hinteren Räder, dort, wo sich der Wagen etwas abgesenkt hat.
»Was?« Sarams Grinsen verblasst.
»Wirklich toll gemacht, Boss«, sagt ein anderer, der sich nun ebenfalls vom Feuer erhebt, um das Rad zu inspizieren.
Auch Saram geht mit schnellen Schritten auf den Wagen zu.
Ich sehe ihm hinterher.
»Mikail! Ist alles in Ordnung?« Stella kommt auf mich zu, nach wie vor mit einem besorgten Ausdruck auf dem Gesicht.
»Ja, es geht mir gut«, antworte ich, auch wenn ich etwas verwirrt bin. Nachdem sie das Duell beobachtet hat, sollte sie wissen, dass ich Saram klar überlegen war. »Hast du gesehen, wie Saram das Rad angeschossen hat?«
Sie blinzelt. »Angeschossen? Nein, ich habe gar nichts gesehen. Ich habe mich mit Miss Lori unterhalten.«
Ich runzle die Stirn. Da Saram seine Aura freigesetzt hat, hätte auch Stella sie spüren können, aber offenbar hat sie nicht darauf geachtet. Ich bin sicher, dass Ihre Heiligkeit es gemerkt haben, aber wenn Stella mit ihr geredet hat, war auch sie abgelenkt. »Wieso hast du mit Miss Lori geredet?«, frage ich, leicht verärgert, dass ich nun auch sie nicht fragen kann, was sie über Sarams bizarre letzte Handlung in dem Duell denkt.
»Oh, ich war nur … etwas verärgert, dass sie dich abgelenkt hat.« Stellas Stimme ist kleinlaut und sie schaut zur Seite.
»Das hat sie nicht«, sage ich und unterdrücke ein Seufzen. »Und bitte, Stella, versuch nicht, dich um meinetwillen mit Miss Lori anzulegen. Wir sollten uns glücklich schätzen, dass sie mit uns hier ist.«
Stellas Blick richtet sich auf mich und sie holt Luft, um etwas zu sagen. Aber dann schließt sie den Mund wieder und beißt sich auf die Lippe.
Ich weiß, dass ich Stella das nicht sagen muss und wären wir in Libera, würde ich mich von Ihrer Heiligkeit fernhalten, wenn Stella sich dann besser fühlen würde. Aber diesen Luxus haben wir momentan nicht.
»Hoffen wir, dass sich das Rad reparieren lässt«, sage ich und sehe zum Wagen. Ich war gerade so weit zu glauben, dass Saram uns nichts Böses will, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er absichtlich auf das Rad gezielt hat. Auch wenn ich nicht verstehe, was er davon hätte.
Ich sehe wieder zu Stella. »Ich werde sehen, ob ich helfen kann«, sage ich, ehe ich auf den Wagen zugehe. Das Schwert muss ich auch noch zurückgeben.
Aber offensichtlich wissen die Männer, was zu tun ist, und ich werde nicht gebraucht. Ich will mich nach Stella und Annie umsehen, als mein Blick auf Ihre Heiligkeit fällt. Ihre Heiligkeit und Eden.
Eden hat kaum ein Wort gesagt, seit wir auf Saram getroffen sind, und das kann nicht nur an der Sprache liegen. Denn eigentlich sollte auch er Sottisch beherrschen, auch wenn es mich nicht überraschen würde, wenn er seinen Unterricht so leicht genommen hätte wie Jake. Aber ich glaube eher, dass er keinen Sinn darin sieht, mit Menschen von Sarams Stand zu reden. Und jetzt scheint er meine Unaufmerksamkeit auszunutzen, um sich Ihrer Heiligkeit zu nähern.
Ich gehe auf die beiden zu, was Eden prompt dazu anleitet zu fliehen. Aber nicht ohne mir einen abweisenden Blick zuzuwerfen.
»So wie es aussieht, müssen wir das Rad reparieren, bevor wir weiterkönnen. Das wird eine Weile dauern«, sage ich zu Ihrer Heiligkeit, um ihr einen Grund zu nennen, weshalb ich hergekommen bin. »Worüber habt Ihr mit Eden gesprochen?« Ich versuche es beiläufig hinzuzufügen, aber als ich Ihre Heiligkeit ansehe, mustern ihrer Augen mich skeptisch.
»Es war nichts Bedeutungsvolles.« Es klingt gelassen, aber ihre leicht gerümpfte Nase verrät ihre Unzufriedenheit.
»Seid Ihr sicher?«, hake ich daher nach.
Sie schnaubt leise. »Er hat gesagt, ich lächle zu viel.«
Im ersten Moment ergibt das so wenig Sinn für mich, dass ich gar nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll. Was muss einem durch den Kopf gehen, um jemandem zu sagen, dass er zu viel lächelt? Und Ihre Heiligkeit lächeln ausgesprochen selten oder zumindest selten aufrichtig. Aber dann erinnere ich mich an einige andere Dinge, die Eden zu Ihrer Heiligkeit gesagt hat und ich verstehe, was er wahrscheinlich gemeint hat. »Was für ein Unsinn!«, sage ich, denn sie sollte sich nicht einschränken müssen, weil einige unserer Begleiter noch nie etwas von Respekt und Anstand gehört haben.
Sie setzt an, etwas zu sagen, nur um es sich anders zu überlegen. Sie mustert mich kurz und ihre Mundwinkel zucken. »Ihr denkt, ich sollte öfter lächeln?«, fragt sie, wohl um meine Absichten zu testen.
»So habe ich es nicht gemeint.«
»Nicht?« Sie legt sich eine Hand an die Wange und schenkt mir ein perfektes Lächeln. Aber es ist nicht echt. »Bin ich nicht schöner mit einem Lächeln auf dem Gesicht?« Sie klingt sarkastisch und ich denke, sie hat diesen Satz schon oft zu hören bekommen. Und das, obwohl es keine Bemerkung ist, die sich gegenüber der Heiligen schickt.
»Ihr seid schön, egal welchen Ausdruck Ihr auf dem Gesicht habt. Ihr solltet den Ausdruck zeigen, der Euch in dem Augenblick beliebt«, sage ich, obwohl ich weiß, wie selten Menschen in ihrer Position oder in meiner frei auf ihrem Gesicht zeigen können, was sie denken.
»Ihr habt recht.« Diesmal klingen ihre Worte aufrichtig und das Lächeln, das sie mir schenkt, ist weniger strahlend, aber echt. Und ich denke, dass sie in der Tat wunderschön ist, wenn sie lächelt.
»Aufrichtigkeit ist das, was zählt, wenn es um Gefühle geht. Menschen mögen Euch verurteilen, wenn Ihr etwas fühlt, das ihren Erwartungen oder Vorstellungen widerspricht, aber solange es aufrichtig ist, wird Gott es niemals tun. Vergesst das nicht.« Sie sieht mich eindringlich an und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass sie auf eine Reaktion von mir wartet.
Ich nicke. »Ich werde daran denken, Miss Lori«, sage ich und ihre Worte klingen nach einem weisen Rat, den jemand wie die Heilige geben würde. Nur verstehe ich nicht, weshalb sie ihn mir gibt. Wirke ich wie jemand, der seine Gefühle verbirgt? Verglichen mit ihr möglicherweise, denn ich habe noch nie in Betracht gezogen, jemandem, den ich nicht mag, genau das ins Gesicht zu sagen.
Ich reibe mir nachdenklich das Kinn. Unrecht hat sie nicht. Vielleicht sollte ich versuchen, ehrlicher zu sein.
Wir verweilen noch über eine Stunde, ehe der Wagen wieder fahren kann. Nur eben ohne die Banditen und sehr langsam. Aber immerhin kommen wir schließlich wieder voran.
Dalton und ich verzichten von da an auf ein Pferd, damit Ihre Heiligkeit allein reiten können und ich sorge dafür, dass ihr Pferd neben mir läuft. »Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, Euch zu danken«, sage ich und sehe zu ihr auf.
»Wofür?« , fragt sie, als gäbe es nichts, für das ich ihr danken müsste.
»Für Euren Rat, während des Kampfes«, antworte ich, während ich ihn in meinem Kopf unwillkürlich noch einmal durchgehe. Ich lasse seither meine Aura fließen, wobei mir aufgefallen ist, dass ich noch viel zu viel Zwang verwende. »Es ist schwierig, meine Aura kontinuierlich fließen zu lassen, aber es ist definitiv wirkungsvoll. Ich bin beeindruckt, dass Ihr sofort erkannt habt, was mir Probleme bereitet und wie ich es lösen kann.« In den Armen und Beinen fällt es mir leichter, aber in meinem Torso fühlt es sich an, als gäbe es großen Widerstand. Und immer wenn ich versuche, meine Aura durch meinen Kopf fließen zu lassen, beginnt er unangenehm zu pochen.
»Es war nicht meine Absicht, Euch zu helfen. Ich habe nur gesehen, was Ihr falsch macht und ich habe nicht erwartet, dass Ihr es im Kampf lösen würdet.«
Ich sehe überrascht zu ihr auf. Sie dachte nicht, dass ich ihren Rat umsetzen könnte? Das heißt, ich habe sie beeindruckt. »Ich habe nur versucht, das umzusetzen, was Ihr mir beigebracht habt«, sage ich, nun doch recht zufrieden mit meinem Fortschritt. Wenn sogar Ihre Heiligkeit beeindruckt sind, haben sich meine Bemühungen ausgezahlt. »Ich habe sehr viel über meinen Aura-Fluss nachgedacht, seit Ihr mich darauf angesprochen habt. Und ich habe geübt. Zuerst habe ich keinen Fortschritt mit dem Stein gemacht, aber wie Ihr gesagt habt, habe ich irgendwann Aura in meinen Fingerspitzen gespürt.« Kontinuität ist der Schlüssel, denke ich, entschlossen mich nicht entmutigen zu lassen, bis mein Aura-Fluss von meinen Fingerspitzen hinunter zu meinen Zehenspitzen und hinauf zu meinem Haaransatz reicht. »Von da an habe ich mich darauf konzentriert, meine Aura dorthin zu schicken, wo sie normalerweise nicht ist. So war es mir erst möglich, sie durch meinen Körper fließen zu lassen. Ich werde versuchen, den Fluss von nun an ununterbrochen aufrechtzuerhalten, sodass ich mich bald nicht mehr darauf konzentrieren muss. Dazu muss ich ihn in meinem Oberkörper und in meinem Kopf ausbauen. Aber jetzt, wo ich ein Gespür dafür habe und das Prinzip verstanden habe, wird es nicht lange dauern.«
»Hm…« Die Antwort der Heiligen ist recht halbherzig und ich sehe sie an, besorgt, dass ich zu viel geredet habe. Aber sie mustert mich. »Zeigt mir Eure Hand.«
Ich blinzle, hebe aber meine Hand, plötzlich nervös.
Ihre Augen schmälern sich etwas, während sie meine Hand in Augenschein nimmt. Dann nickt sie. »Wie Ihr gesagt habt. Macht weiter so«, sagt sie und richtet ihren Blick wieder nach vorn.
Ich mache eine Faust und sehe auf meine Hand hinab. Bevor wir nach Libera zurückkehren, werde ich meinen gesamten Aura-Fluss so weit entwickeln, dass sogar Ihrer Heiligkeit ihn anerkennen werden.
Von da an konzentriere ich mich voll und ganz auf meinen Aura-Fluss und ehe ich mich versehe, wird es auch schon dunkel.
»Das ist alles meine Schuld«, sagt Saram mit betretener Miene, während wir unser Nachtlager aufschlagen. »Aber das da ist Anhui, das wir ganz sicher Morgen erreichen werden, selbst wenn wir kriechen müssen. Würden sie die Tore über Nacht nicht schließen, könnten wir es sogar heute noch schaffen.«
Eine nutzlose Erwähnung, denke ich. Außerdem wundere ich mich etwas über seine Formulierung. Ich nehme an, dass die Stadtwache dafür verantwortlich ist, die Tore zu schließen. Da er Teil der Stadtwache ist, sollte er nicht sagen ‚wir schließen die Tore über Nacht‘? Dann schüttle ich den Kopf. Es ist ein unsinniger Gedanke. Wir sind vor den Toren der Stadt und wenn Saram etwas geplant hätte, hätte er es längst getan.
Wir essen und während ich mich wieder auf meinen Aura-Fluss konzentrieren will, drückt Annie sich an meine Seite.
»Was machst du denn die ganze Zeit?«, quengelt sie, als wäre sie beleidigt, dass ich ihr keine Aufmerksamkeit schenke.
»Ich versuche nur, Miss Loris Rat umzusetzen, was meinen Aura-Fluss angeht«, erwidere ich und tätschle ihr besänftigend das Haar.
Annie runzelt die Stirn. »Du denkst immer noch über deine Aura nach?«
»Ich denke nicht nur nach, ich versuche, sie zu lenken«, erkläre ich. »Zuvor konnte ich noch nicht nachvollziehen, was genau Miss Lori gemeint hat, aber weißt du, es gibt einen Unterschied, ob man seine Aura willentlich durch seinen Körper schiebt oder sie von selbst fließen lässt. Es ist schwer zu erklären, aber in meinem Duell mit Saram ist es mir klar geworden. Aura ist, wie du weißt, eine sehr intuitive Energie und wenn ich sie richtig anleite, unterstützt sie mich, ohne dass ich aktiv etwas machen muss. Auf diese Weise kann sie ein permanenter Schutzschild werden, der Gefahren eigenständig abwehrt. Momentan reagiert er nur auf aggressive, fremde Energie, aber ich denke, wenn ich ihn weit genug entwickle, könnte nur mein Gefahrenbewusstsein ausreichen, um ihn zu aktivieren. Das heißt, ich könnte ein Schwert mit der Hand abwehren, ohne einen Schild zu erschaffen. Verstehst du? Meine Aura würde das einfach von selbst tun.« Ich sehe Annie an, sicher, dass auch sie begeistert von der Idee sein wird, dass ich eines Tages kaum noch einen Gedanken an meine Defensive verschwenden muss.
Aber Annie hat den Kopf gegen meinen Arm gelegt und ist eingeschlafen. Möglicherweise war meine Erklärung zu lang und detailliert für sie.
Mit Hilfe meine Aura bewege ich sie, sodass sie mit dem Kopf auf meinem Bein liegt und decke sie zu. Dann sehe ich mich nach Stella um, die sich aber ebenfalls schon hingelegt hat. Genauso wie Hilena.
Aber es war auch ein anstrengender Tag, denke ich, während ich meine Aufmerksamkeit wieder auf meinen Aura-Fluss richte. Es wird ein guter Zeitvertreib sein, denn ich habe trotz allem auch in dieser Nacht vor, wach zu bleiben. Obwohl auch ich müde bin. Es ist wohl die Folge der letzten schlaflosen Nacht, aber ich bin zuversichtlich, dass ich es mit Hilfe meiner Aura noch eine Nacht schaffe. Oder das war ich.
Ich werde zunehmend schläfriger und selbst meine Bemühungen, meine Aura kraftvoller fließen zu lassen, scheinen kaum eine Wirkung zu haben.
Nach und nach legen sich auch meine Begleiter hin. Sogar Ihre Heiligkeit scheinen überraschend früh einzuschlafen. Etwas stimmt nicht, denke ich. Diese lähmende Schwere in meinem Körper, die ich nicht loswerde, wie sehr ich mich auch bemühe, ist unnatürlich.
Ich sehe zu Saram, aber auch er und seine Männer legen sich hin. Geht es ihnen genauso?
Ich reibe mir zum zigsten Mal die Augen und sehe auf Annie hinab, die friedlich in meinem Schoß schläft. Ich ziehe sie näher zu mir und versuche, mich stärker auf meine Aura zu konzentrieren. Mit ihr sollte ich in der Lage sein, diese Müdigkeit zurückzudrängen. Ich muss!
Mein Atem wird langsamer und ich spüre, wie mein Geist abdriftet. Ihre Heiligkeit, denke ich, ich muss wenigstens Ihre Heiligkeit wecken.
Ich versuche, den Kopf zu heben und zu ihr zu sehen. Aber mein Körper verweigert seinen Dienst und Dunkelheit umfängt mich.
Kommentar
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