Tod der Heiligen

XXXIII.

Am nächsten Morgen brechen wir nach einem leichten Frühstück auf und Saram versichert uns, dass wir am späten Nachmittag in Anhui ankommen werden. Wir sind den ganzen Morgen ohne Unterbrechung unterwegs und machen erst Mittags eine Pause. Es gibt wieder eine Suppe, die diesmal von niemandem mit Misstrauen behandelt wird.

»Was sagt Ihr, Sor Mikail?«, sagt Saram, der aufsteht, noch bevor alle mit essen fertig sind. »Zeigt Ihr mir das Talent, mit dem Ihr die Banditen bezwungen habt?« Er legt seine Hand auf den Knauf seines Schwerts.

Mikails Augen, die den ganzen Morgen einen trüben Eindruck gemacht haben, als hätte er nicht viel Schlaf abbekommen, leuchten auf. »Wenn Ihr mir ein Schwert leiht«, sagt er, denn wie der aufrichtige Gutmensch, der er ist, hat er das Schwert, das er den Banditen abgenommen hat, Saram übergeben.

Saram nickt einem seiner Männer zu, der Mikail daraufhin sein Schwert gibt.

»Hältst du das für eine gute Idee?«, fragt Estella in Ishtari, als Mikail das Schwert entgegennimmt.

Aber Mikail lächelt. »Keine Sorge. Es ist nur ein bisschen Training.« Dann huscht sein Blick zu mir, als erwarte er, dass auch ich etwas einzuwenden hätte. Was nicht der Fall ist. Im Gegenteil. Das letzte Mal hatte ich kaum die Gelegenheit, Mikails Schwertführung zu beobachten und auch wenn ich mir nicht viel von Saram erhoffe, wird es auch interessant sein, zu sehen, wozu er fähig ist. Außerdem ist es eine willkommene Ablenkung von dem nervigen Kerl, der mich schon wieder anstarrt.

»… sie ist eine Bluthexe.«

Während ich Mikail und Saram beobachte, die sich auf ihren Kampf vorbereiten, lassen mich diese Worte aufhorchen und ich sehe zu Jake und Hilena, die sich wieder mit den drei Männern unterhalten, mit denen sie gestern gesprochen haben. Tula hat mich eine Bluthexe genannt und obwohl ich mir denken kann, was es bedeutet, würde ich es gerne sicher wissen.

Jake sieht den Mann an, der auf Hilena deutet. »Hexe ist … ja, sie ist eine Hexe, aber was ist ‚Blut‘?« Sein Sottisch ist besser geworden, aber er stammelt immer noch herum.

»Er hat Bluthexe gesagt«, sage ich auf Ishtari, bevor ich mich an den Mann wende. »‘Bluthexe’ ist eure Bezeichnung für Heiler, richtig?«

Aber der Mann schüttelt den Kopf. »Bluthexen haben Macht über den Körper. Um sich zu stärken oder ihre Gegner zu schwächen. Und sie erholen sich schnell von Verletzungen. Aber ich kenne keine, die andere heilt.«

Ich nicke langsam. In Ishitar, wo der Tempel Lichtmagier unterstützt, ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Lichtmagier Heiler sind. Aber in Sotton ist das anders.

»Ihr seid auch eine Bluthexe, oder?«, fragt der Mann, als ich nichts mehr sage.

»Ja. Ich wurde im Tempel ausgebildet. Alle Priester und Priesterinnen unseres Ordens sind Heiler.«

Einer der anderen Männer lacht. »Dann gibt es weit weniger garstige Weiber in eurem Land.«

Ich runzle die Stirn. »Wie meint Ihr das?«

Der Mann räuspert sich und macht plötzlich ein Gesicht, als hätte er sich verplappert.

»Eure Freundin dort ist eine Feuerhexe, oder?«, fragt nun wieder der erste Mann und nickt in Estellas Richtung. »Aber was ist mit dem Mädchen. Ich spüre sie nicht.«

Ich werfe Annabella einen Blick zu, die neben Estella sitzt und ihrem Bruder zusieht. »Sie ist eine weiße Mag -« Ich breche ab mit dem Gedanken, dass weiße Magier in Sotton sicher auch anders heißen.

»Ah, eine weiße Hexe.« Der Mann nickt.

Oh, denke ich überrascht, es ist also doch derselbe Begriff. »Wir haben ihr einen Verdecker gegeben, damit sie sich verstecken kann.«

»Ah!«, macht der Mann erneut und es scheint auch ‚Verdecker‘ lässt sich einfach übersetzen. »Natürlich, sie ist noch sehr jung und ihr wollt sie nicht in Gefahr bringen.«

Ich nicke, während ich bemerke, wie sich der Mann etwas entspannt. Es muss ihn verwirrt haben, dass er Annabella, die seit Saram und seine Männer sich uns angeschlossen haben, sehr scheu geworden ist, nicht spüren konnte. Aber es wäre besser, wenn sie Annabella nicht so viel Aufmerksamkeit schenken.

Ein lautes Klirren ertönt und ich sehe unwillkürlich zu Mikail und Saram, die etwas entfernt von uns ihr Duell begonnen haben.

Obwohl Sarams Aura stärker ist, halte ich meinen Blick auf Mikail gerichtet. Seine Technik ist besser als Sarams, weshalb er sich nicht von ihm überwältigen lässt. Tatsächlich benutzt er seine Aura nur, um Sarams entgegenzuwirken, aber nicht um selbst anzugreifen. Vielleicht weil es nur ein Trainingsduell ist, aber seine Angriffe sind trotz fehlender Aura effektiv.

Ich kneife die Augen zusammen, während ich seinen Bewegungsabläufen folge. Es ist nicht ganz einfach, da er sich schnell bewegt und ich wünschte, ich hätte Körperkontakt, damit ich sein Muskelgedächtnis lesen kann. Aber am Ende komme ich zu demselben Schluss wie beim letzten Mal.

Mikails flüssige und gezielte Bewegungen kommen von jahrelangem Training und einer Vertrautheit mit dem Schwert, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, es in der Hand zu halten. Und passend zu seinem unbeugsamen Charakter folgt es seinem Willen so mühelos, als hätte er zuvor eine Choreografie einstudiert.

Wenn ich an mich selbst denke und wie ich in jedem Kampf improvisiere und mehr oder minder auf meinen Gegner einschlage, bis ich etwas treffe, spüre ich wieder diese Frustration in mir aufsteigen. Es kribbelt mir in den Fingern, mir ebenfalls ein Schwert zu greifen und selbst zu sehen, wie ich mich gegen Mikail schlagen würde. Aber so wie die Dinge liegen, würde Mikail sich eher kampflos geschlagen geben, als ein Schwert auf mich zu richten.

Saram scheint auch zu bemerken, dass sein Schwert Mikails unterlegen ist. Und so beginnt er sich auf das zu stützen, was er Mikail voraus hat: Aura.

Er schafft es, Mikail mehr und mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen, indem er ihn mit purer Aura angreift, wann immer Mikail zum Angriff ansetzt. Und jedes Mal unterbricht er Mikails Konzentration und den Fluss seines Schwungs, wenn dieser innehält, um einen Schild zu beschwören.

Ich schüttle mit einem Schnauben den Kopf. Das hat er davon, wenn er seinen Aura-Fluss nicht ausbildet.

In diesem Moment springen Saram und Mikail auseinander und als hätte er mein Schnauben gehört, huscht Mikails Blick zu mir.

Ich grinse und forme das Wort ‚Aura-Fluss‘ mit den Lippen. Nicht, dass ihm das jetzt helfen würde. Wenn er denn verstanden hat, was ich sagen wollte. In jeden Fall gefällt mir die Vorstellung, ihn zu verwirren, als Rache dafür, dass er sich nicht mit mir duelliert.

»Was habt Ihr ihm gesagt?!«, faucht Estella plötzlich und ich sehe sie irritiert an. Auch, weil ich völlig ausgeblendet habe, dass sie neben mir sitzt.

»Ihr habt ihn abgelenkt! Was, wenn er Euretwegen verliert?« Sie klingt aufgebracht. Und sie klingt nicht nur so, sie ist es auch. Unschwer daran zu erkennen, wie sie kaum still sitzen kann und dabei offenbar versucht, ihre Essschale zu zerbrechen.

Ich richte meinen Blick wieder auf Mikail, der tatsächlich gerade von Saram zurückgedrängt wird. Aber nicht, weil er auf mich konzentriert ist. »Oh«, mache ich beeindruckt, als ich sehe, wie sich sein Aura-Fluss verändert. Er scheint zu versuchen, seine Aura durch seinen Körper zirkulieren zu lassen, und zwar an seiner Oberfläche. Im Grunde hüllt er damit seinen ganzen Körper in einen Schild, aber natürlich macht seine Aura das nicht von allein, weshalb es ihn selbstverständlich Konzentration kostet. Aber der Vorteil ist, dass er sich nun stetig auf eine Sache konzentriert, anstatt sich sporadisch und nach Sarams Belieben um einen neuen Schild bemühen muss.

»Ihr unterschätzt Euren Verlobten«, murmle ich, während ich beobachte, wie Mikail sich fängt und seinerseits beginnt, Saram zurückzudrängen. Ich hätte nicht gedacht, dass er während des Kampfes über seinen Aura-Fluss nachdenken kann, aber wie es scheint, schwingt sein Körper sein Schwert tatsächlich praktisch von allein. »Nicht schlecht«, murmle ich, während ich weiter Mikail beobachte.

»Ich würde Mikail niemals unterschätzen. Keiner weiß so gut wie ich, wie fähig er ist.«

»Nehmt Ihr Schwertkampfunterricht?«, frage ich, bevor sie mir eine Fortsetzung des Vortrags darüber, wie nahe Mikail und sie sich stehen, halten kann.

»Wie bitte? Natürlich nicht!«, sagt Estella mit einem gereizten Unterton

»Es ist schwer einzuschätzen, wie fähig jemand anderes in einem Bereich ist, der einem selbst fremd ist.«

Sie schnappt geräuschvoll nach Luft, als hätte ich sie beleidigt. »Aber ich weiß wie viel Mühe und Arbeit er investiert und wie er sich im Vergleich mit anderen schlägt. Ich habe sicherlich nicht weniger Wissen über das Schwert als ihr.«

Ich sehe sie resigniert an. Das von einer Prinzessin zu hören, die wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben ein Schwert berührt hat, ist erniedrigend. Noch mehr, weil ich ihr nicht widersprechen kann. »Aber ich kann seinen Aura-Fluss sehen«, sage ich zu meiner Ehrenrettung.

»Das -«

Ein lauter Knall unterbricht Estella und wir beide sehen erschrocken zu den Kämpfenden.

»Mein Fehler!« Saram hebt ergebend die Hände, den Blick auf den Wagen gerichtet, der seine Aura abbekommen hat und nun etwas schief auf der Straße steht.

»Das Rad ist gebrochen«, sagt einer der Männer, der die Banditen bewacht hat.

»Was?« Saram macht ein bestürztes Gesicht.

»Wirklich toll gemacht, Boss«, sagt einer der Männer, mit denen ich mich vorhin unterhalten habe, und steht auf. Auch die anderen beiden stehen auf, um das Rad zu begutachten.

Estella erhebt sich ebenfalls, aber sie geht zu Mikail, der besorgt zum Wagen sieht. Die beiden unterhalten sich und ich rümpfe die Nase. Warum musste mich die Prinzessin gerade in diesem Moment ablenken?

Ich sehe zu Saram, der mit seinen Männern diskutiert, wahrscheinlich darüber, wie sie das Rad reparieren können. Nur einer der Männer ist nicht von der Partie. Der, der mich ständig anstarrt, und das tut er auch jetzt. So als hätte er nichts von der Aufregung mitbekommen.

Und dieses Mal beschließe ich, es nicht zu ignorieren. Ich setze ein Lächeln auf, in der Absicht, das folgende Gespräch so höflich und unangenehm wie möglich für den Mann zu machen. Aber es kommt mir jemand zuvor.

»Hey!«

Ich drehe den Kopf und sehe zu Eden, der hinter mir steht und über meinen Kopf hinweg den Mann warnend anfunkelt

»Hast du nichts zu tun?«, schnauzt Eden mit einer Kopfbewegung in Richtung des Wagens. Er spricht Ishtari, aber die Geste und sein Tonfall sind eindeutig genug.

Der Man runzelt leicht die Stirn und seine Miene verdüstert sich etwas, als er Eden ansieht. Aber er steht auf und gesellt sich zu seinen Kollegen.

»Du lächelst zu viel!«

Ich blinzle und sehe wieder zu Eden.

Er sieht mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich herab. »Machst du dir keine Gedanken darüber, was einem Mann durch den Kopf geht, wenn du ihn anlächelst?!«

Wieso sollte ich mir Gedanken über etwas machen, dass mir so scheißegal ist, denke ich resigniert. Aber die viel wichtigere Frage ist jetzt, wie werde ich Eden los? Das dachte ich zumindest. Doch zu meiner Überraschung wirft Eden einen Blick auf den Wagen und dreht sich dann um, um davonzuschlendern. Offenbar um sich davor zu drücken, helfen zu müssen.

Ich sehe ebenfalls zum Wagen und zu Mikail, der gerade auf mich zukommt. »So wie es aussieht, müssen wir das Rad reparieren, bevor wir weiterkönnen. Das wird eine Weile dauern«, erklärt er, aber sein Blick ist auf Eden gerichtet.

Ich mustere ihn.

»Worüber habt Ihr mit Eden gesprochen?«, fragt er dann und sieht wieder mich an.

Er ist also nicht hergekommen, um mir von dem Wagen zu erzählen, sondern wegen Eden. Ich hatte schon seit einer Weile den Verdacht, dass ich Edens ungewöhnliche Erträglichkeit in den letzten Tagen Mikail zu verdanken habe.

»Es war nichts Bedeutungsvolles«, antworte ich, während ich mich frage, ob ich wirklich so hilfsbedürftig auf Mikail wirke.

»Seid Ihr sicher?«

Ich schnaube leise. »Er hat gesagt, ich lächle zu viel.«

Mikail legt die Stirn in Falten. »Was für ein Unsinn!«

Ich öffne den Mund, um ihm zu sagen, dass ich ihm ja gesagt habe, dass es nichts Bedeutungsvolles ist. Aber in diesem Moment kommen mir Edens Worte in den Sinn und ich halte inne, während ich mich frage, was Mikail durch den Kopf geht, wenn ich ihn anlächle. »Ihr denkt, ich sollte öfter lächeln?«

»So habe ich es nicht gemeint«, antwortet er und schüttelt knapp den Kopf.

»Nicht?« Ich lege mir eine Hand an die Wange und schenke ihm ein strahlendes Lächeln. »Bin ich nicht schöner mit einem Lächeln auf dem Gesicht?«

Mikail blinzelt. Aber dann lächelt auch er, als hätte er verstanden, dass ich einen Witz mache. »Ihr seid schön, egal welchen Ausdruck Ihr auf dem Gesicht habt. Ihr solltet den Ausdruck zeigen, der Euch in dem Augenblick beliebt.« Er sagt es leichthin und obwohl er mich schön genannt hat, klingt es weniger wie ein Kompliment als mehr wie eine Tatsache. Und er errötet nicht oder erscheint nervös bei seinen Worten, obwohl er so leicht in Verlegenheit zu bringen ist.

»Ihr habt recht«, sage ich, während ich denke, dass Mikail sich vermutlich nicht viel dabei denkt, wenn ich ihn anlächle. Wahrscheinlich genauso viel, wie ich denke, wenn ich von einer Frau angelächelt werde. Der Gedanke bringt mir ein Lächeln aufs Gesicht, ein echtes diesmal. »Aufrichtigkeit ist das, was zählt, wenn es um Gefühle geht.« Ich sehe zu Mikail auf, der mich etwas überrascht ansieht. Aber da ich nicht in der Lage sein werde, mich noch einmal für die Anerkennung von Homosexualität einzusetzen, kann ich nicht mehr tun, als ihm Mut zuzusprechen. »Menschen mögen Euch verurteilen, wenn Ihr etwas fühlt, das ihren Erwartungen oder Vorstellungen widerspricht, aber solange es aufrichtig ist, wird Gott es niemals tun. Vergesst das nicht.«

Mikail sieht mich an, als hätte er keine Ahnung, wovon ich spreche. Aber er nickt höflich. »Ich werde daran denken, Miss Lori.« Sein verwirrter Blick ist witzig, aber in seiner Position ist es unvermeidbar, dass der Tag kommen wird, an dem er seine wahren Gefühle leugnen muss, um sein Ansehen und seinen Pflichten als Erbe von Haus Moraen gerecht zu werden. Und vielleicht geben ihm meine Worte dann ein wenig Trost, was mein Dank dafür ist, dass er mir diese Reise etwas angenehmer macht.



 

Es dauert über eine Stunde, um den Wagen so weit zu reparieren, dass er wieder fahren kann. Und selbst dann kommen wir nur langsam voran, denn das notdürftig reparierte Rad könnte erneut brechen, sollten wir schneller fahren.

Saram entschuldigt sich mehrmals dafür, aber es ändert nichts daran, dass wir nun mehr im Schritttempo vorankommen. Um den Wagen zu entlasten, laufen die Banditen jetzt hinter ihm her und ich sitze wieder auf der sandfarbenen Stute. Allein, denn Mikail und Dalton laufen ebenfalls, sodass Estella sich ein Pferd mit Annabella teilen kann und ich eins für mich habe.

»Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, Euch zu danken«, sagt Mikail, der neben mir läuft. Neben mir und seiner Schwester und Estella, die mir schon wieder vorwurfsvolle Blicke zuwirft. Was ich im Übrigen unfair finde. Wie kann ich das Problem sein, wenn Mikail schwul ist?

»Wofür?«, frage ich und versuche, sie zu ignorieren.

»Für Euren Rat, während des Kampfes. Es ist schwierig, meine Aura kontinuierlich fließen zu lassen, aber es ist definitiv wirkungsvoll. Ich bin beeindruckt, dass Ihr sofort erkannt habt, was mir Probleme bereitet und wie ich es lösen kann.« Er reibt sich das Kinn und sein Blick ist etwas abwesend, während er zu mir aufsieht, als wäre er in Gedanken bei dem Kampf.

Ich spüre, wie sich Estellas Blick in meine Wange bohrt. »Es war nicht meine Absicht, Euch zu helfen. Ich habe nur gesehen, was Ihr falsch macht und ich habe nicht erwartet, dass Ihr es im Kampf lösen würdet.«

Mikail blinzelt überrascht. Dann lächelt er. »Ich habe nur versucht, das umzusetzen, was Ihr mir beigebracht habt. Ich habe sehr viel über meinen Aura-Fluss nachgedacht, seit Ihr mich darauf angesprochen habt. Und ich habe geübt, wie Ihr es gesagt habt.«

Warum klingt er so geschmeichelt, nachdem ich ihn praktisch beleidigt habe? Und wieso schaut er nicht zur Abwechslung mal zu seiner Verlobten, die mich anstarrt, als würde sie darüber nachdenken, mich anzuzünden?

»Zuerst habe ich keinen Fortschritt mit dem Stein gemacht, aber wie Ihr gesagt habt, habe ich irgendwann Aura in meinen Fingerspitzen gespürt. Von da an habe ich mich darauf konzentriert, meine Aura dorthin zu schicken, wo sie normalerweise nicht ist. So war es mir erst möglich, sie durch meinen Körper fließen zu lassen. Ich werde versuchen, den Fluss von nun an ununterbrochen aufrechtzuerhalten, sodass ich mich bald nicht mehr darauf konzentrieren muss …«

Ich rolle mit den Augen, während Mikail fröhlich weiterplappert. Ich muss ihm nicht einmal antworten. Aber während ich ihn beobachte, kann ich auch nicht abstreiten, dass er Fortschritte gemacht hat. Und sein Gespür ist richtig. Ich habe nicht erwartet, dass er sich so viel von meinen Worten zu Herzen nimmt. Aber wie es scheint, hat er sehr genau zugehört.



 

Wegen des kaputten Wagens schaffen wir es an diesem Tag nicht mehr bis nach Anhui. Immerhin sind wir nahe genug, sodass wir die Lichter ausmachen und ich die Präsenzen der Bewohner spüren kann. Aber laut Saram schließen die Tore bei Einbruch der Dunkelheit, weshalb wir rasten, um morgen früh die Stadt zu betreten.

Saram entschuldigt sich abermals, während wir zu Abend essen, aber alle scheinen nach dem langen Weg zu müde, um sich darüber aufzuregen, dass wir erst Morgen in die Stadt können. Annabella schläft praktisch ein, sobald sie ihre Suppenschale aus der Hand gelegt hat, den Kopf in Mikails Schoß, und auch Hilena und Estella legen sich nach dem Essen ans Feuer. Und das, obwohl sie alle drei geritten sind.

Ich schmälere die Augen, während ich den Blick über die Männer wandern lasse. Eden legt sich ebenfalls hin und Dalton gähnt mit schläfrigem Blick. Jake sieht auch müde aus und Mikail schüttelt ab und an den Kopf und reibt sich die Augen, als versuche er, wach zu bleiben.

Von Sarams Männern haben sich auch ein paar hingelegt, aber keiner von ihnen schläft wirklich.

Ich schnaube leise. Warum macht man sich die Mühe, für einen kurzen Tagesmarsch zweimal eine Suppe für Fremde zu kochen? Damit man das dritte Mal Gift hineinmischen kann.

Es ist ein langsam wirkendes, aber offenbar sehr starkes Schlafmittel, dem auch Mikails Aura nicht lange entgegenwirken kann. In meinem Fall jedoch hat sich meine Selbstregeneration bereits darum gekümmert, bevor ich es bemerken konnte. Zum Glück sind meine Begleiter so schwach, denke ich, während ich mich hinlege, als wäre ich ebenfalls todmüde. Immerhin sollte ich schwächer als Mikail sein und Aura-Träger sind in der Regel robuster, weshalb ich auch vor Jake und Dalton einschlafen sollte. Dann warte ich ab.

Schließlich legt sich auch Saram und der Rest seiner Männer hin. Sogar die Banditen tun so, als würden sie schlafen und nur die beiden Männer, die als ihre Wachen eingeteilt sind, stehen noch.

Dann schläft auch Dalton ein und kurz darauf Jake. Aber ich denke, Mikail hat sich in den Kopf gesetzt, wach zu bleiben. Vielleicht weil er merkt, dass etwas nicht stimmt, oder einfach weil er Saram immer noch nicht ganz vertraut. Wenn er auch letzte Nacht versucht hat, wach zu bleiben, würde das erklären, warum er so müde gewirkt hat.

Es dauert noch fast eine Stunde, ehe er endlich das Bewusstsein verliert und dann noch einmal ein paar Minuten, in denen Saram und seine Männer wohl sichergehen wollen, dass er wirklich schläft. Dann kommt Bewegung in sie.

Es klirrt, als den Banditen ihre Handschellen abgenommen und dann umgehend Mikail angelegt werden.

»Hätt echt nicht gedacht, dass der so lang durchhält«, höre ich Saram sagen und er klingt plötzlich nicht mehr wie der Mann, der sich noch vor ein paar Stunden mehrmals bei uns entschuldigt hat. »Ich dachte, ich könnts locker mit ihm aufnehmen, aber scheiße der kann mit nem Schwert umgehen.« Er lacht und klingt äußerst selbstzufrieden.

Auch Jake, Dalton und Eden bekommen jetzt Handschellen und ich spüre, wie jemand auf mich zukommt und neben mir in die Hocke geht. Es klirrt leise, als hätte auch er Handschellen für mich. Da er aber nichts weiter tut, vermute ich, dass es der Kerl ist, der mich fast ununterbrochen angestarrt hat.

»Boss«, sagt er dann, aber ich kann spüren, dass er mich noch immer anstarrt. Noch unverhohlener und gieriger als zuvor und ich erschaudere unwillkürlich, während meine Haut zu jucken beginnt. Aber ich warte weiter ab.

»Hey!«, ertönt Sarams Stimme kurz darauf. »Du kennst die Regeln: Die Ware wird nicht angefasst!«

»Ich habe noch nie so ne schöne Frau gesehen«, sagt der Mann, als hätte er Saram nicht gehört. »Nur dieses eine Mal.« Er streckt die Hand nach mir aus.

»Nein!« Sarams Stimme kommt näher. »Sie ist eine Priesterin, was bedeutet, sie ist noch Jungfrau. Stell dir vor, wie viel Geld wir für sie bekommen.« Er geht nun ebenfalls neben mir in die Hocke. »Die Bieter werden sich überschlagen, ein Juwel wie sie in die Finger zu bekommen und wir kriegen einen Haufen Geld.«

Der Mann gluckst, als würde ihn die Aussicht auf eine Menge Geld in gute Laune versetzen. Aber wie ich es mir dachte, sind Saram und seine Männer nur Laufburschen, die Menschen entführen, wahrscheinlich für die Organisation, die Saram erwähnt hat, die die Entführten dann bei einer Auktion versteigert. Ich denke, das ist mehr als genug.

»Was denkst du, wie hoch der Preis für sie sein wird?«, fragt der Mann, immer noch glucksend.

»Oh, es existiert nicht genug Geld auf dieser Welt, um mich zu kaufen«, sage ich und öffne die Augen.

Der Mann schnappt erschrocken nach Luft und purzelt nach hinten, als er übereilt vor mir zurückweicht.

Auch Saram steht auf und macht einen Schritt zurück.

Ich setze mich auf und kichere. »Es ist zu früh, sich in die Hose zu scheißen«, sage ich mit einem höhnischen Blick auf den Mann, der auf seinem Hintern sitzt.

»Sena Lori«, sagt Saram, bemüht seinen Schock mit einem Lächeln zu kaschieren. »Ihr seid wach.«

»Peinlich, oder? Verlasst ihr euch immer darauf, dass eure Opfer eure Unfähigkeit ausgleichen, indem sie brav mitspielen?«

Saram lacht ein hohles Lachen. »Wie ich sehe, hast du uns bisher etwas vorgemacht«, sagt er, jetzt ohne sich die Mühe zu machen, förmlich zu sprechen. »Glückwunsch, wir sind darauf hereingefallen und haben eine Bluthexe unterschätzt. Mein Fehler.«

Ich sehe ihn an, wobei ich feststelle, dass ihn mein Wachsein mehr aus der Ruhe bringt, als er zugibt. Dann gebe ich ein abfälliges Schnauben von mir. »Ich habe euch etwas vorgemacht?«, wiederhole ich und stehe auf. Ich klopfe den Dreck von meinen Kleidern. »Wie arrogant. Als ob ich mir die Mühe machen würde, ein paar dreckigen Menschenhändlern etwas vorzumachen.« Ich lege den Kopf schief und sehe Saram wie den Abschaum an, der er ist und er weicht unwillkürlich einen Schritt zurück, die Hände erhoben.

Aber er behält sein Lächeln auf dem Gesicht, als wolle er mir zeigen, dass er sich nicht einschüchtern lässt. »Und was jetzt? Selbst wenn du es schaffst, deine Begleiter aufzuwecken, wir haben ihnen allen Handschellen angelegt. Du bist ganz allein.«

Mein Blick huscht zu Mikail und den anderen, die tatsächlich alle Handschellen tragen, wodurch sie nun nicht einmal mehr unterbewusst gegen das Schlafmittel ankämpfen können. Was wohl ohnehin nur Mikail, Jake und Dalton gekonnt hätten und ich denke, selbst Mikail hätte Probleme gehabt, in der nächsten Stunde aufzuwachen. Aber sicher ist sicher.

Ein breites Grinsen erscheint auf meinem Gesicht, als ich wieder Saram ansehe. »Wieso sollte ich sie aufwecken wollen?«, frage ich amüsiert. »Nachdem ihr mir die Arbeit abgenommen habt, sie einzuschläfern.«

Saram macht ein verwirrtes Gesicht, während sich sein Herzschlag nervös beschleunigt.

Ich kichere und schnippe mit den Fingern, um eine Barriere um uns herum zu erschaffen, die verhindert, dass irgendjemand diesen Bereich betreten oder verlassen kann. »Dachtet ihr, ihr seid die bösen Jungs?« Ich breite die Arme aus, löse meine Debuffs und atme tief ein. »Aber ich bin viel schlimmer.«

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