Tod der Heiligen
XXXIV.
Auf meine Worte folgt Schweigen. Dann klatscht Saram in die Hände. »Mutig bist du, das lass ich dir.«
Ich lächle unbekümmert und genieße das Gefühl meines leichten, nicht durch Debuffs geschwächten Körpers. Auch wenn es sich noch besser anfühlen würde, wenn ich keinen Mana-Stau hätte. Mein Schädel dröhnt.
»Wann bist du dahinter gekommen?«
Ich massiere meine Schläfe, als würde ich nachdenken. »Na ja, es ist sehr verdächtig, wenn dir jemand Gift ins Essen mischt, oder?«, sage ich und ignoriere Sarams offensichtlichen Versuch auf Zeit zu spielen, während seine Männer mich unauffällig umzingeln. So als hätten sie Angst, ich würde weglaufen. Der Gedanke lässt mich kichern. »Oder wenn jemand absichtlich ein Rad am Wagen zerstört.« Ich hebe die Hände und zucke mit den Schultern, als wäre das hier ein lustiges Ratespiel. »Oder wenn die Banditen, die ihr in Gewahrsam nehmen sollt, keine Angst vor euch haben? Oder wenn ihr von zwei entführten Mädchen wisst, obwohl ihr behauptet, keiner im Dorf würde mit euch sprechen?« Ich höre auf zu lächeln. »Oder wenn die Mutter dieser Mädchen einen geistigen Zusammenbruch erleidet, kurz bevor ihr ins Dorf kommt?«
Sarams Augen schmälern sich.
»Wollt ihr wissen, welcher dieser Gründe mich dazu gebracht hat, euch zu verdächtigen?«, frage ich und breite dann die Arme aus. »Gar keiner! Ich erwarte einfach grundsätzlich das schlechteste von Menschen!« Mein Blick zuckt zur Seite zu dem Gaffer, der wohl versucht, aus meinem peripheren Sichtfeld zu treten.
»Du bist clever, aber nicht clever genug.« Saram legt seine Hand auf sein Schwert. »Oder vielleicht bringt man Priesterinnen das Zählen nicht bei? Wir sind 19. Und du bist allein.«
»Das stimmt«, räume ich ein und nicke. »Aber es sind 19 Männer wie du. Also beschränkte Trampel, die sogar gegen ein naives Prinzlein verlieren, das noch weniger Aura hat.« Ich deute auf Mikail.
Auf meine Worte hin verdüstert sich Sarams Miene deutlich. »Ich habe nicht versucht, ihm etwas zu tun. Und selbst wenn er stärker als ich wäre, du bist es nicht.«
Ich blinzle verdutzt. Und dann geht mir ein Licht auf. »Ah!«, mache ich und greife nach der Kette, die ich dem Anführer der Banditen geklaut habe und die momentan eine Mana-Quelle vortäuscht, die mich wie eine gute Rang C Magierin wirken lässt. »Wisst ihr, was ich an Kriminellen witzig finde? Aus irgendeinem Grund haltet ihr eure Opfer für grundehrlich.« Ich tauche meine Hand in meinen Schatten und packe eins meiner Schwerter. »Dabei solltet ihr doch am besten wissen, dass man Fremden nichts glauben sollte.« Ich ziehe mein Schwert und schwinge es auf den Mann zu, der mich schon wieder mit seinen widerlichen Augen anglotzt.
Er stößt einen Schrei aus, schlägt sich die Hände vors Gesicht und taumelt zurück. Blut sickert zwischen seinen Fingern hindurch. »M-Meine Augen!«, kreischt er und geht in die Knie.
»Du solltest mir danken«, spotte ich und schüttle das Blut von meiner Klinge. »Sie waren so hässlich, ich bin sicher nicht die Erste, die sie dir aus dem Kopf schneiden wollte.«
»Woher hat sie das Schwert?«
»Eben war es noch nicht da!«
Die Männer um mich herum scheinen endlich etwas wachsamer zu werden.
»Sie ist keine Bluthexe!«
Ich richte meinen Blick überrascht auf Saram, der einen Satz zurück gemacht hat und nun sein Schwert in Händen hält. »Sie ist eine Schattenhexe!«
»Oh«, mache ich, denn ich hätte nicht gedacht, dass er sofort errät, wo ich das Schwert hergenommen habe. In Ishitar ist Schattenmagie geächtet, daher wüssten die wenigsten, dass mit ihrer Hilfe Gegenstände im Schatten gelagert werden können. Ich hatte die Hoffnung, dass das in Sotton anders ist, aber es wundert mich, dass Saram behauptet, ich wäre keine Bluthexe.
»Beruhigt euch, Jungs«, sagt Saram und er hat plötzlich ein Grinsen auf dem Gesicht. »Schattenhexen sind schlüpfrig, aber schwach.«
Ich lache auf. Ich kann nicht anders in Anbetracht der Dummheit dieser Aussage. »Hört auf euren Boss, Jungs, wenn es wehtut, ist das nur Einbildung.« Ich schwinge mein Schwert spielerisch, aber trotz Sarams Worten, scheint keiner der Männer die Initiative ergreifen zu wollen. »Ist es nicht so, Glotzkopf?« Ich sehe zu dem Mann, der immer noch auf dem Boden kauert und dem keiner seiner Kameraden zu Hilfe eilen will. Ich gluckse. Keine Hilfsbereitschaft unter Menschenhändlern. Dann steche ich mit meinem Schwert in meinen Schatten.
Schattenmagie hat, trotz ihres schlechten Rufs in Ishitar überwiegend passive Eigenschaften, daher verstehe ich, weshalb Saram meint, sie wäre schwach. Aber es ist Nacht, die Zeit, in der man die größten und tiefsten Schatten erzeugen kann.
Das Lagerfeuer, als einzige Lichtquelle der Umgebung, lässt meinen Schatten mit der Dunkelheit verschwimmen und auf diese Weise ist praktisch jeder Schatten mit meinem verbunden. Sowohl der von Saram als auch mit dem vom Glotzkopf.
Meine Klinge schießt unter letzterem aus dem Boden und da er noch immer vornüber gebeugt dasitzt, die Hände über die Augen gepresst, und sein Leid beklagt, bemerkt er sie gar nicht. Aber dann kommt sein Gejammer mit einem Röcheln zum Ende, als mein Schwert seine Kehle durchbohrt.
Er sackt leblos zusammen.
»Und da waren es nur noch 18«, sage ich, während ich mein Schwert wieder aus meinem Schatten ziehe. Blut läuft die Klinge hinunter. »Ihr solltet in die Puschen kommen, bevor ihr euren einzigen Vorteil verliert.«
Saram knirscht mit den Zähnen. Aber sein Blick huscht an mir vorbei. Um den Männern hinter mir ein Zeichen zu geben, wie es scheint, denn kurz darauf wird mein Arm mit dem Schwert gepackt. Zur gleichen Zeit stürmt ein zweiter von der anderen Seite auf mich zu, mit erhobener Faust.
Ich rümpfe die Nase, während ich Mana in den Arm des Mannes schicke, der mich gepackt hat, und seine Knochen zertrümmere. Er heult auf und springt zurück.
»Ich kann es nicht leiden, angefasst zu werden«, brumme ich und drehe den Kopf dem anderen Mann zu, der völlig entgeistert erstarrt ist. Seine Faust, die er mit Aura verstärkt hat, ist in meinem Schatten verschwunden. Ich musste nicht einmal etwas dafür tun. Mein Schatten verschluckt feindliche Energie, die schwächer ist als meine, ganz von selbst.
Ich lasse mein Schwert los, das wieder in meinem Schatten verschwindet, und hebe die Hand. Mit einem Fingerschnippen von mir erscheint eine Lichtkugel, die meinen Schatten um den Arm des Mannes verschwinden lässt, und mit ihm, den Teil seines Arms, der in meinem Schatten steckt.
»Eh?« Der Mann starrt auf seinen Armstummel, als hätte er noch nicht begriffen, was passiert ist.
Ich ziehe derweil mein Schwert mit der anderen Hand wieder aus meinem Schatten und steche nach hinten. Einer der Männer mit einem Schwert dachte, er könnte mir in den Rücken stechen, während ich von den anderen beiden abgelenkt bin. Aber die Lichtkugel hat ihn geblendet und er hat die Arme hochgerissen, um seine Augen zu schützen. Und dabei mein Schwert in den Bauch bekommen.
Ich reiße es heraus und benutze es, um dem Mann mit dem Armstummel die Kehle aufzuschneiden. Er war noch nicht mal so weit zu schreien, aber er hat eine Menge Blut auf mich gespritzt. »Widerlich«, murmle ich und wirke einen Läuterungszauber.
Und dann stürzt sich Saram auf mich.
Ich bin so überrascht, dass ich es beinah versäume mein Schwert hochzureißen. Und ich muss meine Arme buffen, nur um sein Schwert an mir vorbeizuleiten. Dabei mache ich einen Schritt zurück und Saram holt aus und unsere Schwerter krachen erneut gegeneinander.
»Ich bin beeindruckt, dass du nicht weiter deine Männer vorschickst, um für dich zu sterben«, spotte ich, während ich ihn über unsere gekreuzten Klingen hinweg angrinse. Und so als wäre mir entgangen, dass einer der Männer, der der den Wagen gefahren ist, dabei ist wegzulaufen. »Hoffentlich stirbst du nicht so schnell wie die vier Schwächlinge eben.«
»Drei!«, knurrt Saram und Hass funkelt in seinen Augen, ehe er mehr Druck ausübt und ich mich zur Seite drehe, um auszuweichen. Unsere Klingen lösen sich voneinander.
Ich werfe einen kurzen Blick zu dem Mann, dessen Arm ich zertrümmert habe. Er ist dabei rückwärts vor mir wegzukriechen und umklammert dabei wimmernd seinen Arm. Aber er ist unbestreitbar lebendig.
»Ah, mein Fehler«, sage ich und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf Saram. Dann schnippe ich mit den Fingern und lasse das Mana im Arm des Mannes sein Herz angreifen. »Jetzt sind es vier.«
Sarams Augen huschen zu dem Mann, der zusammengebrochen ist und nun regungslos auf dem Boden liegt. Er schluckt hörbar und als sich sein Blick wieder auf mich richtet, liegt Unsicherheit darin. »Wer bist du?«, fragt er mit rauer Stimme.
»Wieso interessiert dich das plötzlich?«, frage ich und amüsiere mich über die Vorstellung seiner Reaktion, sollte ich ihm verraten, wer ich bin.
»Du bist keine Priesterin. Wer bist du?«
Ich muss kichern. »Diese Treffsicherheit bei all den Lügen eine der wenigen Wahrheiten anzuzweifeln.«
Sarams Augen schmälern sich, aber er sagt nichts, als wäre er unschlüssig.
Jemand anderes ist es dafür nicht. »Aufhören oder er stirbt!«
Ich habe ein Déjà-vu, denke ich, während ich meinen Blick auf den Mann richte, der in großer Eile etwas ans Lagerfeuer zerrt. Wohl damit ich sehen kann, wen von meinen Begleitern er als Geisel genommen hat.
Ich stöhne, als ich sehe, wer es ist. »Soll das ein Witz sein?«, rufe ich und hebe empört die Hand, um auf Jake zu deuten, den der Mann an den Haaren gepackt hält. »Den?«
Der Mann, den ich als einen derer erkenne, die so freundschaftlich mit Jake geplaudert haben, presst sein Schwert an Jakes Hals. »Ich töte ihn!«
»Ja, ja, gib mir einen Moment.« Ich wedle mit der Hand in seine Richtung, um ihm zu signalisieren zu warten.
»Ich meine es ernst!«, brüllt er und Blut beginnt von Jakes Hals zu fließen.
»Ich weiß«, sage ich und hebe die Hände. »Aber ich muss noch entscheiden, ob ich den Kerl auch retten will.«
Der Mann starrt mich an, als wüsste er nichts mit dieser Antwort anzufangen.
Saram ist derweil still, vermutlich, weil er in meinem Sichtfeld steht. Dafür spüre ich, wie zwei seiner Männer, die hinter und links von mir stehen, ihre Aura aufbauen.
»Wie du willst!«, knurrt der Mann, der Jake als Geisel hält, und zieht seinen Kopf noch weiter zurück, während er den Griff seines Schwerts unter Jakes Kinn hält.
Ich schnalze mit der Zunge. Dann teleportiere ich mich hinter ihn und versenke mein Schwert in seinem Rücken, bevor er Jake die Kehle durchschneiden kann. »Das hast du davon, Leute zu hetzen«, zische ich, während der Mann sich krümmt. Er lässt sein Schwert und Jake los, der daraufhin nach vorne fällt. Mit dem Gesicht Richtung Lagerfeuer.
Ich lasse eine Lichtkugel hinter dem Mann aufleuchten, damit er einen Schatten wirft und ich mich direkt ans Lagerfeuer neben Jake teleportieren kann. Wo ich mich auf die Knie fallen lasse und ihn auffange, bevor sein Kopf auf einen der Steine um das Lagerfeuer herum krachen kann. Dafür kracht mein Knie ziemlich heftig auf irgendetwas Hartes.
Ich verziehe das Gesicht und ärgere mich darüber, mich so beeilt zu haben. Und wenn sein Kopf auf die Steine geflogen wäre, er hätte sowieso nichts gespürt. Und er wäre schon nicht gestorben. Warum zur Hölle muss ich mein Knie für einen verfluchten Alistair verletzen?!
Ich zerre ihn vom Feuer weg und drehe ihn auf den Rücken. Seine Haare an der Stirn sind etwas angesengt. Aber ich wuschle die Asche weg, heile und läutere ihn und er sieht wieder fast so aus wie vorher.
Er wird schon nichts merken, denke ich und schiebe ihn von meinem Schoß, um aufzustehen.
»Teleportation ist schön und gut«, sagt Saram und klingt plötzlich wieder verdächtig arrogant. »Aber was machst du jetzt.«
Ich sehe mich um.
Seine Männer haben sich neu aufgestellt, aber diesmal nicht, um mich zu umzingeln. Sie stehen bei meinen Begleitern.
»Du kannst sie nicht alle retten«, sagt Saram, mit einem siegesgewissen Funkeln in den Augen. »Und Karn sollte bald mit Verstärkung hier sein.«
»Karn? Ist das der Kerl, der vorhin weggerannt ist?« Ich nehme an, Saram denkt, dass er mittlerweile weit genug weg ist, sodass ich ihn nicht mehr einholen könnte, selbst mit meiner Teleportation. Aber da er damit beschäftigt ist, verzweifelt auf meine Barriere einzuschlagen, muss ich das auch nicht.
»Ganz genau. Er ist der schnellste von uns und selbst du hättest keine verdammte Chance gegen unseren Boss. Aber zum Glück ist seine Hilfe doch überflüssig geworden.« Saram lacht, während er sein Schwert zurück in die Scheide steckt. »Wär mir echt peinlich gewesen, wenn ich das vermasselt hätte.«
Einige der Männer stimmen in sein erleichtertes Gelächter ein.
»Warum bin ich nicht früher darauf gekommen? Leute von deinem Schlag sind alle gleich. Eine große Klappe, aber wenn es um das Leben ihrer Liebsten geht, kriechen sie für dich im Dreck.« Er lacht lauter und seine Männer tun es ihm nach, als hätte er einen Witz gemacht.
»Sie sind nicht meine Liebsten«, sage ich und sehe mit einem missbilligenden Blick auf Jake hinab. »Aber ich brauche sie noch, also läuft das für euch aufs selbe hinaus.« Ich richte meinen Blick wieder auf Saram, der mich immer noch erfreut angrinst. »Ich denke, ich würde sogar einem Fremden das Leben retten, wenn ich dadurch Abschaum wie euch den Tag vermiese.«
Saram schnaubt. »Große Worte für jemanden, der gerade mächtig in der Scheiße steckt.«
»Sagt wer?«
Er runzelt die Stirn. Dann nickt er mit dem Kinn in Jakes Richtung. »Du hast deine Schwachstelle verraten, als du den Kerl da gerettet hast. Selbst wenn du es schaffst, einen deiner Freunde zu retten, töten wir einen und haben noch fünf andere Geiseln.« Er breitet die Arme aus. »Du kannst sie nur retten, wenn du dich brav ergibst.«
»Hm …«, mache ich unbeeindruckt. Dann hebe ich meine Hand und schnippe mit den Fingern. Drei Sekunden vergehen. Dann brechen alle Männer außer Saram zusammen.
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