Tod der Heiligen
XXXVI.
Saram erwidert meinen Blick mit bebenden Augen, als könne er ihm kaum standhalten. »W-Was meint Ihr damit?«, fragt er mit dünner Stimme.
»Ich meine den Boss, mit dem du so herumgeprahlt hast.« Ich richte mich auf und breite die Arme aus. »Ich bin ein sorgfältiger Mensch, weißt du? Und pingelig bin ich auch. Ich kann unmöglich in einer Stadt mit dreckigen Menschenhändlern wohnen, selbst wenn es nur ein Tag oder zwei sind. Ich habe Ansprüche, verstehst du?«
»I-Ich soll dem Boss ein M-Messer in den Rücken rammen? A-Aber er ist - «, stottert Saram und fuchtelt panisch mit den Händen herum.
»Das ist eine Redewendung!«, unterbreche ich ihn. »Du sollst ihn verraten. Genauer, du sollst mir verraten, wo dein Boss und der Rest von eurem Rudel sind.«
Saram starrt mich an, als wäre das nicht weniger furchteinflößend.
»Oho!« Ich lege mir eine Hand ans Kinn und beuge mich etwas vor. »Du hast wirklich Angst vor deinem Boss, hm?« Da Saram Rang B ist, müsste sein Boss mindestens ein Rang A sein. Oder noch höher. In jedem Fall muss er verschwinden. Ich weiß nicht, an wen genau Tula ihre Nachricht geschickt hat, aber ich gehe davon aus, dass nicht nur Saram und seine Männer von uns wissen. Was bedeutet, dass dieser Boss uns aufsuchen wird, wenn seine Männer spurlos verschwinden. Und ich kann nicht darauf hoffen, dass sie meine Begleiter noch einmal für mich ausknocken.
»Was ich gesagt habe, stimmt. Selbst wenn Ihr stark seid, der Boss ist ne Nummer zu groß.«
Ich lege den Kopf schief. »Willst du sagen, ich bin ein Feigling?«
»Nein!« Saram reißt die Hände hoch und schüttelt hastig den Kopf.
»Dann hältst du mich für einen Dummkopf?«
Er schüttelt noch heftiger den Kopf.
»Wieso hockst du dann immer noch nutzlos auf dem Boden herum? Habe ich nicht gesagt, dass ich zu deinem Boss will?«
»Aber die Tore sind - !«
Mit einem Zischen setze ich mein Mana frei und presse Saram flach auf den Boden. »Denkst du, ich bin dämlich?!«, knurre ich, während Saram unter dem Druck meines Manas röchelt. »Du hast so arrogant davon gebrabbelt, dass dein Laufbursche Alarm schlägt und jetzt willst du mir erzählen, er wäre nicht einmal in die Stadt gekommen?«
Sarams Antwort ist ein Winseln, das verstummt, als ich meinen Fuß auf seinem Kopf platziere und sein Gesicht in den Boden drücke.
»Mache ich den Eindruck, als hätte ich viel Geduld?« In Wahrheit brauche ich Saram nicht. Weder um in die Stadt zu kommen, noch um seinen Boss zu finden, aber es wäre zeit- und arbeitsaufwändiger für mich.
Ich nehme den Fuß von Sarams Kopf und gebe ihm stattdessen einen Tritt, der ihn auf die Seite befördert. »Los jetzt. Ich hab nicht die ganze Nacht Zeit.«
Diesmal versucht er nicht, mir zu widersprechen, sondern rappelt sich auf. »D-Dort entlang«, murmelt er und deutet auf die Stadt. Nur um dann zögerlich die Hand zu senken und zu bleiben, wo er ist, wohl weil er sich an meine Barriere erinnert.
Ich packe ihn am Kragen und ziehe ihn in einen Schatten, um uns aus der Barriere zu teleportieren. Etwas, das Saram so sehr überrascht, dass er hustend und japsend in die Knie geht.
Ich stöhne. »Kannst du aufhören, so erbärmlich zu sein? Wir sind gerade mal einen Meter teleportiert!«
Saram bemüht sich, hastig wieder auf die Füße zu kommen.
Ich schüttle den Kopf. »Typen wie du sind alle gleich. Große Töne spucken, aber heulen, wenn man mal für eine Sekunde die Luft anhalten muss.«
»H-Hier entlang.« Saram geht nicht auf meine Worte ein, sondern geht mit gesenktem Kopf auf Anhui zu.
Ich folge ihm. Da ich nicht annehme, dass der geheime Weg hinein, den der Menschenhändlerring benutzt, in der Nähe des Haupteingangstors ist, schätze ich, dass wir einen längeren Fußweg vor uns haben. Jedenfalls lang genug für ein Gespräch.
»Ich weiß, du bist ein bisschen dämlich, aber wie kann es sein, dass dir gar nichts Merkwürdiges an unserer Gruppe aufgefallen ist?« Ich denke, Menschen, die dabei sind, jemanden hinters Licht zu führen, glauben die Oberhand zu haben und sind dadurch weniger vorsichtig. Aber wie man es auch dreht und wendet, meine Begleiter und ich sind definitiv verdächtig. »Haben deine Untergebenen dir nicht erzählt, wie ich sie behandelt habe, bevor der Rest von euch aufgetaucht ist?«
Saram wirft mir einen Blick zu.
Als wir uns zum ersten Mal gesehen haben, hat er mir mein Gehabe vielleicht abgenommen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Banditen ihm nicht erzählt haben, dass ich sie bedroht und provoziert habe. Es hätte sie stutzig machen sollen, aber Saram war mir gegenüber kein bisschen skeptisch.
»… ist es nicht normal, sich Stärke unterzuordnen?«, murmelt Saram kleinlaut.
Ich schnaube. »Du dachtest also, ich bin wie du, und blöke nur Leute an, wenn ich denke, dass sie schwächer als ich sind? Von mir aus, aber haben sie dir nicht noch mehr erzählt?«
Er sieht mich verunsichert an, als wolle er lieber nicht raten und etwas Falsches sagen.
»Zum Beispiel von jemandem mit wechselnder Haarfarbe?«
Sarams Augen leuchten auf und er erscheint erleichtert, dass ich ihm verrate, was ich wissen will. »Ihr seid wichtige Leute aus eurem Land und Soa Stella wollte nicht riskieren erkannt zu werden. Rote Haare habe ich noch nie gesehen. Es wäre auffällig gewesen.«
»Und dir fällt niemand aus Ishitar ein, der rote Haare hat?«, frage ich, schließlich hat die Königsfamilie rote Haare. Jedenfalls teilweise. Der Kronprinz hat die blonden Haare der Königin geerbt, aber Estellas Haar ist so rot wie das des Königs.
Saram schüttelt den Kopf. »Ich weiß nichts über euer Land.«
»Wie würdest du deinen Bildungsstand einschätzen?«, frage ich weiter, woraufhin Saram ein verwirrtes Gesicht macht.
»Ich frage, ob jemand anderes in deiner Situation dieselben Schlüsse gezogen hätte oder ob du einfach überdurchschnittlich doof bist.«
Saram blinzelt und macht ein so ratloses Gesicht, dass ich nur seufzen kann. »Vergiss es.«
Nachdem wir eine Weile entlang der Stadtmauer gelaufen sind, bleibt Saram schließlich vor einem Gebüsch stehen. Als er es beiseite schiebt, kommt dahinter ein Loch in der Mauer zum Vorschein.
»Das ist es?«, frage ich enttäuscht. Ich hatte auf einen raffinierten Mechanismus oder etwas Magie gehofft, aber ein Loch ist so langweilig. Und es beweist mir noch einmal, dass die Stadtwache von Anhui nichts taugt. Nicht nur lassen sie sich von Menschenhändlern imitieren, sie übersehen ein wortwörtliches Loch in der Stadtverteidigung. An diesem Punkt müssen sie sich gar nicht mehr die Mühe machen, das Tor zu schließen.
»Es ist dunkel und etwas dreckig«, sagt Saram, als wäre das nicht offensichtlich, und geht auf alle Viere. »Ich gehe vor und schaue, ob die Luft rein ist.«
Ich verschränke die Arme vor der Brust. Ich weiß nicht, ob seine plötzliche Proaktivität von seinem Bedürfnis stammt, mich milder zu stimmen oder ob er denkt, er könnte mich abhängen, indem er als erster durch das Loch krabbelt. In keinem Fall scheint er daran zu denken, dass ich es nicht nötig habe, mir Hände und Knie schmutzig zu machen.
Ich teleportiere mich auf die andere Seite der Mauer und finde mich in einem kleinen Lagerschuppen wieder. Durch ein Fenster in der Tür scheint das Licht einer Laterne von draußen herein und ich kann sehen, dass sich nicht viel im Schuppen befindet. Wahrscheinlich gehört er den Menschenhändlern, damit das Loch nicht zu offensichtlich ist.
Es wird von einer Kiste verborgen, in der sich ein paar Wolldecken befinden, die aussehen, als würden sie bald mit dem Holz der Kiste zusammenwachsen. Weitere Kisten stehen an der Wand, aber die sind leer. Anscheinend wissen sie nicht einmal etwas mit dem Lagerraum anzufangen, abgesehen davon, ihn als Tarnung für das Loch zu benutzen.
Ich drehe mich zu der Kiste mit den Wolldecken um, als sie geräuschvoll über den Boden geschoben wird.
Saram kriecht aus dem Loch hervor und klopft sich den Dreck von der Kleidung. Dann dreht er sich zu dem Loch um und schaut hinein. Er holt Luft, nur um sich dann abrupt aufzurichten und vom Loch abzuwenden. Er rauft sich die Haare und sieht zur Tür. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!«, zischt er dann und verpasst der Kiste mit den Wolldecken einen Tritt.
»Ringst du mit deinem Gewissen?«, frage ich und Saram stößt einen Schrei aus. Er wirbelt herum und starrt mich so entgeistert an, als wäre meine Anwesenheit völlig überraschend.
Ich schüttle den Kopf. »Wozu die Mühe, wenn du keins hast?«
Saram senkt mit geballten Fäusten den Blick. »Ihr-Ihr werdet mich töten, oder?«
Ich lächle trocken, als mir durch den Kopf geht, dass er nicht frustriert darüber ist, dass er seine Kollegen verraten muss. Sondern darüber, dass ihm das nicht das Leben retten wird. »Fühlst du dich wie Vieh, das zur Schlachtbank geführt wird?«
»Ich kann nützlich für Euch sein!« Saram legt sich eine Hand auf die Brust und sieht mich hoffnungsvoll an. »Ich kenne mich aus und kann Euch alles beschaffen, was Ihr wollt! Informationen, Geld oder -«
»Du meinst das Geld, dass du damit gemacht hast, Menschen zu verkaufen?«
Saram erstarrt.
Ich mache einen Schritt auf ihn zu. »Selbst wenn ich Interesse an dem verseuchten Geld aus deinen dreckigen Fingern hätte, opferst du nicht gerade deinen früheren Arbeitgeber, um deinen Arsch zu retten? Wirklich sehr vertrauenerweckende Referenzen, die du da hast.« Ich beuge mich zu ihm vor und senke die Stimme. »Und wenn du ab jetzt noch einmal meine Zeit verschwendest, verlierst du dafür ein Körperteil, verstanden?«
Saram beginnt zu zittern und zieht den Kopf ein. Seine Muskeln sind angespannt und sein Herz pumpt hektisch.
Mit einem leisen Schnauben trete ich zurück und Saram geht hastig auf die Tür zu. »H-Hier entlang«, murmelt er, ohne mich noch einmal anzusehen.
Ich hole meine Maske und einen Umhang aus meinem Schatten und lasse dafür den dunkelroten Schal verschwinden. Dann gehe ich durch die Tür, die Saram für mich offen hält.
Er wird versuchen abzuhauen. Wahrscheinlich während ich mit seinem Boss beschäftigt bin. Männer wie er sind zu feige, um es zu wagen, mich hinterrücks anzufallen, wenn sie glauben, ich wäre abgelenkt. Aber wer weiß. Vielleicht überrascht er mich.
Als ich aus dem Lagerschuppen trete, stehe ich in einer kleinen Gasse. Links und rechts von mir reihen sich weitere ähnliche Holzschuppen aneinander, aber gegenüber befinden sich Häuser aus Stein, wenn auch kleine.
Ich drehe mich um und sehe die Stadtmauer hinauf. Sie ist nicht allzu hoch und sieht aus, als könnte es noch mehr Löcher in ihr geben. Nicht, dass mich das überrascht. Dass eine Kleinstadt überhaupt eine Mauer hat, ist keine Selbstverständlichkeit und sie instand zu halten kostet Geld, ohne dabei etwas zu leisten, wenn man nicht gerade angegriffen wird. Was mich daher überrascht, sind die Lichter, die an der Mauer befestigt sind und die Gasse erhellen. Sie sollen wohl helfen, etwaige Eindringlinge, die über die Mauer klettern, zu entdecken, denn sie sind in gleichmäßigen Abständen an der Mauer angebracht, sodass kein dunkler Fleck bleibt. Sie werden also instand gehalten, denke ich, während ich versuche, das Licht über mir genau zu betrachten, ohne dabei geblendet zu werden.
Es sind keine Fackeln, sondern verzauberte Gegenstände. Soweit ich es erkennen kann, handelt es sich um ein Medium, das einen beliebigen Zauber speichern und mit Mana versorgen kann. Nur einen einfachen Zauber wie dieses schlichte Leuchten, aber das zur Verfügung gestellte Mana wird im Medium zu Lichtmagie konvertiert. Die einzige Voraussetzung dafür scheint das Leuchten selbst zu sein. Was bedeutet, wäre dort eine Flamme, würde das Medium das Mana in Feuermagie umwandeln. Mit solch einem Medium könnte man sämtliche verzauberte Gegenstände personalisieren und alltagstauglich machen, und genau das scheint hier der Fall zu sein.
Es ist im Grunde eine simple Funktion, aber Konvertierung ist mit das Schwierigste bei der Herstellung verzauberter Gegenstände. Ich kann komplizierte und vielschichtige Zauber in Gegenständen speichern, sogar in solchen, die zufällig gewählt und ungeeignet sind. Aber mir ist es noch nie gelungen, eine meiner Verzauberungen auch nur für andere Lichtmagier nutzbar zu machen, geschweige denn für Magier anderer Spezialisierung oder gar Aura-Träger.
Ich will nicht ausschließen, dass es diese Konverter in Ishitar gibt, aber sie wären zu teuer, als dass eine Stadt, die offenbar an der Stadtmauer als auch an der Wache gespart hat, sie sich leisten könnte. Und ganz gewiss nicht, nur um als Lichtquelle zu dienen.
Es ist wie mit der Briefbox, die für Tula ein ganz normaler Gegenstand zu sein schien. Das bestätigt die Gerüchte, die ich darüber gehört habe, dass in Sotton verzauberte Gegenstände zum Alltag gehören, und das nicht nur für den Adel.
»Dort entlang.«
Dem Drang widerstehend eines der Lichter zu klauen, um es genauer zu untersuchen, richte ich meinen Blick auf Saram.
Er deutet die Gasse hinunter.
Richtig, denke ich und ziehe meine Kapuze zurecht, die beim Hinaufschauen verrutscht ist. Ich bin nicht hier, um die Stadt zu erkunden. »Geh voran«, sage ich und konzentriere mich wieder auf mein Vorhaben. Ich kann die Stadt zur Genüge untersuchen, wenn keine Menschenhändler mehr darin leben.
Kommentar
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