Tod der Heiligen

XXXVII.

Saram führt mich durch ein paar Gassen, ins Innere der Stadt. Soweit ich es bei Nacht beurteilen kann, scheint Anhui eine leblose Stadt zu sein. Die Häuser sind alt und zum Teil heruntergekommen und viele stehen leer. Die Gassen sind schmal und werden dunkler, je weiter wir uns von der Mauer entfernen, und gepflasterte Straßen scheint es nur wenige zu geben. Und die einzigen Menschen, denen wir über den Weg laufen, sind Wachen, die Saram und ich geflissentlich meiden.

Ich spüre nur eine starke Präsenz in der Stadt, die ich für Sarams Boss halte, und da sie möglicherweise sogar stark genug ist, um mein Halsband zu spüren, verberge ich es vorsorglich. Das hätte ich ohnehin früher oder später getan, um nicht zu riskieren, dass ich jemandem auffalle, weil ich zwei Mana-Quellen besitze.

Aber schon bald merke ich, dass die starke Präsenz wohl doch nicht Sarams Boss ist, denn wir bewegen uns nicht auf sie zu. Stattdessen erreichen wir schließlich ein Viertel, in dem uns keine Wachen begegnen, aber leer ist es nicht. Ein paar Männer hocken am Straßenrand, einer torkelt vor uns über die Straße.

Ich richte meinen Blick auf eines der Häuser, in dem ich mehrere Präsenzen spüre. Es sind Stimmen aus dem Inneren zu hören, Männer- und Frauenstimmen, und die Luft riecht süßlich. Ein Bordell, wie ich vermuten würde. Es scheint mit den Nachbarhäusern verbunden worden zu sein, und als ich mein Mana freisetze, entdecke ich durch Verdecker verborgene Menschen, die sich unter den Häusern, wohl in einem Keller, aufhalten. Dicht aufeinander und vermutlich außerstande, sich frei zu bewegen.

Jeder Idiot könnte darauf kommen, dass sich hier eine Bande Menschenhändler versteckt, was mich zu dem Gedanken bringt, dass die Stadtwache weniger inkompetent und viel mehr bestechlich ist.

Saram geht auf den Eingang des Bordells zu, vor dem ein großer Kerl steht und Wache hält. Seine Augen richten sich misstrauisch auf mich, während er Saram wenig Beachtung schenkt, als würde er ihn kennen. »Wer ist das?«, fragt er, ohne den Blick von mir zu nehmen.

Saram bleibt stehen. »Das ist …«, beginnt er unschlüssig und wirft mir einen Blick zu. »… ein Gast.«

Dafür schlage ich ihm mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.

»Urg!« Er zieht den Kopf ein und sieht mich erschrocken an.

Ich erwidere seinen Blick verärgert, auch wenn er mein Gesicht nicht sehen kann. »Glaubst du, ich würde jemals in einem Drecksloch wie diesem Gast sein?!«

»N-Nein, aber wir wollen hinein, also …«

»Also dachtest du, du musst lügen?«, frage ich und hebe kopfschüttelnd die Hände. »Du bist wirklich eine hinterhältige Made. Du verrätst deine Freunde und willst ihnen dann auch noch ins Gesicht lügen. Du hättest wenigstens versuchen können, ihnen ein geheimes Zeichen zu geben oder so etwas.«

Saram, der noch immer den Mund vom Sprechen geöffnet hat, starrt mich an, als hätte ich ein lang gehütetes Geheimnis von ihm gelüftet. Dann ruckt sein Blick panisch zum Türsteher.

»Was redet sie da?« Der Türsteher schmälert die Augen und sieht Saram an, doch der schaut wieder zu mir.

Ich kichere. »Denkst du, ich habe es nötig, wie eine Ratte herumzuschleichen?« Ich buffe mein Bein und trete dem Türsteher kräftig in den Bauch.

Von meinem Tritt überrumpelt und weil er nicht so stark ist, wie er aussieht, stürzt er rückwärts und reißt mit einem Krachen die Tür hinter sich ein.

Ich packe Saram am Kragen und ziehe ihn mit mir über die Türschwelle. Nur einen Schritt, da der Türsteher vor uns auf dem Boden liegt, aber sobald wir im Haus sind, versiegle ich es mit einer Barriere, sodass niemand das Haus verlassen oder den Keller betreten kann.

Vor mir befindet sich ein großer Raum mit Tischen, Stühlen und einem Tresen an der gegenüberliegenden Wand. Auf den ersten Blick könnte man es für einen Pub halten. Einen Pub, in dem es mit unserem Eintreten schlagartig still geworden ist.

Ich lasse Saram los, wobei ich mit dem Finger über seinen Hals streiche und Mana in seinen Körper fließen lasse. Genug, um seine Aura zu überwältigen und seine Muskeln zu paralysieren, sodass er sich nicht bewegen kann, aber am Leben bleibt. Dann breite ich die Arme aus. »Alle Menschenhändler, Sklavenbesitzer und sonstiger Abschaum, der freiwillig hier ist, einmal die Hand heben«, sage ich mit lauter Stimme, während mein Blick zu den Männern huscht, deren Präsenzen unter den anderen hervorsticht. Nicht, dass im Erdgeschoss viel mehr hockt als Kleinvieh.

Niemand antwortet. Nur das Geräusch der gesplitterten Tür, von der sich der Türsteher erhebt, ist zu hören.

»Was soll das, Saram?« Ein Mann mit einem sehr penibel gepflegten Bart und einem arroganten Blick kommt zwischen den Tischen auf uns zu. Er ist ein weißer Magier und ein Rang B, wenn auch etwas schwächer als Tula, würde ich sagen.

Alle anderen beobachten nur.

»Oho, ich werde ignoriert.« Ich hebe mir mit einem gekünstelten Kichern eine Hand vor den Mund. »Keine Manieren unter Menschenhändlern, hm?«

Die Miene des Mannes verdüstert sich, aber er macht eine auffordernde Geste. »Kümmer dich um die Tür«, sagt er zum Türsteher, dem er einen abfälligen Blick zuwirft. »Saram, erkläre dich!«

Ich seufze tief. Ich weiß, dass es meine eigene Schuld ist, eine schwache Mana-Quelle vorzutäuschen, aber es ist anstrengend, wenn man nie ernst genommen wird.

Aber da baut sich der Türsteher vor mir auf und sieht mit wütenden Augen auf mich herab. Offenbar bezieht die Aufforderung ‚Kümmere dich um die Tür‘ mich irgendwie mit ein.

Der Kerl streckt die Hand nach mir aus, als wolle er mich am Kragen packen.

Aber ich greife seine Hand, bevor er mich berühren kann. »Das lass ich als Handheben gelten«, sage ich, bevor ich mein Mana in seinen Arm fließen lasse. Es knackt und knirscht und der Mann stößt einen brüllenden Schrei aus, der abrupt in einem Röcheln endet. Dann bricht er zusammen.

Ich klopfe meine Hände ab.

Der weiße Magier hat erschrocken einen Schritt zurück gemacht, aber ich beachte ihn nicht. Von den Anwesenden hat natürlich niemand die Hand gehoben, aber das ist auch nicht nötig. Mir wäre auch so nicht entgangen, dass alle Frauen ein Halsband tragen, das ihre Energie blockiert, ein typisches Erkennungszeichen für Sklaven. Außerdem täuschen mich die aufreizenden Kleider und die Schminke nicht darüber hinweg, dass sie schlecht ernährt und zum Teil verletzt sind.

»Saram, was hast du getan? Wer ist das?«, fragt der weiße Magier, nun mit gehetzter Stimme.

»Verschwende deine Zeit nicht damit, mit jemandem zu reden, der nicht antworten kann«, sage ich und klopfe dem erstarrten Saram auf die Schulter, während ich an ihm vorbeigehe.

»Gah!« Der weiße Magier gibt einen eigenartigen Laut von sich, ehe er ruckartig die Arme ausbreitet. Nebel strömt von seinem Körper, der innerhalb kürzester Zeit, den gesamten Raum füllt.

»Oh«, mache ich und bleibe stehen. Es ist kein Nebel auf Wasserbasis oder Rauch, sondern einfach gestreutes, sichtbares Mana. Dadurch verschleiert er nicht nur die Sicht, sondern auch die Präsenzen der Anwesenden. Zusätzlich übt er Druck auf mich aus, so wie freigesetztes, fremdes Mana es tut. Aber eine große Schwachstelle ergibt sich dabei. Da der Nebel ausschließlich aus Mana gemacht ist, muss ich nichts weiter tun, als mein Mana freizusetzen, um seins zu vertreiben. Und keine drei Sekunden nachdem der Nebel aufgetaucht ist, ist er auch schon wieder restlos verschwunden.

Es ist beeindruckend, dass der weiße Magier es in der Zeit geschafft hat, bis zum Tresen zu rennen.

Ich hole ihn mit meiner Teleportation ein und strecke ihn mit einem Faustschlag nieder. »Das war der feigste Zauber, den ich je gesehen habe. Hättest du nicht so etwas sagen können, wie: auf sie!« Ich strecke meinen Nacken, eine Hand an die Seite meines Halses gelegt. »Ihr könntet wenigstens in den letzten Stunden eures Lebens etwas Mut zeigen.«

Daraufhin kommt Bewegung in den Raum.

Ich nehme den Blick von dem weißen Magier am Boden und sehe, wie die Männer fliehen. Ein paar rennen die Treppe hinauf oder auf die Türen zu, einer versucht, durch die kaputte Tür nach draußen zu laufen, nur um von meiner Barriere abzuprallen.

Ich rümpfe die Nase und werfe dem weißen Magier zu meinen Füßen einen verärgerten Blick zu. Wegen seines blöden Nebels musste ich mein Mana freisetzen und jetzt haben alle Angst vor mir. Dabei war es gar nicht viel. »Feiglinge«, murmle ich, während ich meine Schwerter aus meinem Schatten hole. »Ich hasse es, wenn ich ihnen hinterherrennen muss.«

Ich teleportiere mich zu dem Mann vor dem Ausgang, der auf Knien damit beschäftigt ist, meine Barriere zu schlagen. Damit ist er heute der Dritte. Man sollte meinen, dass die Tatsache, dass dieser Fluchtweg versperrt ist, sie dazu bringen würde, sich einen anderen zu suchen, aber nein. Immer mit dem Kopf durch die Wand.

Er sieht mich nur, weil er immer wieder panisch über die Schulter schaut und als ich vor ihm auftauche, presst er sich mit dem Rücken gegen die Barriere und hebt die Hände. »B-Bitte. Ich habe nicht mit den L-Leuten hier zu tun. Ich bin z-zum ersten Mal hier.«

»Dann war heute ein schlechter Tag, um auszuprobieren, wie es ist, sich an Frauen zu vergehen, die von Leuten gefangengehalten werden, mit denen man gar nichts zu tun hat.«

»N-Nein!« Der Mann schüttelt vehement den Kopf. »Ich habe nie … Ich war immer g-gut zu den Mädchen!« Er schafft es nicht einmal, das Wort ‚gut‘ ohne zu stottern zu sagen.

»Immer?« Ich lege den Kopf schief. »Ich dachte, du bist zum ersten Mal hier.«

Der Mann erbleicht.

»Ich werde auch gut zu dir sein«, sage ich und hebe mein Schwert. Im selben Moment spüre ich Mana in meinem Rücken.

Anstatt mein Schwert zu schwingen, mache ich einen Schritt zur Seite und keine Sekunde später rauscht ein Feuerball an mir vorbei. Statt meines Rückens trifft er den Mann im Gesicht.

»Oh«, mache ich, als der Kopf des Mannes unverzüglich in Asche verwandelt wird. Das ist Feuerkraft! Estella hätte das sehen sollen, damit sie, wenn sie das nächste Mal einen Feuerball schießen soll, auch weiß, was gemeint ist.

Ich sehe mich nach dem Feuermagier um, der jedoch hinter dem Tresen in Deckung gegangen ist. Als würde er tatsächlich glauben, ich würde ihn dort nicht finden. Wenn ich mitspiele und er weiterhin so feige auf mich schießt, könnte ich ihn benutzen, um noch mehr seiner Kollegen auszuschalten. Aber es wäre ein Problem, wenn er das Haus anzündet.

Also teleportiere ich mich hinter den Tresen, wo der Feuermagier, ein Mann mit kinnlangem, sandfarbenem Haar, sitzt und versucht, unauffällig über den Rand des Tresens zu schauen.

Ich ramme ihm mein Schwert in den Rücken.

Er krümmt sich ins Hohlkreuz und gibt einen gepressten Schrei von sich.

»Wie du mir, so ich dir, so sagt man doch«, sage ich und will mein Schwert zurückziehen, als ich spüre, wie das Mana des Mannes ansteigt. Es scheint sein letzter Versuch der Gegenwehr zu sein, was ich fast bewundernswert finde. Aber ich setze mein eigenes Mana frei, um seinen Zauber zu zerbrechen, bevor er sich aufbauen kann. »Lass den Scheiß! Ich will nicht, dass meine Kleider morgen nach Rauch stinken.« Feuermagie kann mir nicht viel anhaben, da Energie, die mir schaden will, von meinem Schatten verschluckt wird, solange der Zaubernde nicht stärker ist als ich. Ich hätte dem Feuerball zuvor also nicht ausweichen müssen.

Ich ziehe mein Schwert aus dem Feuermagier, um mich dem nächsten Mann zu widmen, als mir etwas auffällt. Ich stehe hinter der Bar. Einer großen Bar, mit drei großen Fässern mit Zapfhähnen und mehreren Flaschen, die auf einem Regalbrett darüber aufgereiht sind.

»Oho!«, mache ich anerkennend, während ich denke, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für eine kleine Trinkpause wäre. Schließlich bin ich schon eine Weile bei der Arbeit und das nach einem langen Ritt und auf Kosten meiner Nachtruhe. Wenn sich jemand eine Pause verdient hat, dann ich. Die Menschenhändler laufen mir ja nicht weg.

»Was ist denn hier los!«

Meine sorgfältige Überlegung dazu, welcher Flasche ich den Vorzug geben soll oder ob ich nicht doch eher einen Krug nehmen und mir etwas von den Fässern zapfen soll, wird durch eine laute Stimme unterbrochen.

Etwas ungehalten drehe ich den Kopf und sehe zum Absatz der Treppe, auf der ein recht fetter Mann steht, flankiert von zwei anderen und mit einem leicht bekleideten Mädchen im Arm.

»Boss!«, ruft der weiße Magier, der mich zuvor so frustriert hat, dass ich offensichtlich vergessen habe, ihn zu töten. Aber das hole ich jetzt nach.

Ich packe eine Flasche in meiner Reichweite, teleportiere mich zu dem weißen Magier und stecke ihm mein Schwert in den Hals. Dabei sehe ich zu dem fetten Mann auf der Treppe. »Boss, hm?«, sage ich, während ich ihn mustere. Er ist tatsächlich etwas stärker als die anderen, aber er dürfte kaum Rang A sein. Wenn überhaupt. Sollte er also kein überragender Kämpfer sein, hat Saram meine Erwartungen unnötig hochgeschraubt.

»Hättest du nicht noch zwei Minuten warten können, Fettsack?« Ich hebe die Flasche in meiner Hand. »Ich wäre schon noch gekommen, um Hallo zu sagen.«

Die kleinen Augen des Bosses sind auf den weißen Magier gerichtet. »Du wirst einen sehr langsamen Tod sterben!«, knurrt er und als er mich ansieht, zieht er eine Grimasse, bei der er die Nase so sehr rümpft, dass er dabei die Zähne entblößt.

Ich schüttle den Kopf. »Langsame Tode wirken bei mir nicht«, sage ich, denn meine Selbstregeneration wäre in diesem Fall schneller als der Tod. »Wie wärs, wenn du dir zwei Minuten nimmst, um dir einen neuen Plan auszudenken oder deine gefallenen Kameraden zu betrauern? Ich warte hinter der Bar.« Ich hebe die Flasche an den Mund, denn ich weiß, dass er wohl kaum warten wird und ein Schluck ist besser als gar nichts.

Doch im Bruchteil einer Sekunde verschwindet der Boss vom Treppenabsatz.

Ich registriere gerade noch, dass er in die Luft gesprungen ist, als es neben mir knallt und die Holzdielen unter meinen Füßen bersten. Ich verschwinde instinktiv im Schatten und tauche auf dem Tresen wieder auf, der nun auch etwas schief steht.

In den Boden des Pubs ist ein Krater geschlagen worden und die Leiche des weißen Magiers ist nur noch eine Pfütze Blut.

Der Boss, der im Zentrum des Kraters steht, richtet sich auf und hebt den Hammer, den ich schwören könnte, zuvor nicht gesehen zu haben. Seine Augen huschen kurz umher, ehe er mich auf dem Tresen sitzend findet. »Ein langsamer Tod!«, wiederholt er und ich muss gestehen, dass Saram doch nicht völlig übertrieben hat.

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