Tod der Heiligen
XXXV.
Ein erleichtertes Seufzen entkommt mir, als ich endlich eine spürbare Menge Mana verliere, die meinen Mana-Stau endgültig beendet.
Massenparalyse. Ein Flächenzauber, der jeden Muskel im Körper der Betroffenen lähmt. Ich halte ihn immer ein paar Sekunden, wenn ich auch das Herz zum Stillstehen bringe, denn bei einer zu kurzen Lähmung setzt es sich manchmal wieder in Bewegung. Aber von Sarams Männern spüre ich kein Lebenszeichen mehr. Offensichtlich hatte keiner von ihnen ein besonders starkes Herz. Nicht, dass es mich überrascht, immerhin war keiner stärker als Rang C, viele nicht einmal das. Aus diesem Grund konnte auch keiner der Paralyse widerstehen. Saram hätte sie wohl abwehren können, aber ihn wollte ich sowieso am Leben lassen.
Er steht nach wie vor da, die Arme ausgestreckt und ein Grinsen auf den Lippen, das nun aber wirkt, als wäre es auf seinem Gesicht eingefroren. Und ich kann fühlen, dass sich sein Herzschlag trotz seiner Bewegungslosigkeit verdoppelt hat.
»Weißt du, wer sich so schamlos darüber freut, eine Schwachstelle auszunutzen? Schwächlinge.« Ich schüttle mit einem Seufzen den Kopf. »Ich fand dich von Anfang an abstoßend, aber zu hören, wie stolz du darüber bist, anderer Leute Schwachstellen zu bedrohen, um Macht über sie zu haben, lässt dich auf einer ganz neuen Ebene abstoßend sein.«
Sarams Augen huschen umher, als würde er überprüfen, ob wirklich keiner seiner Männer überlebt hat.
»Aber hier ist ein Rat für dich, auch wenn du ihn in Zukunft nie wieder brauchen wirst: Wenn du jemandes Schwachstelle bedrohen willst, solltest du vorher sicher sein, dass du das kannst. Denn sonst ist das Einzige, was du damit erreichst, jemanden, gegen den du absolut nichts ausrichten kannst, so richtig wütend zu machen.«
Sarams Arme beginnen zu beben. »W-Wie …?«, stammelt er und weicht einen Schritt zurück. »… w-wieso …?«
»Wieso habe ich euch nicht sofort alle umgebracht, meinst du?«, frage ich, da er immer noch ungläubig seine toten Kameraden anstarrt. Ich zucke mit den Schultern. »Wo bliebe da der Spaß?«
Sarams Blick richtet sich auf mich. Seine Augen sind geweitet und sein Gesicht ist kalkweiß.
»Guck nicht so, hast du eine Ahnung wie es ist, tagein tagaus das unschuldige Liebchen zu spielen?« Ich fasse mir an die Stirn, als würde nur der Gedanke daran mir Kopfschmerzen bereiten. Was nicht mal so falsch ist. »Ich musste etwas Frust abladen oder ich wäre noch durchgedreht.«
Er weicht noch weiter zurück. »D-Du … du bist verrückt!«
»Genau das meine ich!« Ich nicke, als wäre ich froh, dass er mir zustimmt. »Nett sein liegt mir einfach nicht. Jeder verliert den Verstand, wenn er etwas sein muss, das er nicht ist.«
»Was würden deine Freunde dazu sagen, wenn sie wüssten, was du hier tust?«
Ich sehe ihn verdutzt an. Dann breche ich in Gelächter aus. »Ein Menschenhändler, der mir ein schlechtes Gewissen machen will! Der Hammer!« Ich klopfe mir mit der Hand auf den Schenkel und beuge mich vorn über. Er hatte sogar diesen tadelnden Unterton in der Stimme. Als hätte er tatsächlich erwartet, dass es mir Kummer bereiten würde, dass ich meine Begleiter belüge.
Ich streiche mir die Haare aus der Stirn, während ich mich wieder aufrichte. »Versuch nicht, mir ins Gewissen zu reden. Ich habe es doch gleich am Anfang gesagt. Anders als das sonnige Engelchen dort drüben …« Ich werfe Mikail einen Blick zu. »… gehöre ich nicht zu den Guten. Und jetzt lauf.«
Saram starrt mich an und rührt sich nicht.
Ich verdrehe die Augen. »Ich gebe dir die einmalige Chance wegzulaufen, also los!«
Er zögert, macht jedoch einen Schritt zurück. »Wieso?«
»Du hast wirklich was an den Ohren, oder?« Ich schüttle den Kopf. »Deinetwegen musste ich deine Männer viel zu schnell beseitigen und ich habe noch lange nicht genug Frust rausgelassen. Also lauf und mach es mir so schwer wie möglich, okay?« Ich schenke ihm ein verspieltes Grinsen, als hätte ich eine Runde Fangen vorgeschlagen. Und im Grunde habe ich das.
Er starrt mich mit bebendem Blick an und sein Atem geht so laut, dass ich ihn über das prasselnde Lagerfeuer hinweg hören kann.
Ohne mit dem Grinsen aufzuhören, mache ich eine scheuchende Bewegung in seine Richtung. Und dann endlich dreht Saram sich um und rennt los.
»Ich zähle bis 100«, rufe ich ihm hinterher. Dann stemme ich mit einem Seufzen die Hände in die Hüfte. »Eins nach dem anderen«, murmle ich, während ich mich umsehe.
Zuerst müssen die Leichen verschwinden, denke ich, aber nicht mit ihren Wertsachen. Allerdings hat keiner von ihnen viel dabei. Neben dem Schlüssel für die Handschellen finde ich nur ein paar Kupfermünzen. Sottische Münzen sind größer als die aus Ishitar, haben dafür aber ein Loch in der Mitte, sodass sie aufgefädelt am Gürtel getragen werden können. Nicht, dass das in meinen Augen sicherer ist.
Aber am wertvollsten sind wohl die Schwerter, die ich alle in meinem Schatten verstaue, ehe ich die Leichen in den Schatten der Umgebung versinken lasse. Sie sollen nicht gefunden werden, aber ich will sie auch nicht mit mir herumschleppen.
Dann kehre ich zu Jake zurück, um ihn an seinem ursprünglichen Schlafplatz zu legen. Schon wieder. »Warum … muss ich … dich schon … wieder … ins Bett bringen, … du Bastard?!«, keuche ich mit jedem Ruck. Ich zerre ihn an seinen Armen, die ich zuvor von den Handschellen befreit habe, und erst als ich ihn etwa einen Meter vom Lagerfeuer weggezogen habe, fällt mir auf, dass ich mir nicht gemerkt habe, wo er geschlafen hat. Er hat sich nach mir hingelegt und ich habe nicht auf ihn geachtet, während ich mit den Banditen beschäftigt war.
Ich sehe mich um und überlege, welchen Platz er sich wahrscheinlich ausgesucht hat und mein Blick fällt auf Hilena. Es ist günstig, da sie nah am Feuer liegt und so lege ich ihn neben ihr ab. Ungefähr. Sein Gesicht liegt vor ihrem Bauch, aber was solls.
Ich öffne auch Hilenas Handschellen und dann nach und nach die der anderen, bis ich bei Mikail ankomme. Sie haben ihn von seiner Schwester weggezerrt, der sie unsinniger Weise ebenfalls Handschellen angelegt haben.
»Siehst du das?«, frage ich, während ich mich daran mache, seine Handschellen zu öffnen. »Das hat man davon, wenn man nett zu Banditen ist. Man reicht ihnen den kleinen Finger und sie versuchen, einen als Sklave zu verkaufen.« Ich betrachte sein Gesicht, das in Kontrast zu dem hoch konzentrierten Ausdruck, den es den ganzen Tag gezeigt hat, nun völlig entspannt wirkt. Denke ich. Ich beuge mich über ihn.
Möglicherweise nicht ganz. Oder sein Gesicht sieht natürlicherweise so aus, als würde er sich um etwas Sorgen machen. Oder es war der Gedanke, mit dem er eingeschlafen ist, denn seine Brauen sind leicht zusammengezogen und sein Kiefer ist angespannt.
Ich schüttle den Kopf und lehne mich zurück. Dann rücke ich ihn und Annabella wieder etwas zusammen. Anders als bei Jake, weiß ich, dass die beiden nah beieinander gelegen haben.
Als Letztes suche ich den Mantel der Heiligen in unserem Gepäck, um die Barriere darin zu verankern. Dann stehe ich auf und strecke mich. »Zeit, ein bisschen Fangen zu spielen.«
Ich finde Saram am Rand meiner Barriere, wie er verzweifelt mit seiner Aura darauf einschlägt und die Realität leugnet. »Nein, das darf nicht sein …«, murmelt er, während er mit bloßen Fäusten gegen meine Barriere trommelt. Sein Schwert liegt neben ihm auf dem Boden. »Es muss gehen! Es muss!«
Sein Freund Karn, bei dem ich einen Zwischenstopp eingelegt habe, war etwas schlauer und hat versucht, sich unter meiner Barriere hindurch zu buddeln. Aber jeder, der schon einmal gegen die maulwurfartigen Monster Heuler gekämpft hat, weiß, dass Erde sehr durchlässig sein kann, daher erweitert sich meine Barriere, wenn etwas Festes, mit dem sie verbunden war, verschwindet.
»Da müsstest du dich mehr anstrengen«, sage ich und Saram stößt einen Schrei aus und wirbelt zu mir herum. Er sieht mich entsetzt an, aber er wirkt gefasster, als ich erwartet habe.
Ich runzle die Stirn und verschränke die Arme vor der Brust.
»Selbst wenn du mich tötest«, beginnt er, offenbar um eine ruhige Stimme bemüht. »Karn hatte genug Zeit. Er hat unsere Truppe schon erreicht und sie alarmiert. Bald wimmelt es hier von meinen Leuten.«
»Ah!«, mache ich, als mir klar wird, weshalb er gefasster wirkt. Er klammert sich an die Hoffnung, dass ich die Barriere erst erschaffen habe, nachdem er losgerannt ist.
Ich ziehe Karns Leiche aus meinem Schatten und werfe sie vor Saram auf den Boden. Da er ohnehin dabei war, sich in den Boden zu graben, habe ich ihn in meinen Schatten gezogen. Es war eine schnelle Lösung, aber er hätte ohnehin nicht lange durchgehalten, da er zu den schwächsten von Sarams Männern gehört hat.
Saram starrt auf Karn hinab und das bisschen Hoffnung auf seinem Gesicht zerfällt. Seine Beine knicken ein und er schlägt die Hände zusammen und hebt sie über den Kopf. »B-Bitte«, stammelt er. »Ich tue alles, bitte! Ich will nicht sterben!«
Ich neige nachdenklich den Kopf zur Seite. »Wie reagierst du normalerweise auf so etwas?«
Saram sieht mich verwirrt an. »W-Was?«
»Ich kenne mich mit Menschenhandel nicht aus, also sag mir, was machst du, wenn dich jemand anfleht, ihn gehen zu lassen?«
Er starrt mich an.
Ich gehe auf ihn zu. »Wenn jemand bettelt, nicht als Sklave verkauft zu werden. Hast du je jemanden freigelassen?« Ich sehe auf Saram hinab, der mit bebender Unterlippe zu mir aufsieht. Die Antwort steht ihm ins Gesicht geschrieben.
Ich schnaube. »Lass mich raten: Du hast sie verspottet und ausgelacht.« Sein arrogantes Verhalten, als er dachte, er könne mich unter Kontrolle bekommen, wenn er die anderen als Geiseln nimmt, war eindeutig. Saram gehört zu der Sorte Mensch, der es abgöttische Freude bereitet, Macht über andere zu haben.
Ich verpasse ihm einen Tritt vor die Brust, der ihn auf den Rücken befördert. »Weißt du, was ich an Scheißkerlen wie dir hasse?« Ich nehme auf seiner Brust Platz und steche sein Schwert, das ich per Schattenmagie aufgehoben habe, neben seinem Kopf in die Erde. »Ihr benehmt euch wie der größte Abschaum, aber von anderen wollt ihr wie anständige Menschen behandelt werden. Findest du das fair?«
Saram, der ein Gesicht macht, als wäre ihm die Luft ausgegangen, schüttelt hastig den Kopf.
»Dann hast du nur deine eigenen Regeln nicht verstanden? Menschen werden zu Eigentum, nachdem man sie überfallen und überwältigt hat, so haltet ihr es doch, oder?«
Er gibt ein eigenartiges Röcheln von sich, als er den Mund öffnet, als hätte er vergessen, wie man einatmet. »I-Ich ha-hatte keine Wahl«, stammelt er, wobei er es kaum schafft, seine Stimme zu benutzen.
»Warum redest du so komisch?«, frage ich, da ich seine Worte ohnehin für keinen Moment glaube. »Willst du mich beleidigen, indem du so tust, als wäre ich schwer?« Es würde mich nicht beleidigen, selbst wenn es so wäre, aber es kotzt mich an, dass er sich so erbärmlich benimmt. Ich habe ihm noch nicht einmal etwas getan und er ist ein Aura-Träger. Ich könnte auf seiner Brust Trampolin springen, ohne dass ihm das etwas ausmachen würde. Also theoretisch.
»Nein!«, brüllt er, plötzlich mit viel zu kräftiger Stimme.
Ich verziehe das Gesicht. »Sprich anständig!«
»T-Tut mir leid.« Er spricht immer noch etwas laut, aber immerhin brüllt er nicht mehr.
Ich wedle ungeduldig mit der Hand. »Wiederhole, was du vorhin gebrabbelt hast.«
»I-Ich hatte keine Wahl«, sagt er und stottert erneut. Aber es ist besser verständlich. »Wenn ich keine Leute ranschaffe, dann hätten sie mich getötet!«
»Klingt für mich nach einer Wahl, du dreckiger Lügner!«
»Nein!« Er hebt panisch die Hände. »Der Boss ist gnadenlos! Er hätte mich getötet, wenn ich Sklaven befreit hätte.«
»Aber er hat gut bezahlt, nehme ich an.« Ich sehe mit frostigem Blick auf ihn hinab. »Deswegen arbeitest du doch für ihn.«
Er antwortet nicht sofort, aber ich hätte auch so gewusst, dass es um Geld geht. Schließlich habe ich gehört, wie er davon geschwärmt hat, wie viel sie für mich bekommen würden. Nicht, dass das nötig wäre, um zu erraten, worauf Menschenhändler es abgesehen haben.
»I-Ich … ich …«, stammelt Saram.
»Ich verstehe schon.« Ich nicke und nehme meine Hand vom Schwertgriff. »Ich liebe Geld auch. Man tut so einiges dafür, oder?« Ich grinse auf Saram hinab.
Seine Lippen beben, offenbar unentschlossen, ob sie mein Grinsen erwidern sollen oder nicht.
»Es ist ein bisschen wie mit dem Alkohol«, fahre ich fort. »Wir alle wissen, dass er Gift ist, aber wir trinken ihn trotzdem.« Diesmal warte ich, bis Saram nickt. »Und wenn wir uns einen Krug Bier bestellen, müssen wir dafür auch bezahlen, so gehört es sich. Du kannst den Krug nicht austrinken und wenn der Wirt dein Geld dafür will, erklärst du ihm, dass du das Bier nie trinken wolltest. Das tut man nicht.«
Saram schüttelt hastig den Kopf.
Ich lächele. »Wie schön, dass wir uns einig sind«, sage ich und packe das Schwert, um es aus dem Boden zu ziehen.
Saram gibt ein angstvolles Wimmern von sich. »B-Bitte …« Er bricht ab, als ich das Schwert in meinem Schatten verschwinden lasse. »Was … hast du vor?«, fragt er dann vorsichtig.
Ich stehe auf. »Wir spielen nach deinen Regeln. Du wolltest, dass es Sklaven in dieser Welt gibt und ab heute bist du einer. Herzlichen Glückwunsch!«
Saram sieht nicht begeistert aus. Aber er protestiert auch nicht und setzt sich stattdessen auf. »Was soll ich für dich … Euch tun.«
Ich blinzle. »Oho, du gewöhnst dich schnell ein. Kann es sein, dass du insgeheim darauf gehofft hast, dass dich jemand zu einem Sklaven macht? Aber deswegen ist es trotzdem nicht in Ordnung, Sklaven aus anderen zu machen, verstehst du?«, flöte ich theatralisch und drohe ihm mit dem Finger.
Seine Miene verdüstert sich, aber er sieht zu Boden.
Ich kichere. »Und keine Sorge, was du für mich tun sollst, ist etwas, womit du große Erfahrung haben dürftest.« Ich klatsche die Hände zusammen und trotz meines ungezwungenen Tonfalls erschaudert Saram sichtlich und zieht den Kopf ein, als fürchte er sich.
Ich mustere ihn. Er hat wirklich überhaupt kein Rückgrat.
Ich beuge mich zu ihm hinunter und grinse ihn an. »Alles, was ich von dir will, ist, dass du ein letztes Mal ein Messer in den Rücken deiner Kameraden rammst.«
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