Tod der Heiligen

XXXVIII.

Der Boss kommt mit schweren Schritten auf mich zugestampft, aber ich schenke ihm kaum Beachtung. Mein Interesse gilt dem Hammer in seiner Hand.

Ein verzauberter Gegenstand, ganz eindeutig. Und da es sogar mir schwerfällt, das komplexe Geflecht der Zauber zu lesen, die in ihm eingebettet sind, muss es sich um ein sehr teures Exemplar handeln. Alles, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass das verwendete Element Blitz ist. Das bedeutet, wird man getroffen, bekommt man nicht nur einen schweren Hammer zu spüren, sondern auch noch einen Stromschlag. Und Blitze haben die unschöne Angewohnheit, nicht nur mächtig wehzutun, sie betäuben dich auch für ein paar Sekunden, was in einem Kampf fatal ist. Kurzum, eine solche Waffe kann jemanden, der normalerweise weder was Kampffertigkeiten noch Energie angeht eine Gefahr darstellt, zu einem echten Problem werden lassen.

Ich richte mich auf. »Du weißt schon, dass nur Feiglinge solche Waffen benutzen?«, sage ich, den Blick noch immer auf den Hammer gerichtet. Er hat eine schmale Kette am Griff, die um das Handgelenk des Bosses gewickelt ist. Da sie zu dünn für die Größe des Hammers ist, muss auch sie verzaubert sein.

Der Boss grunzt. »Du bist weggerannt wie eine Ratte«, knurrt er und lässt seinen Nacken knacken. »Wer ist hier der Feigling?«

Ich hüpfe vom Tresen hinunter. »Der Fettsack mit dem verzauberten Hammer, natürlich«, sage ich und breite dir Arme zur Seite aus. »Wer sonst würde seinen eigenen Boden plus einen Untergebenen kaputt hauen, nur um ein zierliches Ding wie mich zu erwischen?«

»Genug geredet!« Er rümpft die Nase, während er bedrohlich seinen Hammer schwingt und leicht in die Knie geht. Seine Aura steigt zum zweiten Mal, als er erneut zum Sprung ansetzt.

»Wie unkreativ«, seufze ich und schüttle den Kopf. Dann teleportiere ich mich hinter ihn. Leider nicht so dicht wie ich wollte, da der Boss von einer starken Aura umgeben ist, sodass ich seinen Schatten nicht ohne weiteres betreten kann.

Er hat zu viel Aura, um ihn ohne Körperkontakt zu überwältigen. Das heißt, ich muss nah an ihn heran. Aber ich habe keine Lust von seinem Hammer getroffen zu werden. Ich könnte ihn zwar mit einem Schild blocken, aber einen Stromschlag würde ich dabei aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem bekommen.

»Feige Ratte! Komm her!«, brüllt der Boss, der einen zweiten Krater in den Boden geschlagen hat, und wirbelt zu mir herum.

»Komm doch selber. Bisschen Bewegung täte dir gut«, erwidere ich, während ich mit dem Gedanken spiele, ihn einfach anzugreifen. Er ist zwar überraschend schnell für seine Größe und mit dem Hammer, aber weil er schwächer ist als ich, kann ich seinen Aura-Fluss lesen.

Bei seinem nächsten Angriff, der nicht kreativer ist als die davor, springe ich nur zur Seite anstatt zu teleportieren. An seiner Rechten vorbei, sodass ich die Schulter des Arms, die den Hammer schwingt, attackieren kann.

»Guah!« Der Boss lässt einen Schrei los und der Hammer ändert plötzlich die Richtung. Anstatt ihn erneut senkrecht auf den Boden krachen zulassen, reißt er den Hammer nach links und wirbelt einmal um die eigene Achse.

Ich ziehe hastig einen Schild hoch, greife aber mit der rechten Hand in meinen Schatten, um mein Schwert zu ziehen. Gleichzeitig schiebe ich Mana in meine Armreifen und bereite mich auf einen Stromschlag vor.

Der Hammer trifft auf meinen Schild – und zerreißt es.

Mir bleibt keine Sekunde, um überrascht zu sein, bevor der Hammer meine Schulter trifft. Ich höre das Splittern meiner Knochen, bevor ich von den Füßen gerissen werde und gegen eine Wand krache. Die Holzvertäfelung birst bei meinem Aufprall und obwohl ich instinktiv einen weiteren Schild beschwöre, ist Holz nicht das Einzige das bricht.

Begleitet von Splittern rutsche ich zu Boden.

Meine linke Schulter ist vollkommen zertrümmert. Darüber hinaus ist mein rechter Arm und mein rechter Fuß gebrochen, sowie mehrere Rippen und ein paar Wirbel. Aber ich fühle keinen Schmerz. Ich habe Mana in meine Armreifen gesteckt, aber ich bezweifle, dass ich auch ohne sie viel mehr gespürt hätte. Dazu bin ich viel zu überrascht.

Wie lange ist es her, dass ich tatsächlich verletzt wurde? Nicht nur wurde mein Schild zerstört, sogar meine Schattenmagie, die den Angriff hätte verschlucken sollen, ist nicht aktiv geworden.

»Ist das alles?«, höre ich den Boss über das Rauschen in meinen Ohren spotten. »Könnt ihr euch nicht einmal um eine einzige feige Ratte kümmern? Muss ich alles allein machen?!«

»Urg …«, mache ich, während der Boss seine Untergebenen zusammenstaucht.

»Das hast du überlebt?«, sagt er und seine Aufmerksamkeit scheint wieder auf mir zu liegen. »Gut! Hatte schon Angst, der Spaß wäre vorbei.« Er gluckst, wobei er klingt wie ein grunzendes Schwein.

Ich unterdrücke ein Schnauben, während ich mich aus der Delle mühe, die ich in die Wandvertäfelung gemacht habe. Ich strecke meinen linken Arm, um meiner eingedrückten Schulter Platz zu geben, damit sie richtig heilen kann. Der Bruch meines rechten Arms ist unkomplizierter und ich drücke mich mit dem geheilten Arm vom Boden hoch. Es knackt und knirscht, während ich mich langsam aufrichte und sich meine Knochen wieder in die richtige Position bringen.

»Was geht hier vor sich?« Der Boss steht ein paar Schritte von mir entfernt und hält seinen Hammer bereit, während er mich aus zusammengekniffenen Augen anstarrt.

»Huh!«, mache ich, die Hände in die Hüften gestemmt, und strecke meinen Rücken. Dann verlagere ich mein Gewicht, um mein rechtes Bein zu heben und den Fuß kreisen zu lassen. Dabei bewege ich meine Schultern und recke den Hals nach links und rechts. »Jap!«, sage ich, verschränke meine Finger und drücke die Arme durch, die Handflächen dem Boss zugewandt. »Geht wieder.«

Der Boss starrt mich über meine Finger hinweg entgeistert an.

»Was guckst du so?« Ich senke meine Hände und lege fragend den Kopf schief. »Ich dachte, der Spaß kann weitergehen.«

Er packt seinen Hammer mit beiden Händen. »Was bist du?«

»Das ist unhöflich. Ich bin doch kein Was«, sage ich, aber ich verstehe, weshalb er so verwirrt ist. So wie in Sotton verzauberte Gegenstände weiter entwickelt sind als in Ishitar, so hat Ishitar den Vorsprung, wenn es um Heilungen geht. Und sogar dort wäre meine Selbstregeneration beeindruckend.

»Aber ich vergebe dir.« Ich mache eine abwinkende Handbewegung. »Wegen deinem abgefahrenen Hammer, der noch besser ist, als ich dachte! Wenn ich gewusst hätte, dass ich heute so ein Juwel finde.« Ich kichere vergnügt, denn mir ist jetzt klar, weshalb mein Schild versagt hat. Es ist nicht zerbrochen worden, denn dafür ist weder der Boss noch der Hammer stark genug, und die Wucht des Aufpralls hat gefehlt. Mein Schild hat sich praktisch aufgelöst, was bedeutet, dass die Struktur des Zaubers gestört wurde.

Anti-Magie. Ein Fachgebiet von weißen Magiern, das im Wesentlichen darin besteht, ein Vakuum zu erschaffen, in dem keine Energie existieren kann. Es gibt jedoch nicht viele, die sich darauf spezialisieren, weil die Anti-Magie eine der schwersten Lehren ist und im Gegenzug nur eine Fähigkeit ermöglicht. Und das wiederum bedeutet, dass Gegenstände, die mit Anti-Magie verzaubert sind, ein Vermögen bringen!

»Was immer du bist …« Der Boss hebt seinen Hammer und geht leicht in die Knie, als er zum vierten Mal zum Sprung ansetzt. »… ich mach Matsch aus dir!«

»Uuh, das nenn ich mal ne Ansage!« Ich schnippe mit den Fingern und in dem Moment, als der Boss auf mich zu rast, blitzt eine gleißend helle Lichtkugel vor ihm auf.

»Argh!« Er kommt schlitternd zum Stehen und reißt die Arme hoch, um sich vor dem Licht zu schützen.

Das dachte ich. Doch tatsächlich schwingt er seinen Hammer über seinen Kopf und lässt ihn mit Gebrüll hinter sich auf den Boden krachen. Dann zuckt sein Kopf umher, während er offenbar versucht, etwas zu sehen.

»Ups, falsch geraten!«, sage ich, nachdem ich an seiner rechten Seite aufgetaucht bin, anstatt hinter ihm.

Der Boss reißt sofort den Hammer aus dem Boden und schwingt ihn nach mir, aber diesmal ducke ich mich darunter hinweg. Der Hammer saust über meinen Kopf und ich richte mich wieder auf, während der ins Leere gehende Schwung, den Boss aus dem Gleichgewicht bringt. Oder bringen sollte.

»Hab ich dich!« Seine linke Hand packt meinen Hals und hält mich fest. Zwar hat er meine Kehle mit seinen zusammengekniffenen Augen verfehlt, aber er benutzt seine Aura, um mich davon abzuhalten, in seinem Schatten zu verschwinden.

»Witzig«, sage ich, bemüht das widerliche Gefühl seiner Wurstfinger zu ignorieren. »Das wollte ich auch gerade sagen.«

Der Boss kneift die Augen noch weiter zusammen, als er für den Bruchteil einer Sekunde die Zeit hat, sich zu fragen, was ich damit meine. Dann kracht mein Mana gegen seine Aura, als ich es in seinen Arm fließen lasse.

Es zertrümmert seine Hand und seinen Unterarm, ehe seine Aura reagiert und sich in seinem Oberarm sammelt, um mein Mana zu blocken, was meinen Angriff verlangsamt. Und das nutzt er, um seinen Hammer erneut nach mir zu schwingen.

Ich breche meinen Angriff ab und greife in meinen Schatten. Da seine kaputte linke Hand mich nicht mehr halten kann, tauche ich unter seinem rechten Arm hindurch, wobei ich mein Schwert über meinen Kopf schwinge.

Blut spritzt. Dann landet der Arm des Bosses mit einem dumpfen Laut neben mir auf dem Boden.

»Oh«, mache ich, als der Hammer nicht wie erwartet noch ein Loch in den Boden schlägt. Er schrumpft zu einem kleinen Anhänger, der an der schmalen Kette am Handgelenk befestigt ist. »Ein Schrumpfzauber auch noch!«, rufe ich begeistert und gehe neben dem Arm in die Hocke. »Das ist wirklich der Hammer! Wortspiel beabsichtigt, hehe!« Ich bewege meine Hand über den Arm, um einen Schatten zu werfen und das Armband mit dem Hämmerchen einzusammeln, ohne den Arm berühren zu müssen. Dann richte ich mich auf und drehe mich zum Boss um, der hinter mir in die Knie gegangen ist.

Seine Schultern zittern, während er versucht, seinen Armstummel mit seiner kaputten Hand zu bedecken. Aber er richtet seinen bebenden Blick auf mich.

»Sieh dich an«, spotte ich, während ich mein Schwert wieder in meinem Schatten verschwinden lasse und einen Läuterungszauber auf mich wirke. »War das kein Spaß?« Ich gehe auf ihn zu und stelle mich vor ihn.

Panik steht in seinen Augen. Seine Aura mag noch damit beschäftigt sein, den Rest meines Manas aus seinem Arm auszutreiben, aber er hat noch genug, um dazu in der Lage zu sein. Er könnte es dazu benutzen, mich anzugreifen. Aber er scheint in eine Schockstarre verfallen zu sein, nachdem er seinen Arm verloren hat. Oder seinen Hammer.

Aber er scheint sich zu bemühen, mich verärgert anzusehen. »Wer bist du?«

Ich gehe vor ihm in die Hocke. »Erinnerst du dich nicht?«, frage ich und lege den Kopf schief, als wäre ich überrascht. »Du hast mich verkauft.«

Seine Augen weiten sich. Überraschung, Schock und Verwirrung stehen darin. Aber auch Erkenntnis.

»Pfft, reingefallen!« Ich richte mich lachend wieder auf. »Wir kennen uns nicht. Ich seh deinen fetten Arsch heute zum ersten Mal. Aber es hätte ja sein können.« Ich schüttle den Kopf und sehe mich dann im Raum um. »Ich bin nur jemand mit langer Weile, der spontan Lust hatte, ein paar nichtsahnende Menschenhändler auszurotten.« Mein Blick bleibt an Saram hängen, der als einziger nicht weggelaufen ist. Er ist noch immer paralysiert, aber er versucht nicht einmal mehr, sich zu befreien. Und sein tränenüberströmtes Gesicht sagt mir, dass er sich mit seinem Schicksal abgefunden hat.

Als ich wieder zum Boss sehen, hat sich seine Miene noch weiter verdüstert. »Das wirst du bereuen!«, knurrt er. »Du hast keine Ahnung, mit wem du dich angelegt hast!«

»Ah …« Ich gluckse. Es überrascht mich nicht, dass Anhui nicht der Hauptsitz der Menschenhändler ist. Der liegt wahrscheinlich in einer großen Stadt, wo es mehr potenzielle Kunden gibt. »Aber dasselbe könnte ich auch sagen.« Ich mache eine Handbewegung, woraufhin sich das Mana, das noch immer in seinem Arm steckt, in Bewegung setzt.

Seine Augen weiten sich und er beißt die Zähne zusammen, während er seine Aura aufbaut. Allerdings ist sie hoffnungslos unterlegen.

Ich lege den Kopf schief, während mein Mana langsam zu seinem Herz vordringt. »Nicht, dass es dich kümmert. Ich weiß, dass Pack wie du keinen Sinn für Kameradschaft hat.« Ich beuge mich zu ihm hinunter. »Aber nur für den Fall, dass ich mich irre, solltest du die letzten Sekunden deines Lebens nutzen, um zu beten, dass ich deinen Freunden nicht auch zufällig über den Weg laufe.«

Seine Augen werden noch größer, fast als würden sie gleich aus seinem Kopf ploppen. Dann rollen sie nach hinten und er kippt zur Seite.

Ich richte mich wieder auf. »Das war ein bisschen enttäuschend.« Ich drehe mich zu Saram um. »Oho!«, mache ich, als ich sehe, dass ihm neue Tränen über die Wangen laufen. Ich gehe auf ihn zu. »Du musst deinen Boss ja mächtig gern gehabt haben«, sage ich, obwohl ich weiß, dass er nicht deswegen weint. Der gesplitterte Boden knirscht unter meinen Füßen, aber ansonsten ist es so ruhig, dass ich das leise Wimmern hören kann, das Saram von sich gibt.

Ich bleibe vor ihm stehen. »Du siehst aus, als hättest du dir längst in die Hose gemacht, wenn ich dich nicht paralysiert hätte.«

Sarams Blick ist gesenkt, als würde er nicht wagen, mir in die Augen zu sehen.

»Wünschst du dir gerade, dass ich dich vorhin zusammen mit deinen Männern getötet hätte? Kurz und schmerzlos?« Ich schnippe mit den Fingern und löse seine Paralyse von seinem Hals aufwärts, sodass er mir antworten kann.

»Ah!«, macht Saram und kneift die Augen zusammen, als hätte er etwas anderes erwartet.

»Entspann dich. Du bist noch nicht tot«, sage ich und verschränke die Hände hinterm Rücken. »Nicht, dass das die Situation besser macht, oder?« Ich lege den Kopf schief. »Fremdbestimmt, ohne Kontrolle über dein eigenes Leben, wie eine Puppe in der Hand eines anderen. Es ist vielleicht das Schlimmste, das man einem Menschen antun kann, findest du nicht?«

Saram nickt hastig. In diesem Moment würde er wohl allem zustimmen, das aus meinem Mund kommt, aber der Anblick weckt nur erneut Wut in mir.

»Das denkst du also auch. Da es dein Job war, andere Menschen zu fangen und zu Puppen zu machen, genießt du es wohl einfach, andere zu quälen, hm?«

Er zieht scharf die Luft ein, aber diesmal nickt er nicht.

»Ich würde ja gern sagen, dass Gott fair ist und Menschen wie dir genau das zurückzahlt, was sie ausgeteilt haben. Aber ich bestrafe dich. Und zu deinem Glück spiele ich nicht mit Puppen.« Ich schnippe erneut mit den Fingern und Saram klappt zusammen, wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hat.

Einen Moment sehe ich auf ihn herab, mit einem unangenehmen, frustrierten Gefühl im Bauch. Aber dann wende ich mich mit einem Seufzen ab. Vor mir liegt der leere Schankraum mit seinen Kratern und Löchern im Boden und in der Wand, gespickt mit Leichen. »Was für ein Chaos«, murmle ich und mein Blick huscht zu der Treppe, auf der der Boss aufgetaucht ist. »Zeit aufzuräumen.«

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